Die schweigende Mehrheit

Antisemitismus ist gesellschaftlich weit verbreitet, auch vor dem Campus der FU macht er nicht Halt. Zeit, stärker Paroli zu bieten, kommentiert Julia Marie Wittorf.

Antisemitismus bleibt ein großes Problem. Foto und Montage: Julia Marie Wittorf

Seit dem Attentat in Halle auf eine jüdische Synagoge mit zwei Toten wird auf bundespolitischer Ebene wieder über Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft gestritten. Doch allein im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, in welchem sich auch der Campus der Freien Universität Berlin befindet, kam es 2018 laut Zahlen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) zu 25 antisemitischen Vorfällen – ein Anstieg von über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Darunter zählen neben Angriffen oder Bedrohungen auch Sachbeschädigungen wie Hakenkreuzschmierereien auf der Basecap eines jüdischen Schülers.

Antisemitismus an der FU

Antisemitismus, so viel steht fest, macht vor Institutionen keinen Halt. Seit langem schon beklagt der Asta, „dass antisemitische Namensgeber*innen wie Henry Ford vom Campus verbannt werden“ müssten. Auch machte die Kontroverse über die ehemalige Dozentin Roldán Mendívil einen unbeholfenen Umgang mit dem Thema deutlich. Während die Studierendenschaft gespalten schien, entschied sich das OSI, den Lehrauftrag für Roldán Mendívil nicht zu verlängern – noch bevor das Untersuchungsverfahren zu einem Ergebnis gekommen war.

Antisemitische Vorfälle haben in fast allen Bezirken in den letzten Jahren zugenommen. Grafik: RIAS

Immer wieder werden Plakate auf dem Hochschulgelände von Rechten zerstört, darunter jüngst jene der Kritischen Orientierungswochen an der FU (KORFU) durch Anhänger*innen der Identitären Bewegung. Und nicht zuletzt gibt es bis heute kein offizielles Gedenken für den pakistanischen Wissenschaftler Mahmud Azhar. Dieser war im März 1990 an den Folgen eines rassistischen Übergriffs auf dem ehemaligen Universitätsgelände in Lichterfelde gestorben.

Antisemitismus erkennen lernen

Florian Eisheuer, Projektleiter der diesjährigen Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung, welche unter anderem zivilgesellschaftliche Projekte gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus unterstützt, macht die Notwendigkeit eines kritischen Diskurses deutlich: „Würde eine hegemoniale Position von Antisemitismus sich festsetzen können, dann würde das natürlich auch die Freiheit der Lehre oder der Berufswahl treffen, selbst, wenn wir keine Jüdinnen und Juden sind.“ Antisemitismus als Ideologie richte sich immer auch gegen die Errungenschaften einer Demokratie. Auf der Auftaktveranstaltung „#unplugantisemitism“ versuchten sich daher Wissenschaftler*innen, Studierende und Interessierte gemeinsam an der Dechiffrierung subtil vermittelter Botschaften. Derlei praktische Auseinandersetzung ist also nicht nur möglich, sondern innerhalb einer Hochschulgemeinschaft erforderlicher denn je.

An der FU selbst versuchen studentische Initiativen diesem Umstand gerecht zu werden, wie die über 50 selbstorganisierten Veranstaltungen der KORFU in diesen Tagen deutlich zeigen. Gleichsam thematisieren die kulturelle Veranstaltungsreihe „Wasted in Dahlem“ sowie das „Festival contre le racisme“ kapitalismuskritische, genderreflektierende und antifaschistische Standpunkte. „Hochschule steht nicht außerhalb der Gesellschaft. Sowohl wirken gesellschaftliche Machtstrukturen in die Uni hinein, als auch die Wissenschaft wiederum die Gesellschaft beeinflusst“, argumentiert der Asta.

Dass die Verantwortung dafür bisher auf wenigen Studierenden lastet, muss leider auch als Scheitern der gesamten Hochschulgemeinschaft verstanden werden. Zu groß scheint die schweigende Mehrheit. Im Zuge der Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes lautete daher die Forderung der LandesAstenKonferenz Berlin, endlich mehrere Antidiskriminierungsbeauftragte mit weitreichenden Kompetenzen einzusetzen.


Wer die Initiative ergreifen und eine Orga-Gruppe für das kommende „Festival contre le racisme” gründen möchte oder sich mit Ideen ins Team einbringen will, kann sich zur Unterstützung an den AStA wenden: info@astafu.de

Vom 22. November bis 21. Dezember 2019 zeigt der Asta in Kooperation mit dem apabiz die wandernde Ausstellung „Immer wieder? Extreme Rechte und Gegenwehr in Berlin seit 1945“ in den Räumen der Rost- und Silberlaube. Mehr dazu hier: https://www.apabiz.de/immer-wieder/

Die Amadeu Antonio Stiftung bietet Hochschulgruppen, welche sich gegen Antisemitismus stellen möchten, eine kostenlose Beratung und Unterstützung an. Eine Kooperation mit finanzieller Beteiligung kann ebenfalls beantragt werden. Weitere Informationen dazu finden sich hier: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/foerderung/

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