Freie Fahrt für freie Märkte an der Freien Universität

Wer sein Handy reparieren lassen will, geht wohin? Natürlich an den Reparaturstand in der Rost- und Silberlaube. Aber warum da schon mit dem Kommerz an der FU aufhören, meint Julian von Bülow.

Das Jahr 2029. Leise säuselt einer dieser austauschbaren Four-Chord-Songs im Kundenradio aus den Lautsprechern in der Rost- und Silberlaube. Musik kann schließlich zum Kauf anregen! Doch im Studi-Lärm an Verkaufsständen mit Armani-Anzügen bis Zuckerwatte geht das Geplänkel fast unter. Beim Anblick bekomme ich feuchte Augen: Der Markt hat es endlich geregelt.

Sale in Berlins Universitäten

Angefangen hat es in den 1990ern. Berlin strich die Gelder für die Universitäten zusammen, an der FU sank die Zahl der Studierenden um etwa 20.000. Immer stärker mussten sich die Hochschulen nach anderen Finanzierungsquellen umsehen, verhökerten Dahlemer Villen, öffneten sich für Unternehmen. An der TU-Bibliothek prangt seit 2004 der Schriftzug von Volkswagen, auf der TU-Mensa wirbt die Deutsche Telekom und beide stecken natürlich auch Drittmittel in FU-Forschung. Man muss ja auch auf seine Corporate Responsibility achten!

Muss man das doof finden!? Nee, prämieren kann man das! 2006 durfte sich die FU stolz „Unternehmerischste Hochschule Deutschlands“ nennen. Die Universitäten waren damit ihrer Zeit voraus, denn Merkel sprach erst 2011 von der „marktkonformen Demokratie“. Da ist es auch nur konsequent, wenn der Tagesspiegel zunehmend von „Hochschulmanagern“ schreibt. Manager*innen werden nicht demokratisch gewählt und da sich nicht mal mehr ein Drittel der Profs zum Wählengehen aufrafft – von Studis ganz zu schweigen! –, kann man den Bums eigentlich irgendwann auch sein lassen.

Das K in K-Straße steht für Karriere

Während sich Professor*innen um Drittmittel für ihre Forschung kümmern müssen, irren Studis dann zwischen überteuerter Mietwohnung und Nebenjob umher und können sich im „Erfolgsfall“ am Ende ein Regelstudienzeit-Bafög-Highfive geben. Am besten sucht man sich eine Stelle beim Handyreparatur-Stand im Herzen des Rost- und Silberlaube oder verteilt im TU- und FU-Foyer Flyer für blablabus. Und wer kein Risiko bei der eigenen Karriereplanung eingehen will, geht zu „Wie gründe ich eine Bank?“-Seminaren vom FU-Career Service mit freundlicher Kooperation der Wirtschaftsberater*innen von KPMG.

Studieren, da ging es früher mal um Bildung. Und jetzt? 2005 hieß es in der BILD-Zeitung „Wir sind Papst“, 2019 heißt es an Deutschlands Universitäten „Wir sind Zielgruppe“. Notleidende Zeitungsverlage und übermotivierte NGOs in deiner U-Bahn-Nähe wollen dich kennenlernen. Da stimmt natürlich auch die FURIOS mit ein: „Studierende sind jung, trendbewusst und kaufkräftig. Sie sind künftige Fachexpert*innen und setzen Maßstäbe von morgen“ steht in den Mediadaten für Werbepartner*innen.

Eines Tages geht man dann durch die K-Straße und sieht neben den Werbeanzeigen von AOK und Sparkasse einen Techniker. Er steht auf einer Leiter, montiert Lautsprecher und summt den neusten Four-Chord-Song. Holen wir unser Red Bull Blueberry Werbegeschenk aus unserer Campustüte und stoßen an: Prosit, schöne neue Welt!

Autor*in

Julian von Bülow

erkennt das doppelte Leerzeichen im Text auch noch aus 5000 Pixel Entfernung und ist ein kleiner Teil des Mediensystems im Mikrokosmos FU Berlin.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.