Unterwegs in den Gassen von Sparta

Videospiele haben keinen Nutzen, sondern verherrlichen Gewalt – der gängige Vorwurf. Mit Assassin’s Creed Discovery Tours will Spieleentwickler Maxime Durand das Gegenteil beweisen. So ließ sich Leonie Beyerlein in die Vergangenheit ziehen.

Assassin’s Creed Discovery Tours Foto: Leonie Beyerlein

Auf der Agora herrscht reges Treiben. Händler preisen ihre Ware an und feilschen mit den Kunden, Kinder laufen zwischen den Marktständen entlang. Die Situation könnte so einmal tatsächlich stattgefunden haben. Sie ist jedoch eine Simulation in einem Videospiel.

Maxime Durand beendet die Videosequenz und beginnt mit Erläuterungen zu der historischen und wissenschaftlichen Recherche für Assassin’s Creed. Der Historiker arbeitet als Content Manager für das Spiel bei dem Hersteller Ubisoft in Montreal. Im Rahmen der Ringvorlesung „Alte Welt neu formatiert“ präsentiert er die berühmte Spielreihe aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive: „History for all – How Assassin’s Creed expanded into the education sphere“. 

Authentische Reise in vergangene Welten

Assassin’s Creed handelt von den Abenteuern verschiedener Generationen von Assassinen, die in der realen Welt der schiitisch-islamischen Glaubensgemeinschaft der Nizarit*innen angehörten, und in deren Rolle der*die Protagonist*in schlüpft. Jedes der bisher elf Spiele findet in einer anderen Epoche und Region statt. Durch langwierige Recherche und mit viel Liebe zum Detail erschaffen Durand und sein Team authentische Replikate vergangener Zeiten. Das Spiel stößt daher bei Gamer*innen wie Historiker*innen auf Begeisterung.

Ubisoft sieht einen großen pädagogischen Mehrwert in der Spielreihe. Daher entwickelte die Firma in Zusammenarbeit mit Pädagog*innen so genannte Discovery Tours zu zwei Spielen, welche sich vor allem an Schulen richten. In zahlreichen Führungen können die Spieler*innen das alte Ägypten und das antike Griechenland erkunden. Sie treten in Kontakt mit berühmten Zeitzeug*innen, die ihnen Genaueres zu den Schauplätzen und der damaligen Lebensweise erzählen. Über den Fotomodus können Momentaufnahmen während der Erkundungen gemacht werden. Die Bilder eignen sich beispielsweise für Analysen in Referaten. Wie Durand berichtet, wird Assassin’s Creed in Kanada bereits an zirka 20 Schulen im Unterricht eingesetzt. In Deutschland ist aktuell keine Bildungseinrichtung bekannt, die das Spiel nutzt. 

Jenseits von Frontalunterricht

Durand zufolge sind Videospiele eine von vielen Möglichkeiten der Wissensvermittlung. Jedoch reihen sich Spiele nicht einfach neben Filmen und Büchern ein. Sie fordern die Nutzer*innen zur Interaktion mit der Umgebung auf und vermitteln dadurch stärker als andere Medien das Geschehen einer vergangenen Zeit.  

Lernspiele wie Assassin’s Creed Discovery Tour sind gute Beispiele für die positiven Aspekte von Videospielen. Auf den Anschlag einer Synagoge in Halle reagierte Horst Seehofer mit alten Vorurteilen gegenüber der Gamerszene. Diese müsse stärker beobachtet werden, da sich hier besonders viele potentielle Täter*innen finden würden. 

Dabei konnte bisher durch keine Studie die Zunahme von Aggression und Gewaltausübung bei Videospieler*innen nachgewiesen werden – und es gibt sehr viele. Studien zum Erfolg von Lernspielen hingegen weniger. Dabei sind die Rückmeldungen der Schulen, die Assassin’s Creed bereits im Unterricht nutzen, überaus positiv. Raum für weitere Untersuchungen bestünde daher durchaus. Auch der Bundesminister würde womöglich begeistert von einer Reise in die Antike zurückkehren.

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