Wir Klima-Prokrastinierer*innen

Das Klima wartet nicht, bis wir aus unserer Lethargie erwacht sind. Eine Vortragsreihe der Students for Future soll die Klimakrise wissenschaftlich beleuchten. Julian Sadeghi hat zugehört.

„There is NO Planet B“ Foto: unsplash.com

Zwei Drittel Populationsverlust, 130 Millionen Klimaflüchtende in den nächsten 30 Jahren, Zusammenbruch von Zivilisationen. An apokalyptischen Superlativen mangelt es nicht in Gregor Hagedorns Vortrag „Warum alles viel schlimmer ist und warum wir nicht drüber reden“. Diesen hielt der Biologe und Informatiker im Rahmen der „Lectures for Future“, einer von der FU-Hochschulgruppe Students for Future organisierten Vortragsreihe, bei der Expert*innen während des gesamten Semesters ihren wissenschaftlichen Blick auf die Klimakrise teilen.

Hagedorn, Mitgründer der Scientists for Future, nimmt vor dem zahlreich besetzten Publikum kein Blatt vor den Mund: „Wir als Gesellschaft haben so die Idee, wenn wir alle kleine Schritte in die richtige Richtung machen, dann wird das schon. Aber nur weil wir alle kleine Schritte machen, heißt das nicht, dass wir vor Sonnenuntergang bei der Berghütte sind.“

Kippelemente wie kochende Milch

Die Klimakrise ist nicht monokausal: Die steigende Weltbevölkerung, schmutzige Kohleenergie in aufstrebenden Schwellenländern, EU-Agrarsubventionen, im globalen Vergleich Wohlhabende, die mit dem Flieger von einem Land ins nächste jetten – alles Auslöser für den schlechten Zustand unseres Planeten. Problematisch sind zusätzlich die sogenannten Kippelemente. Das sind kritische Faktoren, deren „Kippen“ irreversible Folgen für das Weltklima haben kann. Ein Beispiel ist der Amazonas-Regenwald, dessen Brandrodung globale Auswirkungen nach sich zieht. Laut Hagedorn hält es die Menschheit mit den Kippelementen wie mit dem Erhitzen von Milch: „Kocht sie über, stellen wir reflexartig den Topf von der Herdplatte, und ignorieren dabei die Tatsache, dass das überhaupt nichts bringt – die Milch ist ja schon längst aus dem Topf ausgelaufen.“

Verwechslung von Fortschritt und Zielerreichung

Die Probleme sind lange bekannt, nur reden wir nicht darüber. Warum, das beantwortet Hagedorn so: „Über das Klima reden ist ein bisschen so als wenn man seinen Nachbarn von merkwürdigen Sexualpraktiken erzählt – die wollen das nicht wirklich hören.“ Unser Weltbild in Sachen Klima sei veraltet und bei den meisten Politiker*innen habe „das letzte Update der wissenschaftlichen Erkenntnislage in den 70er- und 80er-Jahren stattgefunden.“ Die Politik biete nur psychologische Scheinlösungen wie etwa die Energiewende an. Hagedorn hält sie für symbolisch und fordert, die Bemühungen um Faktor fünf bis zehn zu beschleunigen, sonst seien die Ziele nicht zu erreichen.

Auch im weltweit erstarkenden Nationalismus und der fehlenden Einbindung junger Leute in politische Entscheidungen sieht er ein Problem. Der Klimawissenschaftler richtet drei große Wünsche an die deutsche Politik: Zwanzig Prozent der Unterrichtszeit an Schulen und Universitäten und der Sendezeit im Rundfunk müssten der Nachhaltigkeit gewidmet werden, es brauche einen „Bundesnachhaltigkeitsrechnungshof“ nach Art des Bundesrechnungshofes und eine Naturverbrauchsabgabe, ähnlich einer CO2-Steuer. Die Menschheit prokrastiniere in Sachen Klima, bilanziert der Wissenschaftler. Hoffnung sieht er dennoch: „Wir können in andere Zustände kommen.“

Bis Februar gibt es jeden Mittwoch um 16 Uhr c.t. eine „Lecture for Future“. Das Plenum der Gruppe findet mittwochs um 18 Uhr im Raum KL 29/208 statt.

Autor*in

Julian Sadeghi

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