Kritische Fragen gegen Durchregieren nach Führerprinzip [+Video]

ZDF-Moderatorin Marietta Slomka diskutierte an der FU. Julian von Bülow berichtet über ihren Blick auf soziale Netzwerke, den Journalismus und die deutsche Debattenkultur.

Ein Wasserschaden, ein Stau und einmal durchatmen, dann geht die Diskussion mit Marietta Slomka endlich los. Rund 300 Gäste haben gewartet bis die ZDF-Moderatorin des „heute journals“ das Podium im Henry-Ford-Bau betritt. Margreth Lünenborg vom FU-Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Journalist Nico Fried von der Süddeutschen Zeitung diskutieren mit ihr über den Wandel des Journalismus.

Der „Rotz“ macht die Arbeit zunehmend schwieriger

In der Schilderung von Slomka scheint das Leben früher ruhiger gewesen zu sein: Fehler in den Nachrichtensendungen hätten sich „versendet“, nur vereinzelt hätten Leute handschriftlich oder mit Schreibmaschine Briefe an die Redaktion verfasst. Selten habe jemand seine Verärgerung anonym auf den ZDF-Anrufbeantworter „gerotzt“. Doch heute bleibt auch die Sendung von gestern im Netz und der nächste Shitstorm lauere um die Ecke. Mittlerweile seien die sozialen Medien der vollgerotzte Anrufbeantworter unserer Zeit, so Slomka. Und auch ohne „Rotz“: Twitter nutzt die Journalistin ausschließlich mit einem anonymen Konto zum Lesen, denn „wieso muss ich US-Medienunternehmen aktiv als Content-Lieferantin dienen?“

Der großen Bühne im Netz zieht Journalistin Marietta Slomka das Podium im Henry-Ford-Bau vor. Foto: Julian von Bülow

Dabei stammt der Hass im Netz nicht nur von verärgerten Zuschauer*innen. Das habe Slomka bei der Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt 2014 mitbekommen: „In einer Redaktionskonferenz sagte ein Kollege: ‚Ihr glaubt doch nicht, dass das Zufall ist, das ist orchestriert.‘ und ich sagte noch: Bitte keine Verschwörungstheorien! Aber irgendwann merkte man, dass es kein Unsinn war.“ Russische Trolle hetzten in deutschen Kommentarspalten.

Und auch im Inland wird das Diskussionsklima rauer, verbale Angriffe auf Medien, insbesondere aus dem rechten Spektrum häuften sich. „Wir sollten eigentlich unabhängig von aktuellen parteipolitischen Strömungen sein. Aber wenn man so massiv und systematisch angegriffen wird, geht das an der Redaktion auch nicht spurlos vorbei. Ausgewogen jedem eine Stimme zu geben, selbst eine Haltung zu haben und dann auswählen zu müssen – da ist es manchmal eine Herausforderung, journalistisch zu bleiben“, gibt Marietta Slomka zu.

Perfektion im tagesaktuellen Journalismus nicht einzuhalten

Unabhängigen Journalismus brauche es. Mit Verweis auf den Youtuber Rezo sagte Slomka: „Auch Youtube bietet eine große Chance, das ist aber kein Journalismus.“ Denn die Antwort auf den Titel der Diskussionsveranstaltung „Journalismus, braucht man das noch oder kann das weg?“ scheint simpel: Ja, denn es sind Journalist*innen, die Fakten im Diskurs prüfen. Dass das nicht immer einfach ist, erfährt auch Slomka täglich in der Redaktion: „Man ist sich ganz sicher, dass das, was man geschrieben hat, absolut richtig ist. Aber nein! Jeden Tag stehen die Faktenprüfer*innen mit der Mängelliste in deiner Tür.“ Gerade diese gegenseitige Kontrolle mache die Arbeit einer Redaktion so wertvoll.

Mit Perfektionsanspruch im tagesaktuellen Journalismus sei es dennoch schwierig, man könne es sowieso nicht allen Kritiker*innen recht machen: Am Ende sei man immer zu rechts, zu links, zu unfreundlich. „Und die Interviews mit Politikern im heute-journal sind sehr kurz, zwischen vier und sieben Minuten. Im Nachhinein denke ich oft: Warum hast du da nicht nochmal nachgehakt. Die besten Interviews, so die ZDF-Moderatorin, seien die, „wenn es Drama gibt und man minutenlang auf diesem einen Punkt herumreitet.“ 

Trotz Trollen in sozialen Medien, Parteien mit eigenem News Room und aufgeheiztem Debattenklima: Die deutsche Diskussionskultur habe, so Slomka, eine demokratische Qualität. „Wer Politik nicht als Durchregieren nach dem Führerprinzip versteht, muss kritische Fragen aushalten.“ Und die überwiegende Mehrzahl der Politiker*innen stelle sich journalistischen Interviews. Ob sie sich Björn Höcke als Interviewpartner im heute-journal vorstellen könnte? „Schwierig!“ Man setze durchaus Standards für Interviewpartner*innen, aber wenn die AfD Regierungsposten übernehme, müsse sich auch die Auswahl an Interviewten daran orientieren. „Es ist aber auch faszinierend, dass wir schon wieder über die AfD reden. Als gäbe es nichts Anderes mehr.“


Die Veranstaltung war der Auftakt zu einer Reihe des neugegründeten „Center for Media and Information Literacy“ am FU-Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Die nächste Veranstaltung findet am 13. Januar 2020 statt und trägt den Titel „Doping vom Staat und Korruption bei der Fußball-WM: Wenn sich investigativer Sportjournalismus mit den Mächtigen anlegt. Hajo Seppelt im Gespräch“.

Autor*in

Julian von Bülow

erkennt das doppelte Leerzeichen im Text auch noch aus 5000 Pixel Entfernung und ist ein kleiner Teil des Mediensystems im Mikrokosmos FU Berlin.

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