Blind studiert länger

Viel Lesestoff, nerviger Nahverkehr und ein unübersichtlicher Campus: Belastend für alle Studis, doch wie sieht der Unialltag für blinde Menschen aus? Einen hat Julian von Bülow für einen Tag begleitet.

Schnell rasen Maries Finger über die Braillezeile. So liest Marie während der Vorlesung mit. Foto: Julian von Bülow

Novembermorgen, sieben Uhr: Es ist dunkel, es ist kalt und es ist Zeit, dass Marie in die S-Bahn einsteigt, denn um 8:15 Uhr beginnt ihre Pädagogikvorlesung. Doch ehe sie sich mit ihrem Stock durch die unübersichtliche Rost- und Silberlaube zum Hörsaal durchtasten kann, muss sie zuerst an dutzenden Studierenden vorbei, die ebenfalls mit der Bahn zur Freien Universität fahren. Am Heidelberger Platz versuchen viele, ihr auszuweichen, manche berührt sie mit ihrem Blindenstock und bittet jedes Mal um Entschuldigung und einige springen über ihn. „Deshalb ist der auch schon verbogen“, sagt sie.

Marie Lampe ist zwanzig, blind und eine von etwa 4.000 Studierenden mit Sehbehinderung in Berlin, so die Sozialerhebung des Studierendenwerks von 2016. Im Herbst dieses Jahres hat sie begonnen, Sonderpädagogik und Englisch auf Lehramt zu studieren. Nach dem Studium möchte sie blinde Schüler unterrichten, doch bis dahin sitzt sie in Vorlesungen und Seminaren.

Im Hörsaal sitzt Marie mit Kopfhörer in einem Ohr vor ihrem Laptop. Während die Dozentin über das visuelle Gedächtnis spricht, rasen Maries Finger über die Braillezeile. Markiert sie am Computer einen Text in der Vorlesungspräsentation, heben sich die weißen Knubbel zu Buchstaben, die Marie ertasten kann. Wenn sie wissen will, wie spät es ist, drückt sie einmal auf ihr iPhone und in dreifacher Geschwindigkeit murmelt die Sprachausgabe die Uhrzeit. „Der Laptop spricht in der gleichen Geschwindigkeit. Wer daran nicht gewöhnt ist, versteht erstmal gar nichts, aber mir spart es Zeit.“

Wie umgehen mit einer blinden Studentin?

Die Professor*innen sind darauf nur mäßig vorbereitet: Zeigt die Dozentin in der Vorlesung Videos, kann Marie damit wenig anfangen. „Letztens meinte eine Dozentin, in ihrem Seminar müsse ich den Laptop weglegen. Der hilft mir aber und jetzt muss ich nochmal mit ihr sprechen“, sagt Marie. „Und wenn ich mich in einer Vorlesung melde, wissen Dozenten teils nicht, wie sie mich drannehmen sollen. Das ist dann immer etwas komisch.“

Dozierende seien nur selten für den Umgang mit Menschen mit Behinderung sensibilisiert, so Sandra Neumann von der Enthinderungsberatung des Asta. „Die Studierenden fühlen sich an der Uni alleingelassen.“ Dennoch gibt es auch positive Beispiele. Als Marie ihren Immatrikulationsantrag nicht korrekt ausgefüllt hatte, organisierte der Behindertenbeauftragte der FU jemanden, der Marie beim Ausfüllen half. Bei Beratungsstellen des Asta, den Universitäten und dem Studierendenwerk gibt es außerdem Rat, wie man Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen kann. So will Marie beispielsweise bei Studierendenwerk Geld für eine Assistenz beantragen. „Aktuell scannen ich, bzw. mein Freund, alle Texte ein, die es nicht digital gibt“, so Marie. „Mit dem Geld kann ich dann jemanden bezahlen, der das für mich macht oder mich beispielsweise zu Veranstaltungen begleitet.“

Geld hilft nicht gegen Berührungsängste

Anfangs hatte sich Marie das Arbeitspensum vorgenommen, das im Studienverlaufsplan vorgeschlagen wurde. „Doch die Vor- und Nachbereitung nahm zu viel Zeit in Anspruch, da habe ich reduziert und werde deshalb etwas länger studieren.“ Sorgen um ihr Bafög muss sich Marie nicht machen, denn Menschen mit Sehbehinderung können auch über die Regelstudienzeit hinaus gefördert werden, so die Pressesprecherin des Studierendenwerks.

Geld und Assistenz erleichtern das Studium, doch häufig sind es vermeintlich kleine Dinge, die das Studium erschweren: „Die Speisepläne der Mensa gibt es online, das ist praktisch. Aber wenn es an den Raumschildern die Namen auch in Braille-Schrift geben würde oder Leitstreifen in der Rost- und Silberlaube so wie an den Bahnhöfen, wäre mir damit sehr geholfen.“ Und auch die Studierenden können unterstützen. Die Hilfsbereitschaft sei sehr hoch, Kommiliton*innen begleiten Marie auch zur nächsten Veranstaltung. „Dennoch wollen viele nichts falsch machen und haben eine gewisse Berührungsangst. Da ich auf dem Campus aber nur schwer jemanden erkennen kann, müssen die Leute auf mich zukommen. Nur müssen die das erstmal wissen.“

Insgesamt ist Marie von ihrem Studium überzeugt. „Es ist nicht alles perfekt, aber ich verbringe ja auch nicht volle 24 Stunden hier.“ Neben dem Studium spielt Marie Klavier, Blindentennis und mit dem Hund ihres Freundes. „Berlin und die FU sind für Blinde ganz okay.“

Autor*in

Julian von Bülow

erkennt das doppelte Leerzeichen im Text auch noch aus 5000 Pixel Entfernung und ist ein kleiner Teil des Mediensystems im Mikrokosmos FU Berlin.

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