Des einen Leid, des anderen Schnäppchen

Der Weg der Kleidung vom Herstellungsland nach Europa führt häufig über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen oder Tierquälerei. Die aktuelle Ausstellung „Fast Fashion – Die Schattenseite der Mode“ im Museum Europäischer Kulturen zeigt einige herrschende Missstände in der Produktionskette der heutigen Mode auf. Denise Köhler hat sie besucht.

Modeschauen sind fester Bestandteil der wechselfreudigen Fashionwelt (Symbolbild). Quelle: Pixabay
Modeschauen sind fester Bestandteil der wechselfreudigen Fashionwelt (Symbolbild). Quelle: Pixabay

Jeder kennt es: Beim Schlendern durch Läden blinken Prozentzeichen und Rabattaktionen verführend und obwohl es nicht geplant war, landet am Ende doch ein neues, spottbilliges T-Shirt in der Tasche; obwohl jede*r weiß, dass die Shirts nur so günstig angeboten werden können, weil bei der Produktion auf kostengünstige Materialien und schnelle Prozesse gesetzt wird. Wie das Ganze aber im Detail aussieht und welche Missstände in den Herstellungsländern herrschen, wird oft verdrängt oder gar totgeschwiegen. Im Museum Europäischer Kulturen nimmt die Ausstellung „Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode“ das Thema und sämtliche davon betroffene Bereiche genauer unter die Lupe.

Europäische Unternehmen unterwandern EU-Richtlinien

Fast Fashion ist der Inbegriff absoluter Beschleunigung. Häufig vergehen ab dem Entwurf nur wenige Wochen, bis ein T-Shirt hier im Laden hängt. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Shirt bereits mehrere 10.000 Kilometer quer über den Globus transportiert. Der Ausstellungsparcours zeichnet diesen Weg, neben bloßen Fakten zu Produktionsorten und Umsatzzahlen, entlang ungeschönter Bilder und Geschichten nach und beginnt bei Bildern von Baumwollplantagen: oberkörperfreie Arbeiter, die Ernte schädliches Ungeziefer mit Chemikalien bekämpfen.

Oft wissen sie nicht, welche Auswirkungen diese auf Gesundheit und Umwelt haben, denn anders als in der Europäischen Union gibt es in vielen Ländern keine Regulierungen für die Verwendung von Chemikalien. Waren, die nicht unter EU-konformen Bedingungen hergestellt worden sind, können aber problemlos importiert werden. Die fehlende Regulierung im Ausland – so zeigt es die Ausstellung ist Anreiz dafür, dass 90 Prozent der von europäischen Unternehmen vertriebenen Kleidung außerhalb der EU produziert werden.

Die Einblicke, die den Besucher*innen in die Verhältnisse der Produktionsländer gewährt werden, sind alarmierend: 80-Stunden-Woche; niedrige Bezahlung, die kaum oder gar nicht zum Leben reicht; mangelnde Sicherheitsvorkehrungen wie beim Umgang mit Chemikalien. Die Bilder des Rana Plazas in Bangladesch – einer Textilfabrik, bei deren Einsturz im Jahr 2013 über 1.100 Menschen ums Leben kamen – sind Sinnbild für die Arbeitszustände und die geringe Wertschätzung der Arbeiter*innen dort. Auf den dazugehörigen Fotos: Menschen, die vor Leichensäcken stehen und ihre Lieben betrauern. 

Gattung der Verschwenderischen

Mit der Industrialisierung veränderten sich auch die Produktions- und Vertriebsabläufe der Modeindustrie. Die Entwicklung wird deutlich, am Umgang der Menschen mit Kleidung in den 30er-Jahren verglichen mit heute. Damals flickten die Menschen abgetragene Kleidung und verwendeten sie wieder. Heutzutage hingegen liegt das Augenmerk auf rasant wechselnden Trends, der Saisonmode. Reparaturen rentieren sich oftmals nicht, weil ein Überangebot günstiger Mode vorliegt.

Lagerhaus in Panipat
Aussortierte Kleidung, die in einem Lagerhaus in Panipat nach Farben sortiert worden ist. Foto: Tim Mitchell, Recycling von Kleidung, 2005 © Tim Mitchell and Lucy Norris.

So wird aussortierte Kleidung in den Müll oder bestenfalls in die Altkleidertonne geworfen. Die gespendete Kleidung findet oft den Weg zurück in die Produktionsländer, wo sie weiterverkauft wird. Das wiederum begünstigt den Fast-Fashion-Kreislauf, denn das sorgt dafür, dass die Menschen in den Herkunftsländern nicht nur als Arbeitnehmende, sondern auch als Kund*innen abhängig von den europäischen Unternehmen sind.

Wütende Arbeiter in Australien, die auf Schafe beim Scheren einschlagen, und Angorakaninchen, denen in China unter markerschütterndem Schreien das Fell ausgerissen wird. Die Ausstellung setzt auf schockierende Bilder und Videos, um Aufmerksamkeit zu erregen. Doch es existieren Lichtblicke am Modehorizont wie die Projekte und Unternehmen der Slow Fashion-Bewegung, die auf nachhaltigen Modekonsum setzen. Im Programmheft wird resümiert: „Fast Fashion hat den neuen Typus der schnellen Modekonsument*innen hervorgebracht.“ Aber Typen lassen sich ändern. 


Die Ausstellung „Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode“ ist noch bis zum 02.08.2020 im Museum Europäischer Kulturen zu sehen.

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