Wir alle sind Fleabag

Die Serie „Fleabag“ war in Deutschland der reinste Straßenfeger. Das Theaterstück von Phoebe Waller-Bridge, auf dem die Serie basiert, wird nun in Berliner Kinos übertragen. Jette Wiese hat es sich angesehen.  

Phoebe Waller-Bridge alias „Fleabag“ erzählt mal wieder eine Anekdote. Foto: Matt Humphrey

Eine junge Frau – groß, schwarze Haare, roter Pulli – sitzt auf einem Barhocker auf einer Bühne, ganz allein. In ihrer Hand ein imaginäres Meerschweinchen, das gerade stirbt und leidend quiekt. Die Frau weiß sich nicht besser zu helfen, will das Tier erlösen und drückt zu. Knochen knacken. Stille.

„Fleabag“ (übersetzt sowas wie „Ekelpaket“ ) ist ein Ein-Personen-Theaterstück von und mit der britischen Schauspielerin und Autorin Phoebe Waller-Bridge. Sie führte es 2013 erstmals im Soho Theatre in London auf und es ist Grundlage für die gleichnamige Serie, die seit 2017 auf Amazon Prime läuft. Nun ist die Aufzeichnung des ursprünglichen Theaterstücks in einigen Berliner Kinos zu sehen. 

Es geht um Selbsthass, Sex und ein Meerschweinchen 

Fleabag, die weibliche Hauptfigur, betreibt ein Meerschweinchen-Café. Sie hat es zusammen mit ihrer besten Freundin eröffnet, die sich das Leben nimmt. So führt die Anfang 30-Jährige das beinahe insolvente Lokal allein weiter und ist auch sonst ziemlich einsam. Sie trennt sich von ihrem Freund und auch ihre Schwester und ihr Vater – beide zerrissen vom frühen Tod der Mutter – weisen sie ab. Ihr einziges Mittel gegen Trauer und Selbsthass ist die zumindest kurze und oberflächliche Bestätigung durch Sex. Von diesem erzählt sie feministisch und rau, die Grenzen des vermeintlich Sagbaren bewusst überschreitend.

In 90 Minuten plaudert Fleabag über peinliche Begegnungen und über das absurde Meerschweinchen namens Hillary, das sie ihrer verstorbenen Freundin zum Geburtstag schenkte und alles ist, das von dieser  bleibt. Anekdote folgt auf Anekdote, gespickt mit Slapstickelementen und grandios verschwörerischen Blicken ins Publikum. Vereinzelt werden Geräusche wie das Quieken des Meerschweinchens eingespielt, Requisiten gibt es keine.

Die Schaustellung eines schmerzhaften Lebens

Fleabag zieht die Zuschauer*innen hinein in ihre Geschichte. Bald ist es kein Schwank aus ihrer Jugend mehr, den sie auf der Jagd nach schnellen Lachern auftischt. Nein, die Zuschauer*innen sind Zeug*innen einer Kapitulation vor dem Leben, das der Protagonistin so verdammt weh tut. Man will sie bewahren vor den Abgründen, in die sie zu stürzen droht – unfähig, Hilfe zu suchen; zu stolz, um ehrlich zu ihrer Familie zu sein, deren Zuneigung sie sich eigentlich wünscht. 

Das Publikum ist dabei wie gefesselt, kann nichts tun, als jede noch so kleine Regung im Gesicht der Schauspielerin penibel zu verfolgen. Es ist, als dürfte man exklusiv zusehen, wie die Schatten der Person vorbeihuschen, die Fleabag in Wahrheit ist. Manches davon spricht sie aus und brilliert mit Tabubruch als Stilmittel, so schmiedet sie Allianz mit dem Publikum. 

Vieles bleibt aber verborgen, es sind Indizien, die Fleabags Schmerz erahnen lassen, ohne dass sie ihn benennt. Die Serie gestattet – rein technisch – noch mehr dieser schauspielerischen Feinheiten. Auf der Theaterbühne bleiben so manch zuckende Augenbraue und schelmisches Grinsen leider auf der Strecke. 

Trotzdem funktioniert die Geschichte auch hier, auch in Berlin, sieben Jahre und tausend Kilometer entfernt von der ersten Aufführung. Das Stück ist ein Manifest genialer, feministischer, ehrlicher Erzählung. Warum, das bringt Waller-Bridge in einem Interview selbst am besten auf den Punkt: „In Fleabag ist ein bisschen etwas von jeder*m – und jede*r von uns ist ein bisschen Fleabag.“


Die Aufführungen werden in den Kinos der Yorck-Gruppe übertragen. Tickets sind rar, also besser gleich bestellen! 

Autor*in

Jette Wiese

Hochschuldemokratiefetischistin und Politikressortleiterin. Lieber lange Wörter als Langeweile.

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1 Response

  1. Rainer Wiese sagt:

    Nu muss ich den Film auch mal sehen. Und die Serie auch. Danke für den starken Bericht.

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