Once Upon a Time in … Dahlem

Unzählige Filmklassiker flimmerten schon auf den Leinwänden des Capitols. Erst nutzte „Reichsfilmkammer”-Präsident Fröhlich das Kino privat, später lebte es vom Engagement des jüdischen Schauspielers Gerhard Klein. Zu dessen 20. Todestag fand Annika Grosser den Weg ins Capitol.

Internationale Filmkunst in der Jugendstilvilla: Das Capitol Dahlem. Foto: Janek Kindel

Ein Gongschlag zieht scheppernd durch den Saal, das Licht erlischt und der gerüschte Vorhang hebt sich langsam. Der Lionsgate-Schriftzug flackert über die Leinwand. Es ist Montag, Kinotag im Capitol Dahlem. Das kleine Programmkino der Yorck-Gruppe verbirgt sich hinter den von wildem Wein umrankten Mauern einer kleinen Villa in der Thielallee. Im Foyer hängen Filmplakate von Meisterwerken etlicher Jahrzehnte Kinokultur, im Keller des Filmtheaters verstecken sich sogar noch einige original Filmrollen und ein alter Filmprojektor erinnert an vergangene Zeiten. Offiziell eröffnete das Capitol 1952 unter der Leitung Gerhard Kleins. Auf seine gemeinsame Geschichte mit dem Kino macht eine neue Gedenktafel aufmerksam, die neben der Eingangstür installiert wurde.

Das Haus am Thielparkteich

Im Jahr 1928 begann der Bau der kleinen Villa in Dahlem, die 13 Jahre lang als private Residenz des Kaufherrn Johann Jürgens diente. Im Anschluss übernahm Regisseur und Präsident der „Reichsfilmkammer” Carl Fröhlich das Gebäude und ließ einen privaten Kinosaal einbauen. Ein Bombeneinschlag gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörte diesen jedoch fast vollkommen. Nach Abschluss der Restauration wurde das Kino schließlich erstmals mit neuem, vergrößertem Saal der Allgemeinheit geöffnet – unter der Leitung Gerhard Kleins.

34 Jahre lang füllte er die kleine Villa mit Leben und guten Filmen und machte das Capitol schließlich zu dem Kino, das wir heute kennen. Bekannt wurde der jüdische Kinderdarsteller mit seiner Bühnenrolle als „Professor” in Kästners „Emil und die Detektive”. Das war Anfang der 1930er, damals war Gerhard Klein zehn Jahre alt. Acht Jahre später wurde er im Zuge der NS-Herrschaft mit seiner Familie nach Polen abgeschoben, seine Eltern im Konzentrationslager ermordet. Gerhard Klein floh nach Palästina und kehrte schließlich 1952 nach Berlin zurück, wo er das Capitol übernahm und über drei Jahrzehnte leitete. Das Programm plante er selbst, gespickt von Klassikern, die noch heute auf den Filmplakaten in der Villa weiterleben.

One Billboard Outside FU, Berlin

1986 verkaufte Klein das Kino. Heute entscheidet die Yorck-Kinogruppe, welche Filme im Capitol gezeigt werden. Meist sind dies internationale, sozialkritische Werke, so auch Bong Joon-hos „Parasite”. Dank des frischgebackenen, sechsfachen Oscargewinners, einer „Art Quentin Tarantino in Korea mit Sozialkritik”, laufe es in den letzten Wochen ziemlich super, erzählt eine Mitarbeiterin.

Im einzigen Saal erstrecken sich 162 blaubepolsterte Kinosessel auf zwei Etagen über das Parkett und den Rang im ersten Stock. Reihe 12 sei besonders beliebt, was vermutlich an der zusätzlichen Beinfreiheit liegt, denn das Stammpublikum des alten Lichtspieltheaters setzt sich größtenteils aus der Altersklasse Ü80 zusammen. Hin und wieder gebe es auch mal Zoff um die Gangplätze. Trotz komfortabler Lage in der Thielallee, direkt neben der Rost- und Silberlaube, finden Studierende der FU nur selten ihren Weg in die Gemächer des Capitols. Das könnte daran liegen, dass das Programm keinen Spielraum für studentisch organisierte Filmvorführungen lässt. Doch auch wenn das Publikum nicht immer groß ist, so ist es zumindest treu. Das Capitol Dahlem hat sich über die Jahrzehnte in eine echte Institution entwickelt.

Diesen Winter, zu seinem zwanzigsten Todestag, wurde Gerhard Kleins Werk mit einer Gedenktafel im Foyer des Kinos geehrt. Bei der Zeremonie anwesend waren auch seine beiden Töchter. Die Zwillinge wuchsen mit dem Kino auf.

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