Porno war immer da

Selten hat ein Seminar an der FU die Gemüter so erhitzt: Die Amerikanistin Madita Oeming lehrt seit 2019 Porn Studies am John-F.-Kennedy-Institut. Im Gespräch mit Rabea Westarp über ihr Forschungsgebiet Pornografie und hasserfüllte Gegenreaktionen.

Madita Oeming im Gespräch. Foto: Madita Oeming.

Wie kann man sich Ihre Seminare vorstellen? Schauen Sie Pornos mit den Studierenden?

Ja, aber wir sehen uns nicht eine Stunde lang pornografisches Material an. Ich suche Szenen aus; mal schauen wir nur den Anfang, mal das Ende, selten mehr als 15 Minuten am Stück. So kann man arbeiten, ohne sich unwohl zu fühlen und aus dem Blick zu verlieren, wonach man sucht. Häufig besteht unser Sehauftrag aus Fragen, die wir anschließend besprechen: „Was höre ich, was sehe ich? Gibt es Dialoge? Welche Form von Sex und von Körpern sehen wir hier?“ In der Sitzung eben haben wir zwei Szenen aus Schwulenpornos aus den 70er-Jahren geguckt, dann zwei moderne, und uns gefragt, was sich über die Zeit verändert hat. In einem Film übernahm der Darsteller eine Rolle als „bottom“, also den passiven Part, und dann haben wir eine Szene gesehen, in der er wechselte, also „toppte“.

Und was ist das Output einer solchen Besprechung? Was analysiert man an einer solchen Szene?

Im Zentrum stand heute die Frage nach Männlichkeitsdarstellung in Schwulenpornos. Inwiefern werden also Genderstereotype dadurch verstärkt oder aufgebrochen und geschieht die Stereotypisierung im Bild oder in unseren Köpfen? Gerade in den Szenen aus den 70ern fällt auf, dass oft ein hypermaskulines Auftreten Genderstereotypen von Männlichkeit bestätigt. In der Gegenwartspornografie hingegen erleben wir einen deutlichen Kontrast vom männlichen Top und eher feminisierten Bottom. Als wir die beiden Szenen miteinander verglichen, wurde außerdem deutlich: Das sind Performer, das ist bloß Schauspielerei. Es gibt ein Drehbuch. Daran muss man sich immer wieder erinnern.

Und dabei wird nicht verschämt gekichert?

Wir lachen viel. Das halte ich für ein wichtiges Mittel. Wenn ich merke, es ist angespannt, mache ich bewusst mal einen Witz, damit die Stimmung sich wieder lockert. Das verschämte Kichern à la „Ich weiß nicht wohin mit mir“ beobachte ich selten. Natürlich gibt es gelegentlich schambesetzte Momente. Das normalisiert sich aber schnell. Pornografie ist durchaus ein Gegenstand, den man mit Distanz betrachten kann.

Die Studierenden entwickeln also eine gewisse Pornokompetenz.

Das ist absolut mein Ziel. Das heißt aber nicht, dass man Pornos nur noch durch diese Linse gucken kann. Wie für alle anderen Medien gilt: Im Studium lernen wir einen kritisch-analytischen Blick, den wir im Idealfall auch abstellen können, um zu genießen. Aber ich gebe zu, dass auch mir das nicht immer gelingt und ich einen Moment von der privaten in die professionelle Betrachtung rutsche. Wer weiß, vielleicht kommt so dem einen oder der anderen die nächste Hausarbeitsidee beim Masturbieren. 

Leben Pornos nicht oft von ihrer Un-Ästhetik? Was will man da aus ästhetischer Sicht analysieren?

Das Wort Un-Ästhetik finde ich schön. Auch eine scheinbar nicht vorhandene Ästhetik ist ja eine Entscheidung, etwas gesondert darzustellen. Pornos leben oft von „trashiger“ Ästhetik und standardisierten Bildern: das weiße, quietschende Ledersofa in der Villa. Es wäre trotzdem falsch, zu sagen, dass es keine oder nur eine Pornoästhetik gebe. Es gibt Pornos, die man als Instagramporno bezeichnen könnte – alles sieht perfekt aus und ist großartig ausgeleuchtet. Viele Seiten bieten hochaufgelöste Clips an. Jemand wie Erika Lust, die sich als feministische Pornomacherin versteht – wobei ich wichtig finde, dass das nicht nur an der Ästhetik festgemacht wird – hat einen ganz bestimmten Look. Ihre Herangehensweise ist sehr filmisch. Sie legt viel Wert auf Farbkompositionen, Atmosphäre und weiches Licht. Es gibt also durchaus Unterschiede. 

Mir ist es sehr wichtig, Porno nicht nur als Medium zu begreifen, sondern auch als Industrie.

Stichwort Erika Lust: Unter Feminist*innen ist sie nicht ganz unumstritten. Finden solche Debatten auch Platz im Seminar?

Absolut. Wir haben kritisch über Erika Lust als Marke diskutiert, aber auch über andere Akteur*innen. Mir ist es sehr wichtig, Porno nicht nur als Medium zu begreifen, sondern auch als Industrie. Wie entsteht ein Porno? Was ist die Realität der Performenden? Wieso bezahlen viele Menschen nicht für ihren Pornokonsum? Wir beleuchten Produktions- und Konsummechanismen und hinterfragen sie.

Beatrix von Storch ging Sie vor Seminarbeginn massiv auf Twitter an. Hat das Ihnen reihenweise AfD-Anhänger*innen auf den Leib gehetzt? 

Ja, das war ein Shitstorm, wie er im Buche steht. Zwei Tage lang prasselten ununterbrochen Benachrichtigungen auf mich ein. Eine Welle fremder Menschen kam über mich und schwappte sogar bis in die USA in die Alt-Right-Ecke. Rechte Gruppen sind leider besser darin, das Internet zu nutzen, als linke. Viele Angriffe kamen aber auch von feministischer Seite, was ich besonders schlimm finde, weil das meine eigene Bewegung ist. Insgesamt eine einschneidende Erfahrung. Ich muss zugeben, ich habe das total unterschätzt. Auch wenn man rational weiß, man ist gerade nur Projektionsfläche, ist es schwierig, sich emotional davon zu überzeugen. Glücklicherweise hat sich das alles nur digital abgespielt. Meine ersten beiden Sitzungen wurden vom Wachdienst begleitet, weil Störungen befürchtet wurden. Aber in die Uni hat sich dann wohl doch niemand getraut. Traurig genug, dass man darüber überhaupt nachdenken muss. Böse Nachrichten und blöde Kommentare bekomme ich online weiterhin, aber ich versuche, es in Motivation umzumünzen. 

Haben in Ihren Seminaren private Themen Platz? Erregung, Vorlieben und dergleichen?

Ja und nein. Es ist mir wichtig, bestimmte Grenzen einzuhalten. Wir befinden uns in einem Abhängigkeitsverhältnis, in dem ich die Autoritätsperson bin. Wir sitzen nicht als Freunde beim Kaffee zusammen. Obwohl ich für einen schambefreiten Umgang mit dem Thema bin, geht es nicht darum, dass wir unsere persönlichen Präferenzen austauschen. Aber natürlich erhält die eigene Identität Einzug ins Seminar. Wenn wir über queere Pornografie sprechen, merkt man häufig, wer das selbst konsumiert oder aus eigener Erfahrung sagt, was solche Szenen in der Erkundung oder Anerkennung der eigenen Sexualität für eine Rolle gespielt haben. Allerdings geschieht das in einem angemessenen Rahmen. Und letztendlich: Wenn in einem Literaturseminar jemand sagt, „Privat lese ich sehr gern Hemingway“, findet das auch niemand problematisch. Ich spreche eben mit Menschen, die sexuelle Wesen sind, mich eingeschlossen. Das sollten wir nicht leugnen. Man sollte nicht zu angespannt sein, nur weil es um Sex geht. Dennoch ist mir wichtig, dass mich die Studierenden nicht zu ihrer Sextherapeutin machen. Das passiert mit Studierenden kaum, eher im Kollegium.

Wirklich? Kolleg*innen, die Ratschläge zu ihrem Sexualleben wollen?

Zum Thema Sex herrscht viel Redebedarf. Viele sehen in mir eine wertfreie Ansprechpartnerin. Häufig ähnelt das einer Beichte. In manchen Kontexten ist das in Ordnung und ich teile, was ich dazu weiß, oder gebe die offenbar notwendige Absolution. Aber manchmal ist es schlicht unangemessen oder aufdringlich – ein schmaler Grat. 

Steht jeder Mensch insgeheim auf Pornografie?

Die Frage kann ich nicht ultimativ beantworten, aber ich neige dazu, ja zu sagen; allein, weil es Pornografie schon immer gab. Egal welches Medium den Menschen zur Verfügung stand, sie haben es zur Darstellung von Sex genutzt. Ein gewisses Maß an Voyeurismus wohnt uns scheinbar inne. Ich bin weder missionarisch unterwegs noch versuche ich, alle zum Pornogucken zu animieren. Trotzdem denke ich, dass viele sich das einfach nicht erlauben. Insbesondere Frauen haben oft nicht gelernt, ihre eigene Sexualität durch Masturbation zu erkunden. Das ist nicht Teil unserer sozialen Rolle. Leider.

Autor*in

Rabea Westarp

Das Schreiben nutzt Rabea Westarp als Waffe gegen ihre immense Faulheit und Lethargie. Klappt eigentlich ganz gut.

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