Mit der Zeit gehen

Zeit vergeht relativ. Mal rast sie davon, in der falschen Vorlesung scheint sie jedoch stillzustehen. Warum ist das so? Und warum haben wir eigentlich immer zu wenig Zeit? Von Julia Hubernagel.

Der Zeit entrinnt niemand. Wer sie jedoch zu nutzen weiß, hat am Ende gefühlt mehr davon. Illustration: Marie Kristin Gentzel

Der Sinn von Sein ist Zeit. Davon war zumindest der Philosoph Martin Heidegger überzeugt. Doch auch ohne es so drastisch zu formulieren, bestimmt der Blick auf die Uhr unleugbar unser Leben. Unsere Tage werden strukturiert anhand einer unsichtbaren, physikalischen Einheit, deren Funktionsweise wir nicht verstehen und an deren Unerbittlichkeit wir mitunter verzweifeln. Was ist Zeit? Gilt sie nur für Menschen? Gab es sie schon, bevor es uns gab?

Der im vierten Jahrhundert geborene Kirchengelehrte Augustinus von Hippo glaubte noch, Zeit sei eine Eigenschaft des gottgeschaffenen Universums und habe vor dessen Kreation nicht existiert. Knapp 1400 Jahre später war die Aufklärung in vollem Gange und das Gottvertrauen erschüttert. »Die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und keine äußerste Grenze dem Raume nach«, schreibt Immanuel Kant 1781 in seiner »Kritik der reinen Vernunft«. »Denn im entgegengesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit einer- und durch den leeren Raum andererseits begrenzt sein.« Demnach müsste vor dem Beginn der Zeit auch etwas existiert haben. Aber was sollte das sein?

Der britische Naturforscher Isaac Newton war ebenfalls von der Unendlichkeit von Zeit und Raum überzeugt. Zeit begriff er als ein Medium, das gefüllt wird mit relativen Zeiten, mit Stunden, Tagen und Jahren. Zwar sei Zeit unendlich und absolut, doch genieße der Mensch darin im Gegensatz zum Raum keine Bewegungsfreiheit. Ereignisse träten zu einem bestimmten Zeitpunkt auf und seien nicht in ihrer Reihenfolge veränderbar. Hier offenbart sich jedoch das Problem physikalischer Zeittheorien: Denn Zeit bemerken wir immer dann, wenn sie nicht so schnell oder langsam verläuft, wie wir es erwarten. Die Frage nach dem Wesen der Zeit ist also eng verknüpft mit der individuellen Wahrnehmung von Zeit, die in bestimmten Situationen stark variiert. Hier lohnt ein Blick weg von der Uhr und hinein in die Psyche des Menschen.

Zeitwahrnehmung als psychisches Fehlersignal

Die Tücken der Zeit sind bekannt. Während die Stunden bei Gesprächen mit Freund*innen unbemerkt verfliegen, fühlen sich 90 Minuten in der falschen Vorlesung an wie eine halbe Ewigkeit. Der Psychologe Marc Wittmann weiß warum: »Die Wahrnehmung der Zeit fungiert als Fehlersignal, welches anzeigt, dass etwas nicht stimmt«, schreibt er in seinem Buch »Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens«. Dieses vermeintliche Fehlersignal sei »insofern funktional, als es zum Handeln auffordert.« Bietet die Vorlesung nicht die gewünschte Beschäftigung, schweifen wir nur zu gern ab und stellen uns all die spannenden Dinge vor, die man stattdessen tun könnte. Um die Zeiger der Uhr wieder anzukurbeln, ist Ablenkung gefragt. Dieses Prinzip wenden bereits Kinder unbewusst an. Die bekannte Verhaltensstudie von Walter Mischel, bei der vierjährigen Kindern ein zweites Marshmallow versprochen wurde, wenn sie ein bereits auf dem Tisch liegendes zehn Minuten lang nicht essen würden, ergab deutliche Resultate. Die wenigen Kinder, die sich beherrschen konnten, konzentrierten sich während der Wartezeit auf andere Dinge: Sie sangen Lieder oder dachten laut nach.

Die Uhr tickt immer schneller. Besonders im Alter verfliegen die Jahre geradezu. Illustration: Marie Kristin Gentzel

Zeit kann sich jedoch auch, zumindest gefühlt, ausdehnen, wenn wir uns nicht langweilen, sondern erregt oder stark angespannt sind. Die längsten zehn Minuten der Welt erleben wir etwa beim Warten auf den Krankenwagen oder auch nur auf eine heiß ersehnte Textnachricht. Das bringt in Gefahrensituationen durchaus Vorteile mit sich. »Wenn zum Beispiel ein Lastwagen im Kollisionskurs auf das eigene Auto zufährt, scheint das äußere Geschehen wie in Zeitlupe abzulaufen«, schreibt Wittmann. Ein Autofahrer berichtete hinterher, wie er in aller Ruhe auswich und den Zusammenstoß verhindern konnte. »Hier handelt es sich also um eine Beschleunigung des Wahrnehmungstaktes.«

Neue Wege beschreiten – und länger leben

Zeit allein anhand messbarer Faktoren zu untersuchen, führt also nicht weit. Doch nur zögerlich wird das individuelle Zeitempfinden in gesellschaftlichen Strukturen berücksichtigt, etwa in der Diskussion um Früh- oder Spätaufsteher. Jahrelang zur falschen Uhrzeit aufzustehen, bringt Marc Wittmann mit dem Begriff »sozialer Jetlag« in Verbindung. Besonders Jugendliche, die entwicklungsbedingt Langschläfer*innen sind, quält der Schulbeginn um acht Uhr morgens. Schichtarbeit erhöht nachweislich gar das Krebsrisiko. Die Medizin achtet deswegen zunehmend darauf, welchem Chronotypen Patient*innen entsprechen – dem der Lerche oder der Eule. Medikamente, so hat sich gezeigt, wirken bei Menschen zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gut. Sogar die Chemotherapie kann darauf abgestimmt werden: Je nach Tageszeitpunkt ist das Risiko für Nebenwirkungen höher oder niedriger. 

Das Zeitempfinden hängt nicht nur von der Verfassung, sondern auch erheblich vom Alter ab. Während einem Kind der nächste Geburtstag in unerreichbarer Ferne zu liegen scheint, können sich Erwachsene vor lauter »Wie doch die Zeit vergeht!«-Ausrufen kaum halten. Das liegt daran, dass Kinder viele Dinge zum ersten Mal erleben. Diese Ereignisse prägen sich dauerhaft ins Gedächtnis ein, man denkt oft an sie zurück, sodass diese Zeit auch retrospektiv als länger wahrgenommen wird. Gerade alte Menschen erleben jedoch wenig Neues und haben somit, je älter sie werden, immer weniger, an das sie sich in der jüngsten Vergangenheit erinnern. Wer jeden Tag Neues erlebt, etwa zu Beginn des Studiums in einer neuen Stadt, der*m fliegt die Zeit nicht so schnell davon. 

Stetig wiederholte Handlungen wirken somit eigentlich einem gefühlt langen und ausgefüllten  Leben entgegen. Das alltägliche Leben ist auf der Flucht vor sich selbst, das »Ich« flüchtet sich in das »Man«, erklärt Martin Heidegger in seinem Magnum Opus »Sein und Zeit«. Man tut, was man eben so tut; man arbeitet, kauft ein Haus, dann einen Hund. »Das Man entlastet so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit«, schreibt der Philosoph 1927. Ist das verwerflich? Vielleicht genügt es ja, sich seiner Zeit bewusster zu werden. Der Lebenssinn eines Menschen, der Seinsinn des Daseins, sei die radikal verstandene Zeitlichkeit, heißt es auch weiter bei Heidegger. Gegen die Sterblichkeit hilft bekanntermaßen ohnehin wenig. Hin und wieder unbekannte Pfade zu betreten, kann die Lebenszeit jedoch verlängern, zumindest gefühlt.

Autor*in

Julia Hubernagel

Lesen tut Julia Hubernagel sehr gern. Manchmal schreibt sie auch, um einfach mal etwas zurückzugeben.

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