Wie immer wieder Fieber

Unsere Autorin Antonia Böker hat Depressionen. Sie weiß genau, wie schwer es ist, damit ehrlich zu sein – auch zu sich selbst. Ein Essay über einen wirklich langen Weg.  

Foto: Antonia Böker

Spät im Dezember konnte ich mein Hirn plötzlich nicht mehr bedienen. Die Tage begannen, ineinander zu fließen und sich von mir abzulösen. Eine allumfassende Unruhe hatte sich in mir breit gemacht. Es handelte sich nicht um die oft produktive Agitation, die ich so gut kannte, sondern um das brennende, knochentiefe Gefühl einer mit Gewissheit bevorstehenden, unaufhaltsamen Katastrophe. Ich konnte keinen Gedanken zu Ende denken, keinen einzigen Satz lesen oder gar selbst schreiben. Es war, als hätte ich die Fähigkeit verlernt, Sprache zu verstehen. Einfache Aufgaben wurden immer kleinteiliger, bis sie nicht mehr zu bewältigen waren. Manchmal wurde Kaffeekochen zur Tagesaufgabe. 

Alles war unglaublich kompliziert, fühlte sich an, wie im Fiebertraum. Nachts wachte ich schweißgebadet auf, Muskeln verkrampft bis in die Handgelenke und starrte an die Decke, bis es hell wurde. Ich konnte nichts und wollte nichts und fühlte nichts, außer einer so durchdringenden Scham, kaum mehr zu schaffen, als mich anzuziehen, dass es mir das Atmen erschwerte. Ich fühlte mich so lächerlich, dass ich kaum das Haus verließ. Der Gedanke, angeschaut zu werden, war unerträglich. 

Im April machte ich endlich einen Termin beim Psychiater. Es hatte drei nicht abgegebene Hausarbeiten und stetige Bitten meiner Freundin gebraucht, um mich dazu durchzuringen. Warum, ist schwer zu erklären. Ich glaube fest daran, psychische Erkrankungen so ernst zu nehmen wie physische. Der erste Grund, warum ich es hier nicht tat, ist relativ simpel: Mir fehlte die Energie. Nachrichten meiner Freund*innen zu beantworten war schwer genug. Ärzt*innen rauszusuchen, sie anzurufen, mich zu erklären, um einen Termin zu bitten, dauerte Wochen. 

Der zweite ist weitaus komplexer. Das Problem war nicht, psychische Leiden ernst zu nehmen, sondern mich selbst. Natürlich waren Depressionen schlimm. Nur hatte ich ja gar keine. Ich wollte nur gern welche haben. Wollte eine Ausrede dafür, dass ich so inkompetent, so faul war. Psychische Leiden sind perfide: Es ist unmöglich, sie rational zu betrachten. Die eigene Wahrnehmung ist Teil des Problems. Für ein traumatisiertes Hirn ist es schier unmöglich, sich selbst als solches zu erkennen. Besonders in akuten Krisen.

Schuld daran ist auch der unbeholfene Umgang mit der Psyche. Als etwas fundamental Menschliches lassen sich individuelle psychische Leiden nur schwer in ein Raster pressen – die Variable Mensch verhindert Uniformität. Über eigene Erfahrungen wird wenig gesprochen. Stattdessen werden psychische Erkrankungen abstrahiert: Das, das und das muss gegeben sein, damit … Das schafft Distanz, gibt ihnen einen festen, der Lebensrealität der meisten Menschen fernen Platz. Dabei ist es für Betroffene oft elementar, dass Zeichen von Personen erkannt und benannt werden, die von außen auf sie gucken können. Bezugspersonen fehlt aber meist nötiges Wissen. Geschultes Personal in Schulen, Universitäten und am Arbeitsplatz muss, wenn vorhanden, selbst aufgesucht werden.

Als ich in der Oberstufe anfing, immer mehr Fehltage anzuhäufen, schaltete sich niemand ein. Lehrer*innen nahmen schlicht an, ich versuche, mir Vorteile zu erschleichen, sei überheblich und faul. Meine Eltern, vermutlich aus Angst, ich könne mir meine Zukunft verbauen, gaben mir zu verstehen, ich müsse »diese Sache« schnell unter Kontrolle bringen und sprachen sonst nie mit mir darüber. Ihre Reaktionen machten mir unmissverständlich klar, wie viele Umstände ich allen anderen bereitete. Ich begann, mich für diese vermeintlichen Verfehlungen zu schämen. Die Energie, die ich darin hätte stecken können, gesund zu werden, wandte ich also dafür auf, diese Zustände so gut es ging zu verbergen. 

Es geht hier keinesfalls um Schuldzuweisungen, sondern um eine bloße Tatsache: Niemand von ihnen hatte je gelernt, mit diesen Problemen umzugehen. Selbst eine pädagogische Ausbildung bereitet nicht auf die Realität psychischer Erkrankungen vor. Von allen war ich aber am wenigsten gewappnet, meine eigenen Probleme zu bewerten. Ich wusste nur, was ich aus Internet-Checklisten und rudimentärem Psychologieunterricht kannte. Depressionen, das heißt vor allem: Sich plötzlich nicht mehr wie man selbst zu fühlen. 

Ich aber hatte nie aufgehört, mich wie ich selbst zu fühlen. Im Gegenteil: Als es mir am schlimmsten ging, war ich überzeugt, mehr ich zu sein, als je zuvor. Niemand hatte einen Schalter umgelegt, sondern einen aufgedreht. Diese Lethargie war schließlich immer da gewesen – jetzt konnte ich endlich aufhören, das zu leugnen. Das war keine Krankheit, sondern schlicht meine Persönlichkeit. Viele Kriterien psychischer Erkrankungen schienen auf mich nicht zuzutreffen, weil sie sich immer bezogen auf einen vorherigen Zustand, ein »vor der Krankheit«. 

Ein Vorher gab es für mich nicht. So lange ich denken kann, hatte es diese Wellen gegeben, die mich, rückblickend mit lächerlich grotesker Präzision vorhersagbar, immer wieder einholten – nicht plötzlich, sondern so graduell, dass ich es nicht bemerkte, bis es zu spät und ich vollkommen handlungsunfähig war. Was auch immer in mir angelegt war, schien sich wie nach der Remission wieder auszubreiten, wurde mit jedem Rückfall schlimmer. Daran, mir Hilfe zu holen, dachte ich nur dann, wenn ich dazu überhaupt nicht in der Lage war. Zwischen den Episoden schob ich jeden Gedanken daran von mir weg. War überzeugt davon, es sei besser, halbgar zu funktionieren, erst einmal die Schule, das Studium fertig zu machen – davon, ich bilde mir das alles nur ein. Psychische Erkrankungen richten sich aber nicht nach dem eigenen Kalender, lassen sich nicht bequem zwischen Praktikum und Prüfung schieben. Die Zeit, die man ihnen nicht geben will, nehmen sie sich früher oder später.

Es war paradox: Ich war bereits früher in Therapie gewesen, hatte etliche Versuche gestartet und nie durchgezogen. Weil ich überzeugt war, der Moment würde kommen, an dem mir bestätigt werden würde, was ich längst glaubte, zu wissen. Egal, wie unerträglich diese Zustände für mich waren, war an ihnen nichts klinisches und damit nichts, was behoben werden könnte. Die Vorstellung, ein Leben lang an den kleinsten Dingen zu verzweifeln, in der Gewissheit, dass es nichts gibt, das ich tun könnte, machte mir Angst. So sehr, dass ich wieder aufhörte, bevor man mich hätte ertappen können.

Im Wartezimmer meines Psychiaters saß ich wie auf heißen Kohlen. Ich hatte nichts vorbereitet. Das hier, dachte ich, würde mein letzter Versuch sein. Ich würde nicht versuchen, eine Ordnung in das Chaos zu bringen, die ich nicht sah, würde all meine Karten auf den Tisch legen. Wenn er mich dann wegschicken würde, wüsste ich ein für alle Mal, dass nichts getan werden könnte. So ein Denken ist typisch, aber auch fatal: Es kann dauern, bis man jemanden findet, der*die einen versteht. Mitunter suchen Menschen Jahre nach der*m richtigen Therapeuten*in. Ich hatte Glück: Er nahm mich ernst. Ließ mich fast eine Stunde lang reden, und schickte mich mit Diagnose, einem Rezept und einer Einweisung in eine psychiatrische Tagesklinik nach Hause. Ich erinnere mich kaum an unser Gespräch, wohl aber an die Erleichterung, die ich danach fühlte. Daran, dass meine Freundin vor Freude in Tränen ausbrach, als ich ihr von meinem Termin berichtete. 

Ich holte meine Medikamente ab und rief nicht in der Klinik an. Bekam, Stück für Stück, mein Hirn zurück. Auch das war befreiend: Die Tatsache, dass all die Jahre wirklich manifeste Spuren hinterlassen hatten, ein sich zunehmend ausgleichendes Serotonindefizit. Denken wurde wieder weniger schmerzhaft. Psychopharmaka haben einen schlechten Ruf. Die Vorstellung, sie würden die Persönlichkeit auf unnatürliche Weise verändern, hält sich hartnäckig. Krankheiten sind aber keine Charaktereigenschaften. Medikamente helfen, traumainduzierte Veränderungen im Gehirn zu korrigieren. Wenn überhaupt geben sie einem die eigene Persönlichkeit zurück.

Sie gaben mir die Chance, das Therapieangebot anzunehmen. Die Vorstellung, quasi die Tore des Tartaros aufzureißen, ohne zu wissen, was hinter ihnen liegt, war schwer. Was, wenn sie sich nicht wieder schließen lassen würden? Und doch konnte ich sie zum ersten Mal zulassen. Ich rief an. Wieder hatte ich Glück: Ein Platz war nicht in Anspruch genommen worden. Mein Vorgespräch war an einem Donnerstag Mitte Juli. Am folgenden Montag war mein erster Tag in der Tagesklinik. 

Zehn Wochen verbrachte ich dort. Jeden Wochentag von 7 bis 16 Uhr, hatte Einzel- und Gruppentherapie, Entspannungs- und Strategiegruppen. Von Anfang an kam die Klinik mir vor wie der seltsamste Ort der Welt. Über vieles aus meiner Zeit darf ich, um die Privatsphäre der anderen Patient*innen zu wahren, nicht reden. Wohl aber über das, was für mich am wichtigsten war. Die Tagesklinik war ein Ort mit ganz eigenen Regeln. Alles war absolut okay. Nichts musste verschwiegen, nichts musste getan werden. Zum ersten Mal konnte ich fühlen, wie erschöpft, wie antriebslos ich wirklich war. Ohne Deadline, ohne sozialen Druck im Nacken beginnen, zu ahnen, was mir wirklich gut tut, nicht, was ich glaube, tun zu müssen. 

Ich hatte erwartet, es würde mir schwer fallen, mich einem Haufen Fremder zu offenbaren, ihnen zu erklären und sie sehen zu lassen, was ich mir kaum selbst eingestehen konnte. Es war erschreckend einfach: Meine Mitpatient*innen waren von Anfang an so annehmend, so radikal ehrlich, ohne sich für sich selbst zu schämen, dass auch ich mich traute. Zum Ende hin hatte ich zwei Dinge mitgenommen. Erstens: Wenn ich möchte, dass es einfacher wird, dass Scham und Stigma einander nicht immer wieder bedingen, dann kann ich nicht schweigen. Wenn es Platz für psychisches Leiden in meiner Lebensrealität geben sollte, musste ich ihn selbst schaffen.

Und zweitens: Natürlich war die Tagesklinik nicht das Ende, sondern vielmehr – so beschrieb es eine Therapeutin  – ein Durchlauferhitzer. Ziel ist nie, alles in nur zehn Wochen zu lösen, auch mir stehen noch Jahre der Therapie bevor. Es geht darum, zu lernen, dem Prozess zu vertrauen. Auch, wenn man nicht weiß, wie er aussieht, nicht einmal sicher sagen kann, dass er sich am Ende lohnen wird. 

Heute fühlt es sich zum ersten Mal an, als könnte er es wert sein.

Autor*in

Antonia Böker

Antonia Böker ist pathologische Klugscheißerin. Deswegen probiert sie es jetzt mal mit Journalismus.

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