„Das Wagnis der Öffentlichkeit”

Politische Philosophie nach Auschwitz und Protestbewegungen auf zwei Kontinenten: All das findet in der Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ im Deutschen Historischen Museum zusammen. Kira Welker sammelte Denkanstöße.

Hannah Arendt in der Wesleyan University, 1961/62, Middletown, Conneticut, Foto: © Middletown, Conneticut, Wesleyan University Library, Special Collections & Archives, Illustration: Joshua Liebig, Montage: Elias Fischer

Mit Maske und Sicherheitsabstand steht man im lichtdurchfluteten Foyer des Deutschen Historischen Museums (DHM) an. Infotafeln, Bodenmarkierungen und Mitarbeiter*innen erinnern an die strengen Hygieneauflagen, unter denen Berliner Museen seit einer Woche wieder öffnen dürfen. Die Einlasszahlen sind strikt reguliert, Begleitprogramme auf unbestimmte Zeit verschoben und Desinfektionstuchspender unerlässliches Element der Kuration. Dennoch dürfte im DHM die Erleichterung darüber vorherrschen, die lange angekündigte Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ fast zwei Monate nach dem ursprünglichen Eröffnungstermin endlich öffnen zu können. Darin laden historische Debatten und die Gedankenwelt Arendts nun das Publikum ein, sich mit der eigenen Urteilskraft auseinanderzusetzen.

Der zweigeteilte Titel deutet es bereits an: Das DHM präsentiert hier nicht primär Arendts Biografie, sondern arbeitet sich stark an der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts ab. Entlang von Schlüsselereignissen und -debatten wird eine politische Denkerin gezeigt, die das Jahrhundert zum großen Teil miterlebte und regelmäßig publizistisch kommentierte. Dabei hatte sie keine Angst vor der Rolle der öffentlichen Intellektuellen. So beginnt die Ausstellung mit Arendts eigenen Worten im inzwischen als ikonisch zitierten Fernsehinterview mit Günter Gaus 1964: „Das Wagnis der Öffentlichkeit scheint mir klar zu sein. Man exponiert sich im Lichte der Öffentlichkeit, und zwar als Person.“

Die Dringlichkeit der Freiheit

Im ersten Teil der Ausstellung ist, nicht nur thematisch, der Nationalsozialismus allgegenwärtig: Räume, die Arendts Positionen zu (jüdischer) Assimilation und Zionismus, ihre Fluchterfahrung oder ihre Auseinandersetzung mit totalitärer Herrschaft zeigen, gruppieren sich um ein großes Modell des Krematoriums II Auschwitz-Birkenau. Durch Öffnungen in den Wänden der Räume rückt es immer wieder ins Blickfeld. Eine Projektion zeigt Arendt im Gespräch mit Gaus. Sie erinnert sich, wie sie von den NS-Konzentrationslagern erfuhr: „Dieses hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.“ Diese Fassungslosigkeit über die Realität von Auschwitz wird als Fixpunkt allen politischen Denkens fühlbar, wenn sich wieder eine Sichtachse auf die nachgebildete Gaskammer öffnet. Dadurch wird die Dringlichkeit von Arendts Auseinandersetzung mit Freiheit und Verschiedenheit nachdrücklich illustriert. Selbst wenn man ihren Antworten nicht zustimmt, kann man sich dem Gewicht ihrer Überlegungen nicht entziehen.

Die Themen zur zweiten Hälfte des Jahrhunderts erweisen sich als fragmentierter; die Schauplätze springen zwischen den USA und Europa, wie auch Arendt zwischen den beiden Kontinenten pendelte. Durchgänge führen zum ungarischen Volksaufstand, zur Desegregation US-amerikanischer Schulen und zur internationalen Studentenbewegung. Eine klare Route durch die Ausstellungsräume ist nicht mehr erkennbar; die Welt um Hannah Arendt wird unübersichtlicher. Beinahe willkürlich angeordnete Aufsteller mit Kurzbiografien zahlreicher Freund*innen Arendts unterbrechen die Themenschwerpunkte. Diese Einschübe verdeutlichen aber gut, wie sehr jede der präsentierten Ideen auf dem geistigen Austausch mit Freund*innen beruhte.

So zieht sich Arendts immerwährende Bereitschaft zur Auseinandersetzung durch alle Räume, ihr Widerspruchsgeist wird überall spürbar. Sie selbst beschreibt das öffentliche Urteil als Angebot zum Dialog: „Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie.“ Aus einigen ihrer Gedanken wurde im DHM nun eine Ausstellung, die Besucher*innen dazu einlädt, die eigene Urteilskraft zu schärfen. Bewusst scheint Kuratorin Monika Boll die eher streitbaren Thesen aus Arendts Gesamtwerk ausgewählt zu haben, um einen kritischen Gang durch das 20. Jahrhundert zu ermöglichen – und tatsächlich macht der Museumsbesuch Lust auf die Formulierung eigener Standpunkte.


„Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ ist noch bis zum 18. Oktober im Deutschen Historischen Museum zu sehen. Weitere Infos zu alternativen Angeboten, Tickets und Öffnungszeiten findet ihr hier.

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