And the winner might be…

Die Kür zum Spiel des Jahres 2020 steht an. Elias Fischer hat einen der drei Titelanwärter ausprobiert – und sich zwischen Schnürsenkeln und Pelikanschnäbeln verloren.

„Pictures”. Foto: Elias Fischer, Illustration: Joshua Liebig

Rummikub, Scotland Yard und die Siedler von Catan – sie alle verbinden zwei Gemeinsamkeiten. Sie sind nicht-elektronische Spiele und sie gewannen einmal den Kritiker*innenpreis „Spiel des Jahres”. Die seit 1979 vom Spiel des Jahres e.V. verliehene Auszeichnung gilt als eine der wichtigsten für analoge Spiele, in der süddeutschen Zeitung bezeichnete man sie unlängst als „Oscar für Spiele”. Mitte Mai gab der Verein bekannt, welche drei der 450 deutschsprachigen Neuheiten der letzten zwölf Monate sich bei der diesjährigen Kür am 20. Juli Chancen ausrechnen können. Ein Titelkandidat ist Pictures vom PD-Verlag. Konzipiert von Daniela und Christian Stöhr bietet Pictures für drei bis fünf Spieler*innen ab acht Jahren kurzweilige Unterhaltung, die die Kreativität und das Abstraktionsvermögen herausfordert.

Zwischen Schmetterling und Landschaftsromantik

„Pictures”’ Prinzip wirkt simpel: Jede*r Spieler*in bekommt ein Material-Set, mit dem er*sie das Motiv einer Fotokarte nachlegen soll. Doch bereits die Sets offenbaren erste Anzeichen von Komplexität. Keiner der fünf Sätze gleicht dem anderen. Während die einen aus zwei Schnürsenkeln oder 19 Symbolkarten bestehen, setzen sich die anderen aus Bauklötzen, Stöcken und Steinen oder farbigen Würfelchen und Bilderrahmen zusammen. Und auch die Komplexität der 91 Fotokarten reicht von einfach Tierporträts bis hin zu szenischen Bildern von Landschaften und Märkten.

Der Spielaufbau in Bildern:

Bevor das Spiel jedoch startet, werden aus den gemischten Fotokarten 16 beliebige herausgezogen und in einem 4×4-Raster offen angeordnet. Bei weniger als fünf Spielenden verbleiben die übrigen Sets rechts von der*dem Ältesten. Sogenannte Fotoauswahlplättchen, auf denen eine Zahlen-Buchstaben-Kombination abgedruckt ist, werden in einen Stoffbeutel gelegt und gemischt. Die Spieler*innen ziehen ein solches Plättchen und die erste Runde kann beginnen.

Das gezogene Plättchen legen die Spielenden verdeckt vor sich aus. Alle bilden nun das jeweilige Motiv nach, wobei eine Rundenzeit nicht vorgeschrieben wird. Das beruhigt einerseits, wenn einem bloß zwei Schnürsenkel zur Verfügung stehen, um das Spiegelbild eines Menschen vor einem Zug zu verdeutlichen. Andererseits nimmt es die Dynamik und den Witz. Denn in der Hektik sieht so ein Motiv schon mal aus, als wolle man eine Qualle skizzieren, die im Hautsack eines Pelikanschnabels schwimmt. Um das Spiel etwas zu verschärfen, bietet es sich daher an, ein Zeitlimit zu vereinbaren.

Besonders Geschick und Abstraktionsvermögen sind hier gefragt. Das Spiel fordert kognitiv ungemein, wenn es gilt, das Bild auf das Wesentliche herunterzubrechen und gleichzeitig mögliche Interpretationen anderer zu bedenken. Manchmal kommt es also vor, dass mit Farbwürfeln beinahe monochromes oder mit Stöcken und Steinen ein Wasserfahrzeug dargestellt werden soll.

Denkst du, was ich denke, was du denken sollst?

Wenn alle ihr Werk konstruiert haben, notieren sie in der Tabelle ihre Tipps zu den anderen. Besonders knifflig wird es, wenn die Konstrukte mehrdeutig sind, weil sich im Raster mehrere Fotos mit ähnlichen Motiven befinden. Brücken und Fahrzeuge sind häufig nachzubildende Fotos. Hier gilt es dann, die Mitspieler*innen anhand gesetzter Akzente einzuschätzen. Je besser man einander kennt, desto einfacher gelingt das. Reihum nennen nun alle ihre Tipps und drehen anschließend die Fotoauswahlplättchen um. Insgesamt werden so fünf Runden gespielt. Die Fotos werden während des gesamten Spiels nicht ausgetauscht. Allerdings wandern die Material-Sets weiter an die Mitspieler*innen. Der Sieg gebührt jemanden, wenn man in Summe die meisten Punkte eingeheimst hat.

„Pictures” macht der Bezeichnung Gesellschaftsspiel alle Ehre. Das Einschätzen der Mitspieler*innen beim Nachbilden und Tippen sorgt für intensive Blicke, Schmunzler und Verwunderung. Selbst bei einer relativ kurzen Spieldauer von circa 30 Minuten offenbaren sich so viele Denkmuster anderer auf höchst unterhaltsame Weise. Darüber hinaus bietet das Spiel eine schier unendliche, willkürliche Erweiterung. Sind die enthaltenen Motive nach zig Durchgängen alle einmal nachgebildet worden, bastelt man sich aus eigenen Fotos und Kleinteilen einfach neue Karten und Bausätze. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Pictures vereinbart Elemente von Ubongo, Codenames und Krazy Wordz und ist ein würdiger Titelaspirant.


Pictures, PD-Verlag, 39,80 Euro. Die Kür zum Spiel des Jahres findet am 20. Juli statt. Ebenfalls nominiert sind „Nova Luna” vom Pegasus Verlags und „My City” vom Kosmos-Verlag.

Autor*in

Elias Fischer

Seine Männlichkeit passt nicht ganz in den Bildausschnitt.

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