Weiße Vorherrschaft & rassistische Traumata

Demonstrationen gegen Rassismus und Gewalt gegen People of Color (POC) lassen aktuell weltweit die Straßen erzittern. Um auch in der Kultur POC-Werken den verdienten Platz einzuräumen, geben Antonia Böker, Elias Fischer und Julia Hubernagel einen unvollständigen Überblick über schwarze Einflüsse in der Musik und marginalisierte Existenzen in bildender Kunst und Literatur.

Foto: Pixabay, Illustration: Joshua Liebig, Montage: Elias Fischer

Es ist der 6. Juni 2020. Trotz der coronabedingten Kontaktbeschränkungen und Empfehlungen zur Einhaltung eines Mindestabstands tummeln sich offiziell 15.000 Menschen dicht an dicht auf dem Berliner Alexanderplatz. Sie alle demonstrieren still gegen Rassismus. Auslöser war die Ermordung der Person of Color (POC) George Floyd durch den offenkundig rassistischen Polizisten Derek Chauvin im US-Bundesstaat Minnesota. Der Vorfall ist kein Einzelfall, aber einer mit einer medialen Präsenz, der für anhaltenden Aufruhr in den Staaten und Demonstrationen weltweit gesorgt hat und dies immer noch tut.

Die Unterdrückung der BPOC zieht sich wie ein dicker, roter Faden durch die 230-jährige Geschichte der USA. Bis 1865 erlaubte das Gesetz Sklavenhandel, anschließend herrschte strikte Segregation zwischen den privilegierten Weißen und den benachteiligten Afroamerikaner*innen. Die BPOC litten unter den ungleichen Lebensumständen. Ein Ventil, dessen sie sich bedienten, um ihrem Kummer zu entgehen, bot die Musik. Mit erworbenen über provisorisch gebastelten Instrumenten bis hin zu zweckentfremdeten Gegenständen wie Waschbrettern besangen sie den Schmerz über die Arbeit auf den Feldern, das Leben im Gefängnis sowie Misshandlung und Liebe. Es sind die Anfänge des Blues, der den Leiden der BPOC entsprang; und aus dem beinahe alle Genres entstanden, deren Songs bis heute die Plattenläden, Konzerthallen und Charts füllen.

Little Richard, der Große

Unter ihnen ist das weltweit beliebteste Genre, der HipHop, sowie das lange Zeit populärste, der Rock. So betiteln zwar bis heute beinahe alle Elvis Presley als den King of Rock’n’Roll. Aber die Basis dafür schufen die Schwarzen Rosetta Tharpe und der kürzlich verstorbene Little Richard mit „Tutti Frutti”, der geheime King of Rock’n’Roll. „Cultural Smudging” nennen das einige. Es bezeichnet ein Verwischen, ein Unkenntlichmachen des kulturellen Ursprungs. Häufig angewandt von Weißen, die sich mit Erfindungen Schwarzer rühmen. Ein hierarchisches, rassistisches Vorgehen.

Wachsfigur von 2Pac, bürgerlich Tupac Amaru Shakur, im Madame Tussauds 2016. Foto: Pixabay

Dabei gehört es zur Musik grundsätzlich dazu, sich anderer Stile zu bedienen und diese mit einfließen zu lassen. Der HipHop ist das beste Beispiel. Zu Breakbeats, Scratches und Samples begannen die Afroamerikaner*innen über ihr Leben im Sprechgesang zu erzählen. Talking Blues und das Scatten, das im Jazz mit Vorliebe genutzt wurde und dem Sprechgesang sehr ähnlich ist, fanden Verwendung. Die Musikrichtungen, derer sie sich bei ihren Samples bevorzugt bedienten: Funk, Jazz, Reggae. Problematisch kann es allerdings werden, wenn: erstens, sich einer fremden Kultur, in dem Fall Musik, bedient wird, die man vorher auf bestimmte Attribute begrenzt hat, diese Attribute aber nicht die Essenz eben jener Kultur aus Sicht der Menschen sind, die diese ins Leben gerufen haben. Das ist herabwürdigend, das ist diskriminierend. 

Oder zweitens, deren Beliebtheit, wie beispielsweise die des HipHop, instrumentalisiert wird. Beides trifft seit geraumer Zeit auf Rechte wie Chris Ares zu. Sie greifen vermehrt zum HipHop, geben sich bürgerlich und rappen über rechte Themen. Doch das ist nicht die Bedeutung des HipHop. Ares und andere Rapper reduzieren aus weißer Überheblichkeit heraus die HipHop-Kultur auf das technische, das abzählbare – Beats und Sprechgesang. Doch gerade der HipHop gründete sich – ähnlich dem Blues – aus der Sehnsucht nach Diversität, Demokratie und Toleranz im rauen New York der 70er, in dem BPOC hoher Armut, Gewalt und Rassismus ausgesetzt waren. 2Pac, das Aushängeschild des West Coast HipHop in den 90ern, rappte in dem Song „Changes”, der 1998 zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlich wurde: „I’m tired of bein’ poor and, even worse, I’m black. My stomach hurts so I’m lookin’ for a purse to snatch. Cops give a damn about a negro. Pull the trigger, kill a nigga, he’s a hero.”

2Pacs „Changes”, in dem er über Polizeigewalt gegenüber Afroamerikaner*innen rappt.

2Pac, dessen Mutter schon im Black Panther Movement aktiv war, vermittelte politische Botschaften. Er rappte über das, was er sah und spürte, über seine Realität: und die war stets von Rassismus bestimmt. In der Musik verarbeitete er aber die Umstände nicht nur, er suchte Reichweite. Und darin liegt die Gemeinsamkeit mit Ares und anderen Nazi-Rappern: Sie richten sich an die Hörer*innen des aktuell beliebtesten Genres – des Deutschraps. Diese Inhalte gilt es zu hinterfragen, diesen keine Plattform zu geben. Ansonsten sterben weiterhin BPOC aufgrund systeminhärenten Rassismus’. Ansonsten wird 2Pac nicht nur 1998, nicht nur 2020, sondern 2042 noch Recht haben, wenn er im Outro von „Changes” konstatiert: „Some things will never change”.

Sie nannten ihn Graffiti-Künstler, er sich Schriftsteller

Wer ernsthaft versucht, den eigenen Bias herauszufordern, muss tief graben im eigenen Wissensschatz. Wie viele Schwarze Künstler*innen gibt es im Kunstkanon? Wie viele von ihnen finden Erwähnung im Kunstunterricht, sind so präsent wie Picasso, wie Monet, Dalí? Schwarze Kunst wird gern gleichgesetzt mit afrikanischer Kunst – aber was ist mit BPOC in Amerika, in Deutschland? 

Jean-Michel Basquiat kennen noch einige weiße Europäer*innen als den Graffiti-Künstler, der seine Werke auf die Fassaden von SoHo sprühte. Basquiat sah sich von dieser Assoziation stets missverstanden eben nur als wütenden Schwarzen, der sprayt. Er selbst aber sah sich als Schriftsteller, der schrieb; in den verschiedensten Sprachen, Chiffren, über ein Schwarzes Leben in den USA. Er war wütend, war wichtig, war brutal ehrlich. Aber Schwarze Kunst ist nicht nur Kunst des Leidens. Als weiße Person Kunst von BPOC nur als wertvoll einzustufen, wenn sie Traumata dokumentiert ist nicht das auch rassistisch? Müssen BPOC leiden, um gehört, gesehen, anerkannt zu werden? Basquiat rührte auf, machte Aufmerksam.

Er war wütend, war wichtig, war brutal ehrlich

Antonia Böker, 2020

Überhaupt: Wie Betroffene mit der eigenen Unterdrückung umgehen, geht Weiße nichts an. In einer Gesellschaft, die die Gewalt, die sie ausübt, nicht sehen will, ist es radikal, ist es mutig, genau diese sichtbar zu machen. Niemand wird beispielsweise versuchen, die enorme Wucht der politischen Bilder der Fotografie-Ikone Gordon Parks anzuzweifeln. Doch auch Parks fotografierte Schwarze Persönlichkeiten in Schnappschüssen, feierte sie. Erhob sie zu den würdigen Kunst-Subjekten, als die weiße Menschen längst galten. Das war genau so radikal den vermeintlichen Kunstkanon auf banal anmutende Weise zu dekonstruieren. Die Liste der Schwarzen Künstler*innen, die Weiße kennen sollten, ist endlos. Das hier sind nur einige von ihnen.

Kerry James Marshall malt Alltagsszenen, malt Portraits. Und zwar ausschließlich von Schwarzen Subjekten. Für wen das komisch klingt wie viele nicht offensichtlich rassistische sogenannte Meisterwerke des Westens zeigen BPOC? Überhaupt POC? Marshall malt BPOC, wie sie lachen und lesen, picknicken und baden. Wo die Menschenwürde von Schwarzen, implizit oder explizit, in Frage gestellt wird, ist auch das subversiv.

Auch die Londonerin Lynette Yiadom-Boakye malt Slice of Life Bilder Schwarzer Menschen, aber siedelt sie an in überzeichneten, irealen Traumwelten. Fängt Momente ein, das Gefühl von Community, von Zugehörigkeit.Wenn Toyin Ojih Odutola einen Raum betritt, sagt sie, dann ist sie unmittelbar definiert und kategorisiert. Wegen ihrer Hautfarbe. In ihren Arbeiten befasst sie sich mit dem genauen Gegenteil: der schier unendlichen Tiefe des Schwarzen, dessen Undefinierbarkeit farbtheoretisch wie metaphorisch verzerrt, verstärkt, verfremdet. Und offenbart damit, wie irritierend eine unkenntlich gemachte Hautfarbe ist – auch in einer vermeintlich post-racial Gesellschaft.

Nur ein Buch über Leid ist ein gutes Buch

Auch in anderen Bereichen der Kunst fällt die Wertschätzung für Schwarze Künstler*innen eher bescheiden aus. Eine einzige afroamerikanische Autorin wurde bislang mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Toni Morrison schrieb seit den 1970er-Jahren in ihren Romanen gegen Rassismus an. Fremdenhass und die Leidensgeschichte der Schwarzen ist in jedem ihrer Bücher präsent. Auch James Baldwin verhandelte in seinen Werken immer wieder die Frage nach der Identität von BPOC und Homosexuellen. Es scheint fast, als interessiere die amerikanische Kulturlandschaft Literatur von Schwarzen nur, wenn in ihr explizit das inhärente Leid der ehemaligen amerikanischen Sklavengesellschaft zu Tage tritt. So wundert es auch nicht, dass 2017 mit Colson Whitehead ein Autor den Pulitzer-Preis erhielt, der einen Bestseller über die Flucht einer jungen Sklavin verfasst hat. Darin gelangt Cora über verschiedene Südstaaten der USA schließlich in die Freiheit und begegnet auf ihrem Weg immer grausameren Ausprägungen des Rassenhasses. „Brave and necessary“ bezeichnete die New York Times den Stoff im Jahr der Trump-Wahl 2016.

Rassismus gegenüber BPOC sei vor allem ein amerikanisches Problem, schallt es alle Jahre wieder bei einem akuten Ausbruch von rassistisch motivierter Gewalt in den USA durch deutsche Mittelstands-Zeitungen. Doch wie ist es um die Anerkennung nicht-weißer Literatur in Deutschland bestellt? Mit Saša Stanišić hat im letzten Jahr ein aus Bosnien stammender Schriftsteller den Deutschen Buchpreis erhalten. „Herkunft“ heißt der so ausgezeichnete Roman und handelt – wie könnte es für einen nicht gebürtigen Deutschen anders sein – von Migrationserfahrungen. Ebenfalls nominiert: Jackie Thomaes „Brüder“. Zwei deutsche Männer leben höchst unterschiedliche Leben. Die Fragen, die sich ihnen stellen, sind jedoch dieselben, denn beiden wurde die dunkle Haut ihrer Väter vererbt. Mit „1.000 serpentinen angst“ wühlte jüngst Olivia Wenzel das Feuilleton auf und erzählte von einer Jugend als schwarze Teenagerin in Ostdeutschland.

“Die Tatsache, dass Afroamerikaner an den Nachwehen der Sklaverei leiden, mittels deren sie zu maximal Anderen degradiert wurden, löst sich vielleicht nie auf. Nicht solange Afroamerikanerinnen als andere Amerikanerinnen gelten, als Amerikanerinnen, die durch das Präfix Afro gekennzeichnet werden müssen.”

Olivia Wenzel, 1.000 serpentinen angst

Wie in Übersee lassen sich also scheinbar auch die Deutschen gern von ihren nicht-weißen Mitbürger*innen über Rassismus belehren. Wohlwollend wird ihnen ihr Platz in einschlägigen Rezensionsportalen eingeräumt, schockiert auf die immer noch herrschende Schlagkraft unterschiedlicher Hautfarben aufmerksam gemacht. Anerkannte Kunst von BPOC, in der vorrangig Probleme thematisiert werden, die mit Rassismus wenig zu tun haben, findet sich jedoch eher selten. Hier offenbart sich der Teufelskreis aus privilegierter Scheinheiligkeit und rassistischen Traumata. Bücher über Rassismus dürfen gerne von BPOC geschrieben werden, andere Themen überlässt man lieber den weißen Autor*innen. Und worüber auch schreiben, wenn Rassismus in einem vermeintlich weltoffenen Land weiterhin Alltag im Leben tausender BPOC ist? So lange nicht-weiße Autor*innen nicht Geschichten schreiben können, in denen Rassismus nur am Rande Thema ist, kann von Normalität in Deutschland wie in den USA noch keine Rede sein.

Autor*innen

Elias Fischer

Seine Männlichkeit passt nicht ganz in den Bildausschnitt.

Antonia Böker

Antonia Böker ist pathologische Klugscheißerin. Deswegen probiert sie es jetzt mal mit Journalismus.

Julia Hubernagel

Lesen tut Julia Hubernagel sehr gern. Manchmal schreibt sie auch, um einfach mal etwas zurückzugeben.

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