„Als Schwarze Frau werde ich nie zur Elite gehören“

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Rassismus ist auch ein deutsches Problem. Die Soziologin Natasha A. Kelly hat sich mit Greta Linde über Ursachen und Gegenmittel unterhalten – und sie zur Selbstreflexion bewegt.

Eigentlich wollte ich ein Interview mit der Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin Natasha A. Kelly führen, sie nach Rassismus an deutschen Unis befragen, um dann eine Liste mit Lektüren und Handlungsempfehlungen für Weiße zu erstellen. Nach dem Gespräch ist mir klar: So einfach ist das nicht. Das Rassismusproblem in Deutschland ist viel tiefgreifender und geht uns alle an, es tangiert uns in jedem Lebensbereich. 

Ob es in Deutschland überhaupt Rassismus gibt, möchte ich mit Natasha A. Kelly nicht besprechen. Das ist Fakt. Man denke an die Anschläge von Halle und Hanau, den NSU, antisemitische Parolen auf Corona-Demos oder Alice Weidels Bundestagsrede über „Kopftuchmädchen und Messermänner“; die Liste an bekannten rassistischen Vorfällen der letzten Jahre könnte diesen Artikel füllen. Also frage ich Kelly nicht, ob, sondern weshalb es Rassismus gibt. „Es ist wichtig, Rassismus als historisch gewachsene, kontinuierliche, koloniale Ideologie zu verstehen, die sich über Jahrzehnte in die deutsche Gesellschaft eingeschrieben hat und nur unzureichend aufgearbeitet wurde.“

Kolonialistische Begriffe sind im deutschen Sprachgebrauch noch immer gegenwärtig; ein Beispiel dafür ist die Mohrenstraße in Berlin. In der vergangenen Woche posteten viele meiner Bekannten schwarze Kacheln zum #blackouttuesday oder wie sie „Exit Racism“ von Tupoka Ogette lasen. Doch kann die weiße Mehrheitsgesellschaft Rassismus so schnell verlernen? Natasha A. Kelly grinst: „Niemand hat gesagt, dass es einfach wird.“ Kelly meint außerdem, dass in Deutschland ein falsches Rassismusverständnis herrsche und kritisiert den Umgang der Medien mit dem Thema.

„Rassismus ist keine Meinung“

Das aktuellste Beispiel ist wohl die Polittalkshow von Sandra Maischberger, die kürzlich ausschließlich weiße Gäste einlud, um Rassismus zu diskutieren. Nach einer Debatte auf Twitter wurde die US-amerikanische Wissenschaftlerin Priscilla Layne nachgeladen, die sich per Videoschalte gut sieben Minuten äußern durfte. „Dies erweckt den Eindruck als ob es in Deutschland keine Schwarzen Expert*innen gäbe. Und wenn doch Schwarze Menschen in den Medien zu Wort kommen, dann sind es keine Expert*innen“, sagt Kelly und findet hierzu ein simples Beispiel: „Wenn ich Zahnschmerzen habe, gehe ich zur Zahnärztin und nicht zum Bäcker. Der Bäcker hat auch Zähne, aber ich brauche ja die Expertise der Zahnärztin. Bei Rassismus wird das nicht gemacht; er wird wie eine Meinung behandelt.“

Besonders deutlich werde die verfehlte Debatte in der Wissenschaft: „Wir brauchen Forschung. Nicht nur Anti-Rassismus-Forschung, sondern Black Studies.“ Außerdem möchte Kelly Schwarze auf langfristigen Positionen an den Unis sehen: „Ich will nicht für den Rest meines Lebens als Gastdozentin eingeladen werden.“ Auf die Expertise Schwarzer Akademiker*innen könne nicht verzichtet werden, so Kelly, die kurzen Besuche führten jedoch keineswegs zur Institutionalisierung des Wissens. 

Universitäten als weltoffener Ort?!

Die FU beschreibt sich auf ihrer Website als weltoffen und modern. Die Uni als Drehscheibe unterschiedlicher Kulturen. Kelly meint, jede Universität habe diesen Anspruch – doch der Unterschied zwischen Vorhaben und Realität zeige, dass die Institutionen nicht wüssten, was Rassismus wirklich sei. „Wir müssen die Thematik von einer individuellen Ebene auf eine strukturelle Ebene bringen, weil dort das Problem liegt.“ Die Tools hierfür seien vorhanden, doch mit einer Schwarzen Person am Lehrstuhl sei die Sache nicht erledigt. 

Kelly erzählt von ihrer Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiterin an der Humboldt Universität (HU). Als Schwarze Akademikerin sei sie immer auch Aktivistin. Viele Leute hätten das Gefühl, durch diese Rolle würde sie zu einer Elite gehören. Aber: „Als Schwarze Frau werde ich nie zur Elite gehören. Da kann ich noch drei Doktortitel dranhängen.“ In jeder Institution müsse sie kämpfen. „Ich habe an der HU versucht, viel zu bewegen. Ich habe ein Strategiepapier geschrieben, das der damalige Präsident gelesen hat. Inwieweit etwas umgesetzt wurde, müsste geprüft werden. Ich kann es mir fast nicht vorstellen.“ Glaubt sie, die HU habe kein Interesse gehabt, auf ihre Kritik einzugehen? „Ich will niemandem Desinteresse unterstellen“, stellt sie klar. „Aber diese ganzen entpolitisierten Diversity-Leitsätze können nicht die Lösung sein, wenn wir ein strukturelles Problem haben. So lange nicht verstanden wird, um was es beim Rassismus geht, laufen alle Versuche ins Blaue.“ 

„Fangt bei euch selbst an“

Dass sie eine komplett rassismusfreie Gesellschaft erleben wird, glaubt Natasha A. Kelly nicht. Daher sei es umso wichtiger, prozessorientiert zu denken. „Visionen sind natürlich wichtig“, ergänzt sie. Aber erstmal müsse eine Grundlage geschaffen werden – und zwar von Schwarzen Expert*innen und Expert*innen of Color. Anders, und Kelly betont es immer wieder, könne es keine richtige Diskussion und erst recht keine Verbesserungen geben.

Ein erster Schritt sei, dass viele Menschen sich nun mit dem Thema auseinandersetzen. Sie hofft, dass daraus mehr wird als ein Hashtag auf Instagram. Der Protest müsse lebendig gehalten werden: Über Spenden an Schwarze Organisationen beispielsweise. Genauso wichtig sei es, im privaten Kontext zu diskutieren, einzuschreiten, wenn auf Familienfeiern Stammtischparolen fallen oder ein Buch zum Thema zu lesen. „Jedes Puzzleteil ist wichtig!“

Einen Schwarzen Kanon gibt es längst

Daher frage ich Natasha A. Kelly nach Lektüretipps. „Es gibt längst einen Kanon und deswegen brauchen wir eine Institution“, stellt sie klar und möchte differenzieren: Suchen die Menschen nach Lektüre zu geschichtlichen, künstlerischen oder kulturellen Aspekten? „Es ist doch alles da!“ Die Literatur wird jedoch kaum an die weiße Mehrheitsgesellschaft herangetragen. „Das ist epistemische Gewalt. Das bedeutet, dass eine monoperspektivische, ausschließlich eurozentrisch weiße Perspektive in deutschen Universitäten zugelassen wird. Das ist institutioneller Rassismus!“

Black Lives Matter Demonstration in Berlin am 06.06.2020. Foto: Elias Fischer

„Das ist nur ein Anfang“

Gegen Ende des Interviews hat Natasha A. Kelly eine Frage an mich: „Warum schreibst du diesen Artikel? Ich hoffe, das reicht weit über Empathie hinaus. Positioniere dich. Unbedingt!“ Es sei ihr trotz zahlreicher Interviewanfragen wichtig gewesen, mit mir zu sprechen. Denn die Wissenschaft müsse sich ändern, Studierende etwas bewegen. Die FU, Kelly wird laut und euphorisch, sei doch überhaupt erst aus einer Protestbewegung entstanden: „Gerade wenn es um die Institutionalisierung von aktivistischem Wissen geht, ist die FU ein Vorzeigebeispiel.“ Kelly verweist auf einen Antrag der Jusos, der Black Studies an allen Berliner Universitäten fordert. Die Soziologin begrüßt das: „Wenn es keinen Boden gibt, auf dem das Ganze stehen kann, verwässert es. Jedes Mal fangen wir wieder von Neuem an. Ich kann nicht glauben, dass weiße Menschen immer noch nicht wissen, dass sie weiß sind.“ Rassismus ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt. Gerade Deutschland hat eine besondere Verantwortung, auch weil die eigene koloniale Geschichte, wie der Völkermord an Herero und Nama, kaum zur Sprache kommt. Es ist unsere Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass rassistische Verbrechen wie diese nie wieder passieren. Das reicht von den Wahlergebnissen der AfD bis zu vermeintlichen Witzen. Natasha A. Kelly fordert, dass weiße Menschen Haltung beweisen, ihre Privilegien nutzen und demonstrieren, auch wenn es keinen passenden Hashtag mehr gibt. „Das ist uns mit über 15.000 Demonstrierenden in Berlin gelungen. Aber das ist nur ein Anfang. Ich gebe mich erst zufrieden, wenn in einer Stadt wie Berlin eine Million Menschen auf die Straße geht. Dann können wir von Veränderung sprechen. Vorher nicht.“


Natasha A. Kelly ist Soziologin und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie hat von 2010-13 an der Humboldt Universität zu Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gender Studies gearbeitet, ihre Schwerpunktthemen waren Kolonialismus und Feminismus. Außerdem ist sie als Filmemacherin, Regisseurin und Kuratorin aktiv und hat das ‚Black European Academic Network‘ mitbegründet. In der Schwarzen Community in Deutschland ist sie sehr engagiert und hat zahlreiche Bücher zum Thema Rassismus veröffentlicht.


Autor*in


1 Antwort

  1. Frau Dr. Natasha Kelly, die ich persönlich kenne, ist eine großartige kompetente Persönlichkeit, die es schon lange verdient, eine adäquate Positiion an eine deutsche Universität oder bei Medienanstalten zu bekommen. Warum ist ihr das bis jetzt nicht gelungen ist auch ein Beweis für den strukturellen Rassismus in Deutschland. Es reicht nicht, sie zu interviewen, sondern die Medien zu mobilisieren um mit den schwarzen Akteur*innen – deutschen UND migrierten – in Plenum und Arbeitsgruppen langfristig und nachhaltig zu handeln, um die Rassismen zu bekämpfen und eliminieren. … und nicht gerade weil George Floyd von der Polizei getötet wurde! PARADIGMENENWECHSEL: Breonna Taylor wurde auch von Polizisten in USA ermordert… Deutschland und die restliche Welt) berichtet kaum davon und geht nicht für sie auf die Strassen: das ist ebenfalls eine wichtige Tatsache! Darüber sollten die Medien ebenfalls mit uns Schwarzen Frauen debattieren und Lösungsansätze entwickeln. Frauen sind die Säule der Menschheit! Ich bin Weltbürgerin, Migrantin, Sozialarbeiterin und Familiencoach und parallell dazu Gemeindedolmetscherin (Französisch, Englisch: Täglich bin ich mit vielen Mißständen konfrontiert – sowohl in der Ausübung meinen Tätigkeiten , als auch tagtäglich in den 40 Jahren, die ich in Deutschland (München) verbracht habe. Ich sehe mich dennoch als Teil der Lösung und versucht intersektional als Mutter, Aktivistin und Multiplikatorin gegen Mißständen, Mikroattacken und Diskriminationen anzugehen. Gern spreche ich mit Ihnen darüber! Viele Grüße

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