Die Moral in Zeiten von Corona

Foto: pixabay.com / Montage: José-Luis Amsler

In der Corona-Pandemie werden moralische Gedankenexperimente Wirklichkeit. José-Luis Amsler über den Nutzen der Moralphilosophie in Krisenzeiten.

Die Bremsen versagen, der Zug ist außer Kontrolle. Unaufhaltsam nähert er sich einem in der Ferne immer größer werdenden Bahnhof, wo ein katastrophaler Zusammenstoß mit einem weiteren Personenzug nicht mehr zu vermeiden ist. Deine Gedanken rasen, während du verzweifelt nach einer Lösung suchst. Als Weichensteller*in beobachtest du das drohende Desaster von der Schaltzentrale aus. Plötzlich kommt dir ein schrecklicher Gedanke: Du könntest diesen Zug in letzter Sekunde umlenken. Dadurch würden zwar viele Menschenleben gerettet, einige ahnungslose Gleisarbeiter*innen auf dem Ausweichgleis aber auf jeden Fall getötet werden. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dir nicht – du musst eine Entscheidung treffen.

Moral weshalb warum?

Kann man ein Menschenleben gegen das andere aufwiegen? Was wäre die moralisch „richtige” Wahl in so einer Grenzsituation? Derartige Fragen behandelt die Moralphilosophie, ein Teilbereich der Philosophie, den wir gemeinhin auch als „Ethik“ bezeichnen. Es ist die Wissenschaft von der Moral, die hier als gesellschaftliche Normen verstanden wird, nach denen wir unser Handeln richten sollten. 

Scheinbar ausweglose Situationen, in denen jede der vorhandenen Handlungsoptionen gegen moralische Grundsätze verstoßen würde, nennt man moralische Dilemmata. Mittels solcher Gedankenexperimente erforschen Moralphilosoph*innen die psychologischen und sozialen Grundlagen moralischer Phänomene. Auch unser Beispiel mit dem unaufhaltsamen Zug ist so ein Gedankenexperiment. Unter dem Namen „Trolley-Problem“ gehört es zu den bekanntesten Dilemmata der modernen Ethik.

Realitäten der Krise

Vieles, was wir vor kurzem noch für unmöglich gehalten hätten, ist angesichts der aktuellen Corona-Pandemie Realität geworden. Als die Krise in unserem Nachbarland Italien im März ihren Höhepunkt erreichte, lag es plötzlich an den Ärzt*innen, „hoffnungslose“ Fälle vor den Türen der Krankenhäuser nach Hause und in den wohl sicheren Tod zu schicken. „Triage“ nennt man diese drastischen Selektionsverfahren. So haben auf tragische Weise auch die moralphilosophischen Gedankenexperimente von Leben und Tod ihren Weg aus der Fiktion in die Wirklichkeit des Jahres 2020 gefunden. 

Doch auch aus einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive sind moralische Dilemmata in diesen Tagen keine Seltenheit. Der Zug, das sind in unserem Fall nationale Gesundheitssysteme, die unter der Last des Virus an den Rand ihrer Kapazitäten gedrängt werden. Der Zug ist die globale Wirtschaft, die mit defekten Bremsen in die schlimmste Rezession seit einem Jahrhundert rauscht. Die Weichensteller*innen sitzen in den Regierungen der Welt – und stehen derzeit täglich vor Entscheidungen wie aus dem Ethik-Lehrbuch. Eine sinnbildliche Weiche wird gestellt, wo beispielsweise Schutzmaßnahmen gelockert werden, um die Wirtschaft vor einer Katastrophe zu bewahren. Die zusätzlichen Todesopfer, die wir dadurch möglicherweise beklagen werden, sind der in Kauf genommene Schaden dieser Entscheidungen. In einem historischen Ausmaß steht die Politik derzeit regelmäßig vor moralischen Dilemmata.

Richtig, falsch – alles Ansichtssache

Kann die Moralphilosophie bei der politischen Entscheidungsfindung in der Krise Abhilfe verschaffen? Warum schlägt die Bundesregierung nicht einfach im „Handbuch Moralphilosophie“ nach, welche Entscheidungsmöglichkeit im Umgang mit Corona-Maßnahmen die richtige ist? So wundervoll eindeutig wie das mit der Moral klingt, ist es letztlich aber leider doch nicht. Denn auch in der Moralphilosophie ist man sich fürchterlich uneinig, welche Handlungswege denn jetzt moralisch „richtig” sind. 
Im Bezug auf moralische Dilemmata haben sich in der Forschung zwei wesentliche philosophische Denkrichtungen herausgebildet. Die Deontologie, auch „Pflichtethik“ genannt, teilt menschliches Handeln klar in gut oder schlecht ein und bewertet dieses anhand der normativen Verpflichtungen der handelnden Person. Es geht also ums Prinzip, nicht um die möglichen Folgen einer Handlung. Der wohl bekannteste Vertreter der Deontologie dürfte auch den nicht-geisteswissenschaftlich orientierten Studis unter uns ein Begriff sein. Immanuel Kant fasste mit seinem kategorischen Imperativ prägnant zusammen, was moralisches Handeln in der Pflichtethik bedeutet:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Immanuel Kant

Dem entgegnet der Utilitarismus, der auch als „Nutzethik“ bezeichnet wird, eine gänzlich andere Auffassung von Moral. Eine Handlung gelte demnach genau dann als moralisch, wenn durch diese der Gesamtnutzen für möglichst viele Personen maximiert werde. Einer der überzeugtesten Utilitaristen der Geschichte, der englische Philosoph John Stuart Mill, betonte in seinem Buch mit dem einfallsreichen Titel „Der Utilitarismus“, dass größtmögliches gesellschaftliches Glück nur durch selbigen erreicht werden könne.

Wie grundsätzlich sich beide Denkrichtungen unterscheiden, wird in Bezug auf unser eingangs aufgemachtes Trolley-Problem klar. Kant hätte im Umlenken des Zuges wohl eine unmoralische Verletzung der Pflicht nicht zu töten gesehen und der Weichensteller*in dringend davon abgeraten, ins Geschehen einzugreifen. Mill hätte indes längst selbst den Hebel zur Weichenstellung betätigt, da trotz hervorgerufenem Schaden das Wohlergehen von weitaus mehr Menschen gesichert worden wäre.

An Brisanz und philosophischem Wert hat das Trolley-Problem heutzutage sicher nichts eingebüßt, auch wenn sich im 21. Jahrhundert die Lösungsoptionen deutlich anders gestalten. Mit einem geistesgegenwärtigen Griff zum Handy wäre der nächstgelegene Bahnhof in Sekunden gewarnt, ein schrecklicher Unfall verhindert und das Problem gelöst. Zugegebenermaßen hätten, aufgrund gegebener historischer Umstände, weder Kant noch Mill auf diese Lösung kommen können. Stattdessen haben sich die beiden Denker eben gründlich den Kopf zerbrochen und zwei der bedeutendsten Werke der Moralphilosophie geschrieben – auch nicht zu verachten.

Philosoph*innen als richterliche Instanz?

Trotz ihrer durchaus unterschiedlichen Standpunkte zu brisanten Themen sind Moralphilosoph*innen in der aktuellen Krise beliebte Interviewgäste in den Medien. So erklärt der britische Philosoph Roger Crisp im Interview mit dem Spiegel, dass jüngere Menschen im Falle überlasteter Gesundheitssysteme bevorzugt werden sollten. Gleichzeitig betont Philosoph Otfried Höffe gegenüber der Frankfurter Rundschau, dass eben kein Leben besser als das andere und so eine Abwägung nicht tragbar sei. Wer also darauf gebaut hat, von nun an jedwede schwierige Entscheidung mit eindeutigem Rückhalt der Moralphilosophie aus dem Weg räumen zu können, den muss ich an dieser Stelle leider enttäuschen.

Die Moralphilosophie kann uns eben doch nicht einfach sagen, was richtig und was falsch ist. Wer diese deshalb als nichtsnutziges Laberfach abtun möchte, sollte bedenken, dass der Fehler nicht im Wesen der Philosophie, sondern in unserer Betrachtungsweise dieser Wissenschaft liegt. Philosoph*innen beschreiben und erklären lediglich gedankliche Konstrukte. Wir sind es, die sich nach einer einfacheren, dichotomen Welt sehnen. In der Psychologie nennt man diese Tendenz übrigens „Alles-oder-nichts-Denken“. So gern wir uns auch manchmal in so eine Welt hineindenken mögen, endgültige moralische Urteile kann und sollte die Philosophie nicht fällen. 

Was kann die Moralphilosophie also leisten? Sie kann uns verschiedene Handlungsmöglichkeiten und deren grundlegende moralische Herangehensweisen erklären. Sie kann uns helfen, moralische Konflikte bewusst aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven zu betrachten. Dass es in unserer alltäglichen Realität eben nicht immer nur schwarz oder weiß gibt, kann bei schwierigen Entscheidungen letztlich sogar von Vorteil sein.



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