Prüfungsstress in Isolation

Klausuren in Jogginghose: Die Studierenden einiger Fachbereiche müssen in diesem Semester nicht einmal für Klausuren das Haus verlassen. Johanna Jürgens hat sich die Pläne der FU für Online-Prüfungen angeschaut.

So ungefähr könnten die E-Exams der FU aussehen. Wer das Programm testen möchte, kann eine Beispielprüfung absolvieren. Bild: Screenshot

Von unbeholfenen Webex-Seminaren über umständliche Bibliothek-Ausleihen bis hin zu Hemmfristen: Die Corona-Krise hat dieses Sommersemester völlig auf den Kopf gestellt. Vorangetrieben hat sie dabei jedoch die Digitalisierung der Hochschulen. Doch ob Online-Prüfungsformate wirklich ein Fortschritt sind, hängt ganz von der Umsetzung ab. 

Ein Blick auf das Krisenmanagement anderer Bildungseinrichtungen im In- und Ausland zeigt, wie es laufen kann – und wie es besser nicht laufen sollte. Was davon hat eigentlich die FU vor?

Andere Unis, andere Sitten

Bereits Anfang Juni haben die TU Dortmund und Uni Köln Messehallen angemietet, damit die Studierenden ihre Klausuren während der Pandemie wie gewohnt schreiben können. So wurden ihnen trotz Plexiglas, Mundschutz und Mindestabstand wenigstens annähernd normale Voraussetzungen geboten. Andere Hochschulen setzen auf digitale Prüfungsformate statt aufwendiger Hygienemaßnahmen. Eine von ihnen ist die Universität Amsterdam. Doch so fortschrittlich das auch klingt, ganz unproblematisch ist es nicht: Die Hochschule stand wegen der Nutzung der Software „Proctorio“ in der Kritik – und schließlich sogar vor Gericht. 

Ende Mai erhob der Studierendenrat der Amsterdamer Uni Klage gegen die Universitätsleitung. Hintergrund waren datenschutzrechtliche Bedenken: Die Monitoring-Software „Proctorio“ greift auf die Webcams und Mikrofone von Studierenden zu, um diese während einer Online-Klausur zu überwachen. Dabei erkennt sie unter anderem herumliegende Bücher und anwesende Personen, dokumentiert Tastenanschläge und analysiert ihre Aufzeichnungen. Das niederländische Gericht entschied zugunsten der Universität, die Bedenken der Studierenden bleiben bestehen.

Unbeeindruckt von dem Gegenwind, den die Universität Amsterdam erfuhr, wollte auch die TU München „Proctorio” zur Erkennung von Täuschungsversuchen nutzen. Nach heftiger Kritik seitens der Studierenden einigte man sich dort auf einen Kompromiss: Sie sollen in diesem Semester wählen können, ob sie die Prüfung in Präsenz oder zeitgleich zu Hause als Online-Klausur mit Überwachung schreiben wollen. 

Online-Prüfungsformate an der FU 

Für die FU komme „Proctorio” derzeit nicht infrage, erklärt das Präsidium gegenüber FURIOS. Doch auch hier sollen Prüfungen nur in Ausnahmefällen im Präsenzbetrieb stattfinden. Angeboten werden je nach Fachbereich bereits alternative Klausurformate, etwa mündliche Prüfungen via Videocall, Hausarbeiten oder „häusliche Klausuren“, bei denen die zu Hause bearbeiteten Aufgaben digital eingereicht werden. Vollständig “kontaktlose Distanzprüfungen” sollen ab Ende Juli möglich sein – an der technischen Infrastruktur für die „E-Examinations@Home“ arbeitet derzeit eine gleichnamige Taskforce. 

Als Prüfungssoftware kommt dafür das bereits in den E-Examination Centers der FU eingesetzte Programm „LPLUS TestStudio” zum Einsatz. Täuschungsversuche sollen hier nicht durch Überwachungstools wie „Proctorio” dokumentiert, sondern mithilfe der Browser-Erweiterung „Safe Exam Browser“ (SEB) bereits im Vorfeld erschwert werden. Die Anwendung versetzt private Rechner in einen „Kioskmodus“ und macht sie so zu temporär abgesicherten Arbeitsstationen. Der SEB reguliert dabei den Zugriff auf auf dem Rechner gespeicherte Hilfsmittel und unterbindet die Verwendung unerlaubter Ressourcen, wie zum Beispiel Online-Enzyklopädien.

Open-Source Programm statt Totalüberwachung 

Glaubt man den Entwickler*innen der Software von der Technischen Hochschule Zürich, ist das Ganze für FU-Studierende unbedenklich: Laut Datenschutzerklärung werden die Daten nur lokal auf dem Prüfungsrechner gesammelt und nicht an zentrale Server geschickt. Zudem handele es sich nicht um personenbezogene Informationen, sondern um Daten, die zur Fehleranalyse herangezogen werden können. Diese sind im Zweifelsfall essentiell: Gibt es während einer Online-Klausur technische Probleme, sodass der*die Studierende die Prüfung abbrechen muss, gilt diese laut Vizepräsident Heekeren als nicht erbracht und zählt nicht.

Ein weiterer Vorteil: Bei dem „Safe Exam Browser“ handelt sich um ein Open-Source-Projekt, der Quellcode des Tools ist öffentlich einsehbar. Das schafft nicht nur mehr Transparenz, sondern auch eine bessere Vergleichbarkeit mit anderen Softwarelösungen. 

Wie gut die Online-Prüfungsformate der FU wirklich sind, wird erst die Umsetzung zeigen. Denn neben der Software kann auch die (teilweise nicht vorhandene) technische Ausstattung der Studierenden zum Problem werden. Wie die Uni dabei im Härtefall entscheiden will und wie garantiert werden kann, dass alle Teilnehmer*innen dieselben technischen Zugangsmöglichkeiten zur Prüfung haben, ist derzeit allerdings noch unklar.

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