„Eine Netto-Klimaneutralität bis 2025 werden wir nicht erreichen können”

Andreas Wanke leitet die Stabsstelle für Nachhaltigkeit an der FU. Im Interview mit Matthäus Leidenfrost und Jette Wiese spricht er über die Rolle der Fridays for Climate Justice und erklärt, warum das CO2-Ziel zu kurz greift.

Andreas Wanke plant unter anderem eine Art Wettbewerb für studentische Projekte zum Thema Nachhaltigkeit. Foto: Jette Wiese

FURIOS: Herr Wanke, Sie sind seit 19 Jahren in der Stabsstelle für Nachhaltigkeit tätig. Wo steht die FU mittlerweile in Sachen Klimaschutz?

Andreas Wanke: Wir haben definitiv etwas geleistet, aber wir müssen uns weiter anstrengen. Das betrifft nicht nur die Klimaneutralität bis 2025, sondern alle Teilziele. Das umfassendste Teilziel ist, dass Nachhaltigkeit und Klimaschutz künftig bei allen Entscheidungen eine Rolle spielen müssen. Bei jeder Entscheidung heißt: bei jeder Entscheidung. Das geht nur, wenn man einmal quer durch die Universitäten geht und alle Akteur*innen einbezieht. Trotz unserer Erfolge plädiere ich daher für eine bescheidene Grundhaltung. 

Die Uni hat sich das radikale Ziel gesetzt, bis 2025 CO2-neutral zu sein. Was bedeutet das?

Verglichen mit 2002 haben wir unseren CO2-Verbrauch um 80% reduziert,  die verbleibenden 20% stellen uns aber vor große Herausforderungen. Zum Beispiel läuft die Fernwärme in Berlin noch mit Kohlekraftwerken. Auch das Thema Dienstreisen ist für die FU besonders virulent, denn 2018 machten die Dienstreisen rund ein Drittel der gesamten Emissionen aus.

Im November besetzten Studierende um die Fridays for Climate Justice-Gruppe vier Tage lang einen Hörsaal, um gegen die Klimapolitik zu protestieren. Was hat die Streikwoche bewirkt? 

Wir haben den Protest nicht als gegen die FU gerichtet wahrgenommen, das war eigentlich ein sehr willkommener Austauschprozess. Ich habe Fridays for Climate Justice sowieso als konstruktive Kraft wahrgenommen, nicht zu vergessen auch Scientists For Future. Das war sicher auch eine Quelle für die Notstandserklärung, das hat dem Ganzen Dynamik gegeben. Wir haben das als Fortführung, aber auch Radikalisierung unseres bisherigen Prozesses verstanden.

Also brauchte es erst die Studierenden, um die Sache richtig ins Rollen zu bringen?

Naja, das kann man so nicht sagen. Wir hätten nicht den Klimanotstand erklärt,  wenn wir nicht glaubwürdig darlegen könnten, dass wir wissen, worüber wir sprechen. Ich weiß sehr gut, wie radikal dieses Ziel ist. Wir haben uns immer so verstanden, dass wir ein bisschen mehr tun als als die meisten und auch ein bisschen schneller sind. Aber dieser Lernprozess, dass Klimaschutz jetzt stattfinden muss, der war aus meiner Sicht umfassend – auch bei den Studierenden. Der Druck, den wir von ihnen spüren, war vorher auch nicht da. Er entstand eigentlich erst mit Fridays for Future. 

Ist das Klimaziel denn erreichbar?

Man muss das eingrenzen. Alle thematisieren dieses quantitative Ziel der CO2-Neutralität. Hier möchte die FU natürlich zeigen: Ja, das Thema ist wichtig und wir schaffen das. Wir sollten aber nicht vergessen, dass der Ansatz der Universität ist, die globalen Probleme zu untersuchen und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Und dann die nachfolgenden Generationen mit Kompetenzen auszustatten, damit diese Probleme auch bewältigt werden. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nur über das Quantitätsziel reden, weil das so schön mit Zahlen darstellbar ist. 

Sie weisen auf die langfristige Entwicklung hin, das FU-Präsidium hält trotzdem an dem kurzfristigen Ziel von 2025 fest. Ist seine Strategie realistisch?

Das Ziel der Klimaneutralität ist das Ziel der gesamten Universität. Dabei muss man aber erst mal fragen, was damit gemeint ist. Manche Universitäten definieren damit nur den Energieverbrauch auf dem Campus, also Wärmeverbrauch und Stromverbrauch. Aber das ist ja nicht alles. In unserem Fall sind es dann beispielsweise noch der Energieverbrauch aus dem Fuhrpark und die Dienstreisen. Das sind erhebliche Größenordnungen. Wir alle wissen, dass die Flugzeuge 2024 nicht mit grünem Kerosin fliegen werden. Das heißt, es ist von vornherein klar, dass wir nicht in der Lage sein werden, 2025 netto Klimaneutralität für die FU abzubilden. Das würde ja bedeuten, es gibt keine Dienstreisen mehr und wir haben Alternativen zur städtischen Fernwärmeversorgung entwickelt. 

Ein wie auch immer geartetes Klimaneutralitäts-Marketing zu betreiben, sollte nicht die Rolle von Universitäten sein, sondern wir müssen Transparenz herstellen über die Entscheidungssituation und die Optionen, die wir haben. Es geht auch über neue Klimaschutzprogramme hinaus um die Entwicklung glaubwürdiger Kompensationsmechanismen. Außerdem wollen wir ein Ideen- und Innovationsmanagement für Studierende, Wissenschaftler*innen und Beschäftigte aufbauen und damit hochschulbezogene Projekte fördern. Das setzt einen Zyklus in Gang, aus dem heraus dann eigene Ideen produziert werden und die Akteur*innen lernen, miteinander zu kooperieren. 

Autor*innen

Matthaeus Leidenfrost

Jäger des verlorenen Satzes

Jette Wiese

Lieber lange Wörter als Langeweile.

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