Das abgelichtete Dunkle

Unrecht gegenüber Mensch, Tier und Umwelt: Fotojournalist*innen halten es fest. Die beim diesjährigen World Press Photo Award ausgezeichneten Fotos sind derzeit in Berlin zu sehen – an einem bemerkenswerten Ort. Von Julian Sadeghi

Willy Brandt wacht über die Bilder der Ausstellung – über seine Genossen ebenfalls? Foto: Sadeghi, Illustration: Joshua Leibig

Diana hat braunes, zotteliges Fell. Ihr Gesichtsausdruck wirkt anrührend menschlich, gleichzeitig scheint sie angespannt und ängstlich zu sein. Sie klammert sich um den Hals eines Mannes auf der indonesischen Insel Sumatra. Diana ist ein achtjähriger Orang-Utan. Der belgische Fotograf Alain Schroeder hat im Frühjahr 2019 fotografiert, wie sie von ihrem Tierarzt zurück in die Wildnis gebracht wird. Orang-Utans sind akut vom Aussterben bedroht, weil ihr Lebensraum, der Regenwald, unter anderem aufgrund der hohen Nachfrage nach Palmöl kontinuierlich verkleinert wird. Das Foto dokumentiert die Anstrengungen von Naturschützer*innen, die Population zu retten. Gleichzeitig zeigt es in erschütternder Klarheit, wie das Überleben der meisten Lebewesen von nichts als der Gnade des Menschen abhängig ist. Derartige Erkenntnisse zu wecken ist eine der zentralen Aufgaben des Fotojournalismus. Die besten Fotos des Jahres 2020 sind kürzlich beim World Press Photo Award ausgezeichnet worden.

Straight Voice
Foto: Yasuyoshi Chiba, Japan, Agence France-Presse

Pressefotografie schreit Betrachtenden die Grausamkeiten der Welt noch lauter ins Gesicht als Textjournalismus es vermag. Die Gewinner-Fotografien des World Press Photo Award 2020 können in der Eingangshalle der SPD-Parteizentrale betrachtet werden. Gezeigt werden neben Fotos von Naturkatastrophen wie den verheerenden Waldbränden in Australien Anfang 2020 und der sozialen Misere in Venezuela auch Aufnahmen von den Protesten gegen Sudans Ex-Diktator al-Bashir, bei denen das Siegerfoto von Yasuyoshi Chiba entstand. Chiba fotografierte einen jungen Demonstranten, wie er im Juni 2019 mit großer Verve eine Zivilregierung für sein Land forderte.

Bewegendes abseits der Schlagzeilen

Auch medial wenig beachtete Umstände haben es unter die Preisträger*innen und Nominierten geschafft: So lenkt der deutsche Fotograf Maximilian Mann die Aufmerksamkeit der Besucher*innen auf den See Urmia auf einer iranischen Hochebene, der seit Jahren immer weiter austrocknet. Die entstandene Salzwüste gefährdet die umliegende Landwirtschaft und beraubt die heimische Tierwelt ihrer Lebensgrundlagen. Die Fotografin Lee-Ann Olwage hat ein eindrucksvolles Portrait einer südafrikanischen Travestiekünstlerin und Aktivistin geschossen, das den Versuch verbildlicht, die Travestiekultur zu dekolonialisieren und für sie eine spezifisch afrikanische Ausdrucksform zu finden.

Black Drag Magic – Portrait of a Drag Artist and Activist
Foto: Lee-Ann Olwage, South Africa

In einem Seitenflügel des Willy-Brandt-Hauses wird die Zusatzausstellung „Überleben im Müll“ gezeigt. Die Fotografien und Kunstwerke flankieren die Motive der Pressefotografien inhaltlich, indem sie das Augenmerk auf die Katastrophe lenken, die der weltweite Plastikverbrauch anrichtet. Eine Besucherin flucht beim Anblick indischer Kinder, die in einer nicht enden wollenden Müllberglandschaft nach Verwertbarem suchen: „Das ist doch unmenschlich! Sowas müsste bestraft werden!“ Und im Gästebuch merkt ein*e Besucher*in an, man möge doch die Verwendung von Plastikarmbändern als Eintrittskarte überdenken.

Der inhärent politische Ausstellungsort

Das Orang-Utan-Weibchen Diana ist nur eines von vielen gezeigten Motiven, die beim Verlassen des Willy-Brandt-Hauses für ein unbehagliches Grübeln sorgen: zu viel schreiende Ungerechtigkeit gegenüber Mensch, Tier und Natur. Die verhängnisvollen Folgen unseres wohlstandsgetränkten Verhaltens haben eigentlich eine größere Bühne verdient als das Atrium der deutschen Sozialdemokratie.

Stumm wacht eine überlebensgroße Statue Willy Brandts über die Ausstellung. Leider sind die Fotos an die seitlichen Wände der Lobby gedrängt, der größte Teil der Halle bleibt frei. Das ist schade, weil die Fotos so nicht ihre ganze Wirkung entfalten können. Es ist aber auch bedauerlich, weil sich die gezeigten Missstände den SPD-Mitarbeitenden und Politiker*innen, die allmorgendlich durch die Lobby der Parteizentrale laufen, so weniger aufdrängen.

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Die Ausstellung läuft bis zum 16.08.2020, Eintritt frei, Ticketbuchung vorab, Infos gibt es hier.

Autor*in

Julian Sadeghi

Einer der Julian Sadeghis dieser Welt.

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