Furios Extrem: Öffentlich-rechtlich von morgens bis abends

Als Lena acht Jahre alt war, wäre es für sie das Größte gewesen, einen ganzen Tag lang fernzusehen. Den Wunsch hat sie sich erfüllt und nebenbei erforscht, wofür sie eigentlich Rundfunkgebühren bezahlt.

Sonne scheint, Kaffee lacht: der Tag fängt gut an. Foto: Lena Marie Breuer

Um kurz nach 9 dann der erste Dämpfer: Live nach neun. Das Aufregerthema: in Bochum haben Frauen die Männer aufgefordert, im Stadtpark Oberbekleidung zu tragen. Anschließend erzählt ein junger Mann in einem Beitrag, dass er bei der Hitze leider nicht in der Lage sei, ein T-Shirt zu tragen. Während des Interviews trägt er ein T-Shirt. Kaum geschwitzt, schon herbstlich: Die Sendung schließt ab mit einem Beitrag über die Reife von Kürbissen. Toll!

10 Uhr: Geigendramatik

Ich begrüße meinen ersten tragikomischen Gegner “In aller Freundschaft”, auch bekannt als deutsches “Grey’s Anatomy”. Während Meredith in der amerikanischen Serie Bomben aus lebenden Menschen operiert, weigert sich hier ein alter Mann, seine Geige loszulassen, und kann deswegen nicht operiert werden. Es folgt ein Wortwechsel mit seinem Sohn in erhöhter Lautstärke, natürlich verliert niemand die Fassung oder flucht, wir sind hier bei der ARD. 

Als nächstes kann ich testen, ob ich ein so genannter “Meister des Alltags” bin. Mein neu erworbenes Wissen über Kürbisse kann ich leider nicht einbringen, stattdessen lerne ich, wie man Paprika häutet und erweitere mein immenses Wissen über Pfälzer Wurstspezialitäten. Das erspielte Geld eines Promi-Teams wird an eine Organisation gespendet, die sich dafür einsetzt, mit Kindern in den Wald zu gehen und ihnen die Natur näher zu bringen. Kann das unkommentiert bleiben? Nein, natürlich nicht: “Die jungen Leute hängen ja heute alle nur am Handy” wettert die Teilnehmerin. 

Nicht schön, aber selten. Ich wollte mich nebenbei beschäftigen und Solitär wurde langweilig. Foto: Lena Marie Breuer

Meine innere Rentnerin erwacht. Ich liebe die Quizshow “Gefragt Gejagt”. Ich rate nach Herzenslust mit und brülle meinen Fernseher an, als wäre ich ein 50-jähriger Dosenbier-Trinker, der sich für den Bundestrainer hält. 

12 Uhr: Tagesschau. 

Mittach

Die Pfälzer Wurstspezialität hat mich hungrig gemacht, gut, dass das ARD-Buffet jetzt eröffnet ist. Dort lerne ich, wie man Fische häutet und Austern schlürft, während ich Reis mit Resten kredenze. Auf der Facebookseite der Sendung wird unterdessen diskutiert, wie man Currywurst korrekt zubereitet (Mit oder ohne Cola, das ist hier die Frage). Ich erfahre, dass Juckreiz an den Händen durch den vermehrten Gebrauch von Seife entstehen kann und dass Erdnüsse eigentlich Hülsenfrüchte sind.

Da ich mittlerweile aus Langeweile sämtliche Handyspiele teste, merke ich erst später, dass eine andere Sendung läuft: Das Mittagsmagazin. Wieder sehe ich einen Mix aus Nachrichten und seichter, informativer Unterhaltung. Gezeigt wird ein Beitrag über Hühner, die man mieten kann, weil die junge Generation ja gar nicht mehr wisse, wo Eier überhaupt herkommen. Dass die junge Generation durchaus in der Lage ist, verbale Informationen zu verarbeiten, wird ignoriert.

14 Uhr: Nochmal Tagesschau.

Roses are red…

Ich habe ihn gefürchtet, den Endgegner: Rote Rosen. Die mehrschichtige Handlung mit all ihren komplexen Charakteren zusammenzufassen, mag für manch einen ausgebildeten Dramaturgen schwierig sein, ich werde mich dennoch daran versuchen. Eine junge Witwe wird beschuldigt, den Verstorbenen nur aus Geldgründen geheiratet zu haben. Sie liebt ihn aber doch und kämpft aus Liebe für ihre vier Millionen Euro. Den Rest dieses Handlungsstrangs verstehe ich nicht, weil ich Candy Crush spiele.

Es gibt auch junge Leute in der Sendung, Pia und ihr namenloser Kumpel sind beide in ihren platonischen Freund Freddy verliebt. Freddy liebt Pia und schenkt ihr ein Armband aus Recyclingmaterial, Happy End, der namenlose Kumpel wird einfach ignoriert. Was für eine schöne Folge!

15 Uhr: Tagesschau. Klar.

Und jetzt zum Sport

Der Endgegner ist zwar besiegt, aber ich breche das Experiment trotzdem ab. Ich bin mental absolut nicht dazu in der Lage, mir zweieinhalb Stunden lang die Tour de France anzusehen. Stattdessen bewege ich mich jetzt endlich aus der Wohnung, zu Fuß und ohne eckige Augen. Vielleicht habe ich Glück und treffe unterwegs meinen alten Nachbarn, dann können wir über Kürbisse quatschen.

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