Tinte zwischen Kunst, Kultur und Kommerz

Die Suche nach kunstschaffenden Studierenden an der Freien Universität Berlin hat unsere Autor*innen Elias Fischer und Tamara Teuber dieses Mal in ein Tattoostudio zu Vincent Klöffer geführt.

Vincent Klöffer (23), Tattooartist. Foto: Vincent Klöffer, privat

Muskelbepackte Männer mit Bärten und Piercings und solariumgebräunte Frauen in Bikini und High Heels, die sich vor der Kamera in aufreizenden Posen räkeln: Immer wieder tauchen diese Klischees auf, wenn von Tattoos die Rede ist, und die Suche auf Instagram unter dem Hashtag Tattoo scheint diese in Teilen zu bestätigen. „Traditionelle Vorstellungen vom Tätowieren mit halbnackten Frauen, harten Männern, dunklen Studios” seien im Mainstream lange Zeit  von großer Bedeutung gewesen, besonders auf Tattoo-Conventions oder in -magazinen, sagt Vincent Klöffer (23). Vincent studiert Kunstgeschichte Afrikas und Sozial- und Kulturanthropologie an der FU und arbeitet nebenbei als Tätowierer. Ihm gefallen diese klassischen Klischees nicht. Er wolle als Künstler und Tätowierer „mehr Bewusstsein dafür schaffen, dass Tattoos oft nicht nur Accessoires sind, sondern eine Tradition und Bedeutung haben.”

Vincent kommt aus einer Kleinstadt in Bayern und wohnt seit fast vier Jahren in Berlin. Vor dem Tattoostudio Chorus in Neukölln stehend sieht er aber eher aus wie der stereotype Berliner, der ein Faible für Weißbier aus Bayern hat – Vokuhila, Turnschuhe und Erdinger-Shirt. Seit drei Jahren verziert Vincent nun menschliche Körper mit Tattoos. Der Weg dahin führte übers Zeichnen, womit er früh in seiner Jugend beginnt. Sein Vater, der als Förster arbeitet, zuvor aber Kunst studiert hatte, habe zu Hause häufig gemalt und gezeichnet, sagt Vincent. Das habe ihm gezeigt, „dass Kunst einen Raum schaffen kann, indem man sich frei entfalten kann.” Kunst begleitet Vincent schließlich auch in der Schule, als er Kunst als Leistungskurs wählte.

Aus Graphit auf Papier wird Tinte unter der Haut

Irgendwann entwirft er erste Dotworks, die sich Freund*innen und Bekannte stechen ließen. „Ich habe sie gezeichnet, aber nicht gestochen, bis ich mir dachte: Wieso mach’ ich das eigentlich nicht selbst? Da macht ja jemand Geld mit meinen Designs”, sagt Vincent lächelnd. Es habe ihm dennoch viel bedeutet, wenn Freunde sich seine Werke tätowieren ließen. Schließlich zieht er nach dem Abitur nach Berlin, erlernt das Handwerk des Tätowierens an der Europäischen Schule für Tattoo & Piercing (ESTP) in Spandau und absolviert schließlich ein Praktikum bei Chorus Tattoo, wo er bis heute arbeitet.

Vincent weigert sich aber dagegen, das Tätowieren als Arbeit zu sehen, weil es für ihn mit Freiheit verbunden ist. Er ist kein Verfechter des kommerziellen Tätowierens, auch wenn sein eigener „Stil bestimmt teilweise dort einzuordnen ist”. Er empfinde es als Privileg und möchte, dass es „Leidenschaft und Hobby” bleibt, auch wenn er hin und wieder Einschnitte in seine gestalterische Freiheit in Kauf nehmen müsse, um sich zu finanzieren. Denn gelegentlich wenden sich Kund*innen mit einem fertigen Motiv an ihn und wollen dies unverändert gestochen haben. Dabei gehe für ihn nicht unbedingt das Vergnügen, aber ein Stück Kunst verloren. Es bleibe dann, so sagt Vincent, „der ganze persönliche Prozess von Beratung, Ideenaustausch und dem Zeichnen und Anpassen” aus, was für ihn als Tattoo-Artist zu der Kunstform dazugehört.

Generell würden sich die meisten Kund*innen mit expliziten Ideen an ihn wenden, sagt Vincent. Er verdeutliche ihnen aber immer, dass er beim Zeichen, beim Umsetzen der Ideen, seine Ästhetik einfließen lasse. Das sei seine „Freiheit als Künstler”. Manchmal komme es auch dazu, dass man sich nicht einigt, erklärt Vincent. Doch zumeist entwickle sich ein Spiel zwischen Kund*in und ihm. Dabei arbeite er zusammen mit ihnen heraus, was die Quintessenz des Motivs und der Idee sei, aber auch an welcher Stelle des Körpers das Tattoo letztlich gestochen werden soll.

Tattoos zur Abschreckung

In einem Praxistest mit FURIOS durchlaufen wir diesen Schaffensprozess. Aus den Vorlieben Fußball, Musik, Schokolade und Sex soll Vincent ein Motiv entwerfen. Wenige Minuten später ist die Zeichnung fertig: ein weiblicher Körper mit einem Sixpack aus Schokoladenstückchen, einem Intimbereich in Form von Achtelnoten mit Balken und Brüsten in kariertem Fußballledermuster. “Normalerweise arbeiten meine Kund*innen und ich mit Ideen und nicht mit einzelnen abstrakten Begriffen”, sagt Vincent. Diesmal habe er deshalb versucht, etwas Witziges zu kreieren, und der weibliche Körper habe als Basis sehr gut funktioniert. „Aber jetzt Butter bei die Fische, jetzt wird tätowiert!”, unterbricht Vincent schließlich unser Kreuzverhör. Er will den Schaffensprozess vollenden. In Windeseile bereitet er Nadel, Tinte und Abdruck vor. Renkt Elias auf der Liege zurecht und sticht zu. Eine Stunde später zieren die vier Vorlieben in Gestalt einer Frau Elias’ käseweißen Oberschenkel.

Vincent sticht unserem Autor Elias das zuvor spontan entworfene Tattoo.

Vincent verarbeitet den weiblichen Körper regelmäßig in seinen Designs, ebenso Pflanzen. „Das sind für mich Motive, mit denen ich viel anfangen kann”, erzählt er, während er sein Portfolio durchblättert und sich als passionierter Gärtner outet. Auf die Frage, ob die Nutzung des weiblichen Körpers eine sexualisierende oder ästhetisierende ist, gibt er zu, dass er sich die Frage häufig stelle und das Thema für eine kurze Antwort eigentlich zu komplex sei. „Aber für mich steht die Ästhetik im Vordergrund.” Einige seiner Entwürfe enthalten darüber hinaus traditionell afrikanische Elemente, die seinen Stil seit einem Praktikum in einem Art-Space in Dar-El-Salam in Tansania prägen. Das Praktikum dort veranlasste ihn dazu, „sich mit den Traditionen des Tätowierens in Tansania” auseinanderzusetzen und das Tattoo noch einmal aus anderen kulturellen Blickwinkeln zu betrachten. So nutzt das Bantuvolk der Makonde in Tansania Tattoos als Abschreckung, „um nicht als Sklaven mitgenommen zu werden”, erklärt Vincent. Wie aber ethnisch und örtlich unabhängig, seien Tattoos auch dort stark stigmatisiert: „Entweder du bist Makonde, dann ist es akzeptiert, oder du bist kriminell.”

Viele seiner Arbeiten zeigt Vincent auf seinem Instagram-Account @vinkle.tatau, unter denen sich auch aus Tansania befindet.

Die Tattoos auf Vincents Körper entspringen keiner Kultur oder Tradition, auch weil er kulturelle Aneignung ablehnt. So empfindet er es als kritisch, wenn Menschen der westlichen Welt sich beispielsweise Maori-Tattoos stechen lassen. „Da geht es viel um Persönlichkeit und Intimität. Verschiedene Symbole haben verschiedene Bedeutungen und werden individualisiert”, erklärt er. Es gehe etwas abhanden, wenn aus einer Kultur nur ästhetische Elemente herausgepickt und in einen neuen normativen Kontext gesetzt würden. Der emotionale Wert, den die Motive für die ursprüngliche Kultur einmal besaßen, gerate dabei schnell in Vergessenheit. 

Erinnerungslogistik

Vincent verbindet seinen eigenen Körperverzierungen oft mit den Augenblicken, in denen ihm dieser unter die Haut gestochen wurde und den Menschen, die daran beteiligt waren. Der Körper eigne sich eben gut „als Transportmittel für Einschreibungen und Erinnerungen”, aber viele seiner Tattoos seien auch einfach „Spielereien”. Am Ende erweckt es den Eindruck, als scheinen Tattoos für Vincent irgendwas zwischen ewig zu tragendem Schmuck, Gedächtnisstütze, frivolem Masochismus, aber auch Sadismus und künstlerischer Freiheit zu sein, solange sie „Menschen dabei helfen, sich mit sich selbst wohler zu fühlen”.

Autor*innen

Elias Fischer

Seine Männlichkeit passt nicht ganz in den Bildausschnitt.

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