Mehr Krisen als Corona

Mit der ersten Pandemie-Welle stiegen neben den Infektionszahlen auch die Umfragewerte der Bundesregierung. Illustration: Maj Pegelow

Seit einer gefühlten Ewigkeit befinden wir uns im Lockdown Light. Die Lage im Frühjahr scheint noch länger her, doch zahlreiche Krisen sind geblieben. Maj Pegelow und Johannes Bauer schauen zurück und berichten, was für sie und viele andere Studierende im Mittelpunkt stand.

Der Tag des Lockdown

Retrospektiv blicken wir auf den 16. März 2020. Er markiert den Beginn einer neuen Phase, der das Leben aller Menschen in Deutschland nachhaltig über Wochen, Monate und Jahre prägen wird. Es ist ein einschneidendes Erlebnis unabhängig von Alter, Milieu oder politischer Orientierung – der Beginn des Lockdowns. Geschäfte und Restaurants müssen schließen, Veranstaltungen werden abgesagt und Jobs, soweit es geht, ins Home-Office verlagert. Das öffentliche Leben weicht der Quarantäne in den eigenen vier Wänden. Lehre in Schule und Studium soll innerhalb kürzester Zeit „kreativ” digital angeboten werden. Der Erfolg der Umsetzung ist bis heute umstritten. Alle Pläne werden unwichtig – Urlaube storniert, Konzerte und Festivals  mehrfach verlegt und schließlich abgesagt. Zum ersten Mal seit langer Zeit haben alle Menschen eines gemeinsam: Die Unwissenheit, Machtlosigkeit und Unvorhersehbarkeit über Tragweite, Dauer und Konsequenzen der Pandemie.

Rally around the Flag

Die Bevölkerung reagierte auf das Herunterfahren des öffentlichen Lebens durchaus unterschiedlich. Die deutliche Mehrheit der Gesellschaft stand jedoch hinter den Entscheidungen der Bundesregierung, denn die Einschränkungen ließen sich gut begründen: Wissenschaftliche Erkenntnis war Grundlage der Entscheidungen. Wie selbstverständlich richtete die Regierung das Krisenmanagement nach ihr aus. Die Bevölkerung ließ sich durch die geduldigen Ansagen der Regierenden durch die erste Welle leiten. Viele Umfragen zeigen auch deshalb bis heute einen deutlichen Zuwachs für die Christdemokraten und Zufriedenheit mit den Verantwortlichen in der Bundesregierung. Umfragewerte der CDU/CSU waren mit bis zu 39% (ZDF Politbarometer Mai II 2020) so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr. Auch die Arbeit der Bundesregierung wird seit Beginn der Pandemie von über 80 Prozent der Bürger*innen als positiv bewertet. Ein Anstieg um knapp 30 Prozentpunkte.

Ein weiterer Einflussfaktor für die übermäßig positiven Umfragewerte liegt aber auch in dem Verlangen nach einer starken und konsequenten Führung durch die Krisenzeit. Als „Rally around the Flag” bezeichnen Soziologen dieses Phänomen: Die Bevölkerung versammelt sich metaphorisch um die Nationalflagge, und bekennt sich zum Staat und seiner Regierung. Ein Beispiel: Ausgerechnet am 15. September 2001, wenige Tage nach einem der krisenhaftesten und einschneidendsten Tage des 21. Jahrhunderts, stiegen die Umfragewerte von US-Präsident George W. Bush sprunghaft um 35 Prozentpunkte an und erreichten eine Woche später mit 90 Prozent ihren absoluten Höchststand. Ähnliche Tendenzen sind auch in dieser Krise für die Bundesregierung zu erkennen.

Auffällig durch Abwesenheit

Studierende sind meist deutlich kritisch gegenüber konservativen Parteien und den  Regierenden eingestellt. Deshalb ist auch wenig überraschend, dass sie nicht mitkommen zum sprichwörtlichen Treffen unter der Flagge. In einer Umfrage, die FURIOS Mitte Mai durchführte, und an der etwa 70 Studierende teilnahmen, zeigt sich: Fragte man nach der Stimmabgabe bei der Bundestagswahl 2017 und der derzeitigen Wahlpräferenz, ergab sich ein unverändert schwaches Bild für Sozial- und Christdemokraten. Auch bei der Zufriedenheit mit verantwortlichen Personen zogen Studierende ein ernüchterndes Fazit. Nur gerade einmal rund 6% der befragten Studierenden bewerteten die Arbeit der Bundeskanzlerin als sehr gut, 17% als gut.

Überraschender war ein anderes Ergebnis: Corona war den befragten Studis im Mai gar nicht so wichtig. Nur etwa 24% der Teilnehmer stuften die Covid-19-Pandemie zum Zeitpunkt Mitte Mai als das politische Schwerpunktthema ein. Vielmehr beklagten sich Studierende, dass andere wichtige Themen durch die Pandemie in den Hintergrund rückten. Dazu zählen etwa die deutsche Außenpolitik und die Krise der Geflüchteten, die knapp 22% der Befragten als wichtigstes Thema bezeichneten. „Seit Beginn des Pandemie nimmt die Türkei keine Flüchtlinge mehr auf und Griechenland sieht sich mit außergewöhnlich vielen Schutzsuchenden konfrontiert”, kritisiert eine Teilnehmerin der Umfrage. Wiederholte Eskalationen an den Grenzen, welche mit Menschenrechtskonventionen nicht vereinbar wären, seien medial nicht thematisiert worden. Auch die neuesten Schreckensnachrichten über dramatische Brände im Flüchtlingslager Moria und die unmenschliche Zustände für Geflüchtete in Calais weichen im Frühherbst 2020 schnell wieder den Meldungen über steigende Infektionszahlen in Deutschland und Europa. Knapp 15% aller befragten Studierenden gaben Klima- und Umweltschutz als derzeit wichtigstes Thema an, gefolgt von wirtschaftlichen Themen mit 14%.

Kaum Veränderung unter Studierenden zwischen der letzten Bundestagswahl (BTW 2017) und aktueller Wahlabsicht trotz Pandemie. Grafik: Maj Pegelow

Drei Krisen, drei Maßstäbe

Die unterschiedliche Dringlichkeit, mit der wissenschaftliche Erkenntnisse in die Entstehung konkreter Politik einfließen, ist zum Verzweifeln. Das Maß der Anstrengung zur Lösung von Corona- und der Klimakrise klafft auseinander. Die Bundesregierung zeigt sich im Umgang mit der Wissenschaft und Corona aufgeschlossen und verlässt sich auf neue Erkenntnisse und Handelsempfehlungen. Warum ist das nicht auch bei der Klimakrise möglich? Diese schien lange nicht in der Regierung angekommen zu sein. Dort muss man sich jedoch im Klaren sein: Neben der Corona-Pandemie gibt es eben auch noch andere Krisen, mit denen sie sich adäquater beschäftigen sollte.

Je länger die Pandemie andauert, desto gewisser wird, dass aus der Gesundheitskrise eine enorme Wirtschaftskrise folgt. Mit einem “Wumms” möchten Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier die Wirtschaft aus diesem Tief katapultieren und schnüren dafür ein 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket

Im Fokus stehen vor allem  Unterstützung für mittelständischen Unternehmen, sowie zukunfts- und umweltorientierte Förderungen. So wurde beispielsweise auf eine Kaufprämie für Autos mit Verbrenner verzichtet. Wirklich innovativ ist dies aber nicht. Wie sieht es abseits des Verkehrssektors aus? Warum wird eine vegetarische oder vegane Ernährung, welche nachweislich gesünder und klimafreundlicher ist, nicht stärker subventioniert, während 500 Gramm Hackfleisch aus Massentierhaltung unter zwei Euro kosten?
Auf dem Status quo ausruhen kann man sich nicht, denn dass die Bundesrepublik nun doch ihre CO2-Ziele für 2020 erreichen könnte, hat sehr wenig mit den Bemühungen der Politik und viel mehr mit den Einschränkungen durch die Pandemie zu tun.

Krisenmanagement im Studium

Studierende trifft die Krise schwer, da vielen Studis ihre Nebenjobs – vor allem in der Gastronomie und Veranstaltungsbranche – gekündigt wurden. Wer als Studierende*r auf finanzielle Hilfe angewiesen ist, bekommt schnell das Gefühl, allein und ratlos dazustehen, denn Unterstützungsangebote wie die Überbrückungshilfe sind an viele Voraussetzungen und einen undurchschaubaren Bürokratiedschungel gebunden. Dieses Programm wurde nun aber immerhin bis Ende März verlängert:

Neben finanziellen Sorgen setzte auch die derzeitige herausfordernde Lernsituation viele Studierende psychisch unter Druck. Besonders betroffen seien Studienanfänger*innen oder Zugezogene, berichtet uns Psychologe Michael Cugialy aus seiner Arbeit an der Beratungsstelle der Freien Universität.

„Räumliche Isolation, wie sie im Frühjahr viele Menschen betraf, war vor allem für Studierende, die an einer depressiven Episode litten, aber auch für Studierende, die noch keine feste Anzahl an Kontakten in der Stadt finden und aufbauen konnten, eine große emotionale Belastung.” Michael Cugialy – psychologische Beratung der Freien Universität

Grund hierfür sind vor allem die Schließung der Bibliotheken und das Ausbleiben von sozialen Kontakten auf dem Campus. Dies zwingt Student*innen in die eigenen vier Wände, wo fokussiertes und konzentriertes Arbeiten vielen deutlich schwerer fällt, ebenso wie der Austausch mit Kommiliton*innen und ein Ausgleich vom Studienalltag. Vor allem für alleinerziehende Studierende waren die Monate des Lockdowns besonders anstrengend, da sie aufgrund geschlossener Schulen und Kitas doppelt belastet waren.

“Es gab aber auch Studierende, die die Zeit als entlastend erlebt haben – vor allem, wenn die Wohnsituation und/oder Partnerschaft als stabil und positiv wahrgenommen wurde.” Michael Cugialy – psychologische Beratung der Freien Universität

Als sehr beruhigend wurden auch verlängerte Fristen sowie die Änderung, eine nicht-bestandene Prüfungsleistung nicht als Fehlversuch zu zählen, wahrgenommen. Eine wirkungsvolle Möglichkeit, um Studierenden in dieser schwierigen Situation auch emotional zu unterstützen.

Michael Cugialy. Foto: Studienbüro, psychologische Beratung FU

Was wir aus der Krise lernen (müssen)

Die Zeit vergeht – die Pandemie bleibt vorerst, wie sie ist und wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Mit dem erneuten Lockdown stehen viele Menschen nun vor denselben Sorgen und Situationen wie im Frühjahr. Diese können sich sogar noch verschärfen. Aber wir haben in Deutschland gezeigt, dass wir eine Krise bewältigen können. Und doch bleibt eine weitere Frage offen: Was passiert nach dem zweiten Lockdown?

Wenn die Coronakrise unser öffentliches und privates Leben nicht mehr so stark einschränkt, bleiben uns noch andere Krisen, die zu bewältigen sind. Wie schön wäre es, wenn die Bewältigung der Pandemie uns zeigt, was wir alles schaffen können. Mit diesem Durchhaltevermögen der Regierung und der Bevölkerung müssten doch eine Wirtschafts- und Klimakrise sowie Krisen, die sich im privaten Raum gebildet haben, ebenfalls zu bewältigen sein.


Autor*innen

Johannes Bauer

Politikwissenschaft, Otto-Suhr-Institut, Freie Universität Berlin,
Twittert als @IamJoBr.


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