„Tanzen ist Selbstzweck“

Gabriele Brandstetter forscht seit 15 Jahren rund um Tanz. FURIOS erklärt sie, warum Tanzen so menschlich ist und wie es dem Corona-Blues entgegen wirken kann. Das Interview führte Yuliania Bumazhnova.

Führte den Master-Studiengang Tanzwissenschaft an der FU ein: Gabriele Brandstetter. Foto: privat

Gabriele Brandstetter ist seit 2003 als Professorin für Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin tätig. Kürzlich wurde sie von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, womit ihr Lebenswerk gewürdigt wird. Brandstetter habe als Wissenschaftlerin nicht nur das Fachgebiet Tanz- und Theaterwissenschaft in vergangenen Jahrzehnten geprägt, sondern auch die Erforschung des Tanzes institutionalisiert und internationalisiert, so die Jury.

FURIOS: Sie haben während Ihrer Habilitation angefangen, sich mit Tanz zu beschäftigen. Wie kamen Sie dazu etwas so Körperliches und Praktisches wissenschaftlich erforschen zu wollen?

Gabriele Brandstetter: Das ist tatsächlich nicht selbstverständlich. Ich bin darauf gekommen, als ich im Forschungsinstitut für Musik und Theater in Bayreuth gearbeitet habe, wo es sehr viel Archivmaterialien zu Oper und Tanz gab. Ich habe mir dann überlegt: Tanz ist eine flüchtige, körperliche Kunstform. Wie können wir etwas über die Geschichte wissen, wenn der Körper und die Bewegungen nicht mehr da sind? Wie kann man Tanzgeschichte erforschen? Welche Dokumente, welche Quellen haben wir eigentlich noch vom Tanz? Wie kann man einen Tanz reanimieren?  Die Abwesenheit des Tanzens und des Körpers war der Ausgangspunkt für mich.

Ist es denn erforderlich, selbst zu tanzen, um sich mit Tanzwissenschaft zu beschäftigen?

Man muss nicht tanzen, um sich mit Tanzwissenschaften zu beschäftigen, aber ein Auge und ein Gespür für Bewegung, für körperliche Abläufe und für choreographische Szenarien braucht man eben doch. Zum Teil kann man dies durch viel Schauen und Erfahrung im Umgang mit dem Material erwerben.

Seit 2003 sind sie an der FU als Professorin für Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Tanzwissenschaften tätig. Gab es den Studiengang Tanzwissenschaft damals schon oder wurde er erst mit Ihrer Ankunft eingeleitet?

Den Studiengang Tanzwissenschaft gab es vorher nicht. Er wurde mit meiner Ankunft in Berlin gegründet, und besteht seit 2005, also nunmehr seit 15 Jahren, sehr erfolgreich. Es ist der erste MA-Studiengang in Tanzwissenschaft als eigenständiges Fach.

Wie verbreitet ist Tanzwissenschaft als Studiengang? Seit wann wird Tanz erforscht?

Tanzwissenschaften gibt es schon länger; die Forschung und Lehre waren jedoch angebunden an andere Fächer und Studiengänge, zum Beispiel Musik-, Theater-, Literaturwissenschaft oder Anthropologie. Forschungen zum Tanz sind – unabhängig von Universitätsdisziplinen – viel älter, denn alles, was in Studien zu Tänzern, Tanztheorien und historischen Tanzstilen untersucht und geschrieben wurde, gehört zur Wissensgeschichte des Tanzes.

Zur Zeit vermissen viele das aufgrund der aktuellen Corona-Maßnahmen untersagte Tanzen in Clubs. Wieso brauchen wir den Tanz so sehr?

Tanzen hat etwas mit Rührung, aber ganz konkret mit Berührung zu tun. Sehr viele Tänze sind so aufgebaut, dass man sich anfasst und selbst bei Tänzen, wo man dies nicht tut, gibt es doch in der Gemeinschaft ein „Wir berühren uns, weil wir miteinander sind, weil wir uns zusammen bewegen.“ Jede Techno-Party sagt uns dies, hier berührt man sich nicht unbedingt, da tanzen alle nebeneinander, wobei aber dieses Gefühl von Miteinander im Sinne von Interaktion entsteht, was eben etwas sehr Soziales und sehr Menschliches ist.

Was genau fehlt uns denn, wenn gemeinsames Tanzen nicht möglich ist?

Wenn ich anfange, mit jemandem zu tanzen, dann bin ich in einer anderen Schwingung, in einer anderen Verbindung, als wenn ich beispielsweise sitze und mit jemandem diskutiere. Genauso bin ich in einer anderen Schwingung, wenn ich mit jemandem zusammen Kampfsport mache – das sind alles Möglichkeiten der Interaktion, aber das Tänzerische ist mit keinem Zweck verbunden, es geht beispielsweise nicht um Ertüchtigung. Tanzen ist Selbstzweck.

In diesem Jahr, wo so viele Zusammentreffen nicht stattgefunden haben und wir in einem Stillstand verweilen, verfallen viele in den sogenannten Corona-Blues. Könnte das Tanzen, auch alleine, eine heilende Funktion haben?

Ja, Tanzen hat befreiende und damit heilende Funktion. Beim Tanzen sind andere Hirnareale aktiv. Wir wissen, dass dabei Glückshormone ausgeschüttet werden und dazu muss ich nicht einen Marathon laufen, damit am Ende irgendwann dieser Effekt kommt (lacht). Es reicht auch, eine halbe Stunde zu tanzen. Es gibt tolle Online-Angebote, zum Beispiel das „Wohnzimmer-Ballett“ von dem Stuttgarter Choreographen Eric Gauthier. Man muss nicht mal die Blicke der anderen fürchten. In Zeiten von Corona, wo viele Ängste und Einsamkeit spürbar werden, kann man für sich, wo auch immer, zu Hause oder im Freien oder in einem selbst-produzierten Videoclip tanzen, um des Tanzens Willens und weil es Freude macht.

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