Im Fetisch-Club ziehen sich die Gäste Stäbchen durch die Nase

Rabea Westarp hat sich während der Pandemie ins Kitkat gewagt – zum Corona-Schnelltest. Ein Selbstversuch mit unnatürlich kurzer Einlassschlange, der mit Schweiß und Hedonismus so gar nichts zu tun hat.

Nichts für empfindliche Nasen. Illustration: Antonia Böker

Der lange Wintermantel und die Jeans verbergen das den heiligen Hallen des „Kittys“ gebührende Outfit zwar, vorbereitet auf den Besuch des Clubs an der Köpenicker Straße habe ich mich trotzdem sichtbar. Mein letzter Besuch hier liegt schon eine Weile zurück, auch vor Pandemie-Zeiten war das Kitkat kein Club, den ich regelmäßig frequentiert habe, wie man das von vielen Stammgästen hier kennt. Gut in Erinnerung geblieben ist mir jeder einzelne Besuch des Fetisch-Clubs trotzdem.  

Die Ankündigung, das Kitkat wolle seine Räumlichkeiten nun als Testzentrum zur Verfügung stellen, war über mehrere Tage großes Thema in den sozialen Netzwerken. Klar, ist ja auch durchaus eine Meldung, die so einigen Schenkelklopfern den Weg ebnet: Früher musste man Angst haben, sich im Kitkat ‘ne Infektion eingefangen zu haben – heute geht man hin, um sich testen zu lassen, höhö! Die Chance, den weltweit berühmt-berüchtigten Club – dessen Tage auch ohne Corona laut Medienberichten gezählt sind – in Pandemie-Zeiten nochmal von innen zu sehen, lockte an den ersten Tagen viele Berliner*innen nach Mitte. Der RBB jedenfalls berichtete über lange Schlangen rund um das neue Testzentrum.

Lechzen nach dem alten Glanz

Auch mich macht das Angebot neugierig. Angefixt von ersten medialen Eindrücken beschließe ich, mich einem Test im Kitkat-Testzentrum zu unterziehen. Wer weiß, vielleicht bieten sich beim langen Warten in der Kälte ja ähnlich kuriose Anblicke, wie ich sie von damals im Club in Erinnerung habe. Vielleicht wird sogar Musik laufen? Oder den Testkandidat*innen sonst etwas Verrücktes geboten? Das Gedankenspiel regt in mir einen Bruchteil der altbekannten Feiervorfreude, die ich schon lange nicht mehr gefühlt habe und schmerzlich vermisse. Dann eben richtig: Vielleicht kann ich mit dem Testgang ja ein kleines Maß an Clubgefühlen aufleben lassen. Seit Ewigkeiten mache ich mich mal wieder „richtig“ zurecht und wühle mich durch die angestaubte Kiste in meinem Schrank. Spitzenbody, Strumpfband, Netzklamotten – endlich kommt ihr mal wieder zum Einsatz!

Die Autorin vor dem Test. Foto: Privat

Ich rechne natürlich nicht wirklich damit, später in diesem zusammengewürfelten Aufzug durchs Kitkat zu schlendern. Die Außentemperatur ist dem Gefrierpunkt gefährlich nahe, der ganze Kram wird natürlich von meiner Winterkleidung verborgen. Lediglich mein aufwendiges Glitzer-Make-Up, halb verdeckt von der Pailletten-Maske, lässt erahnen, dass ich mir heute mehr Mühe gegeben habe als mit der praktisch-komfortablen Gammelklamotte in den letzten neun Monaten. Mir geht es lediglich ums Feeling. Und ich merke: Das war dringend mal wieder nötig. Die Stunde vorm Spiegel haben meine Laune und mein Selbstwertgefühl spürbar in die Höhe getrieben.

Wie früher gilt: Vorfreude ist die schönste Freude

Als ich aus dem Bus steige und mich dem Eingang des Clubs nähere, bin ich zunächst verwirrt. Wird heute nicht getestet? Niemand steht an, doch das Tor in den Innenhof des Clubs ist geöffnet. Zögerlich werfe ich einen Blick hinein: Doch, hier wurde eindeutig ein Testzentrum aus dem Boden gestampft. In einem großen Zelt hantieren Menschen in Schutzkleidung und blauen Handschuhen. Genau eine Person ist vor mir dran. Während ich meinen QR-Code vorzeige, den ich vorab zugeschickt bekommen habe, und die 24,90 Euro für den Antigen-Test bezahle, wird sie getestet. Das alles geht so schnell, dass ich gar nicht warten muss, ehe ich selbst zum Test aufrücken darf.

Auf dem Stuhl Platz nehmen, Maske ab – das auffällige Make-Up darunter ist mir kurz ein wenig peinlich, wirkt es plötzlich doch so fehl am Platz – und schon habe ich ein Teststäbchen in der Nase, das mich erschrocken zurückweichen und husten lässt. Ein kurzer Rüffel vom Testpersonal, dann ist es auch schon vorbei. Das Ergebnis, so sagt man mir, bekäme ich innerhalb der nächsten 20 Minuten per SMS.

Tatsächlich vibriert mein Handy noch während der Busfahrt nach Hause: „Ihr Antigen-Covid19 Testergebnis ist NEGATIV.“ So sehr mich der reibungslose Ablauf beeindruckt, so bin ich doch auch ein wenig enttäuscht. Das Kitkat von innen gesehen habe ich nicht. Die zwei Minuten im Innenhof waren klinisch, interessantes Clubvolk gab es auch nicht.  Aber wenigstens bin ich gesund. Und dass die Vorbereitung auf den Club spaßiger ist als der Aufenthalt – oder man im Worst Case eben gar nicht reinkommt – kenne ich ja eigentlich auch.

Autor*in

Rabea Westarp

Das Schreiben nutzt Rabea Westarp als Waffe gegen ihre immense Faulheit und Lethargie. Klappt eigentlich ganz gut.

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