Stille Nacht, unheilige Nacht

Tagsüber Student, nachts DJ – was nach einer etwas verdrehten Version von Hannah Montana klingt, ist für Paul Behne Alltag – bis Corona ausbrach. Leonie Beyerlein hat mit ihm über die aktuelle Situation gesprochen.

Porträt des Künstlers aus besseren Zeiten. Foto: Marie Wannenmacher.

„Ich war für ein Praktikum in Helsinki, als das Virus Europa erreichte. In Finnland waren die Auswirkungen der ersten Welle nicht so dramatisch wie in Deutschland, obwohl auch dort die Clubs schnell schließen mussten. Doch als ich im April wieder in Berlin landete und alles dicht war, war ich schockiert“, berichtet Paul Behne und legt besorgt die Stirn in Falten. Der 24-Jährige studiert Politikwissenschaft und Anthropologie an der Freien Universität. Nebenbei legt er seit einigen Jahren als DJ in diversen Berliner Clubs und auf Festivals auf.

Die geplanten Auftritte für den Sommer fallen flach. Per Livestream zu spielen, wie es andere DJs und DJanes in zahlreichen Clubs über Initiativen wie UnitedWeStream tun, kommt für ihn nicht in Frage. Die Interaktion mit den Menschen auf der Tanzfläche macht Paul an der Tätigkeit als DJ nämlich am meisten Spaß. Aber genau das gebieten Liveübertragungen per Video nicht. Man spielt allein vor einer laufenden Kamera.

DJ als Beruf?

Dabei hängt Pauls Kontostand nicht mal von den Einnahmen am Mischpult ab. „Wenn man auflegt und merkt, dass es gut läuft – man hat genügend Auftritte und Einnahmen – kommt für jede*n früher oder später die Frage: Will ich das hauptberuflich machen?“ Paul konnte diese Frage klar beantworten: Das Studium geht vor, das Auflegen bleibt ein Hobby. So gut ihm die Arbeit hinter dem Mischpult auch gefällt, ist sie doch sehr anstrengend und kräftezehrend. Mit dem Schlafentzug, den die durchtanzten Nächte mitbringen, kommt auch Konzentrationsmangel.

Um sich besser auf den Uniabschluss zu fokussieren, zog Paul sich bereits 2019 stärker aus dem Berliner Nachtleben zurück. „Durch festen Job und geregeltes Einkommen ist die Situation für mich glücklicherweise nicht so schlimm“, sagt er erleichtert. „Aber ein paar meiner Freunde hat die Pandemie schon hart getroffen.“ Gerade Newcomer*innen, die vor dem Virusausbruch mitunter ohne Gage aufgelegt haben, wussten im ersten Moment nicht, wie sie sich über Wasser halten sollten.

Ohne Einkommen keine Hilfsgelder

Die im Frühjahr verabschiedeten ersten Hilfen von Bund und Ländern gewährleisten Selbstständigen und Kleinunternehmer*innen finanzielle Unterstützung, die sich an ihrem bisherigen Einkommen orientiert. Doch die Gagen für DJs und DJanes sind gering in der Hauptstadt, selbst für Prominente. Newcomer*innen treten häufig für lau auf, um irgendwie Fuß in der Szene zu fassen. Gerade sie können dem Staat dementsprechend fast nichts vorweisen und somit keine Hilfe beantragen. Auch das im Sommer verabschiedete und lang erwartete Förderprogramm Neustart Kultur ist primär auf die Erhaltung von Kulturstätten gerichtet. Das ist wichtig, aber nicht ausreichend, wie Paul findet: „Gerade junge Künstler*innen müssen vom Staat stärker gefördert werden. Sie bringen die neuen Ideen, die das Veranstaltungswesen verändern werden.“

Viele Berliner Clubs haben in diesem Sommer schon fiebrig an alternativen Konzepten gearbeitet, wie sie auch ohne volle Tanzflächen den Betrieb aufrecht halten können. Während das ://about blank im Sommer zum Sektfrühstück in seinen Garten einlud, befassten sich in der Wilden Renate Künstler*innen in der Ausstellung Overmorrow mit der Frage, wie die Zukunft für die Clubs aussehen wird.

Klein aber fein

Paul half den Organisator*innen des brandenburgischen Festivals Wilde Möhre sogar dabei, ihre Veranstaltung trotz Corona durchzuführen; mit einem gut durchdachten Hygienekonzept und einer überschaubaren Anzahl an Teilnehmenden. Es sind die kleinen Formate, in denen der Student die Zukunft des Veranstaltungswesens sieht: „Große Festivals wie die Fusion mit 80.000 Teilnehmenden werden es schwer haben. Für kleinere Events mit bis zu 1.000 Personen, die ja auch schon dieses Jahr möglich waren, ist es einfacher: Sie können Menschenansammlungen besser vermeiden und kontrollieren, dass sich alle an die Regeln halten.“

Darin sieht er auch eine Chance: Kleine und lokale Künstler*innen können wieder mehr Bedeutung erlangen. Dafür ist natürlich auch ein entsprechendes Informationssystem notwendig, durch das sich Menschen darüber informieren können, was am Wochenende in ihrem Kiez passiert. Solche Maßnahmen müssten stärker vom Staat gefördert werden, betont er. Daher sei es absolut notwendig, ein zweites Hilfspaket zu verabschieden, das Künstler*innen langfristig unterstützt und den Fokus auf Innovationen legt.

Wann Paul das nächste Mal wieder vor einer tanzenden Menge stehen wird und wie sich die Menschen dann durch den Club bewegen werden, weiß er selbst nicht. Auch wenn durch den Start der Impfungen ein Ende der Pandemie langsam absehbar wird, wird es noch lange dauern, bis man unbeschwert tanzen und feiern kann.  Bis dahin bleibt es stille Nacht.  

Autor*in

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.