„Eine junge Generation, die das Thema sieht“

Eine vielfältige Gesellschaft braucht diversen Journalismus – doch wie bewerkstelligt man diese Aufgabe? Darüber wurde am Publizistikinstitut mit Journalistin Ferda Ataman diskutiert. Anna Süß hat nachgefragt, was sich für junge Medienschaffende ändern muss.

Moderatorin Margreth Lünenborg (links) im Gespräch mit Ferda Ataman (rechts) über Diversität im Journalismus. Über Alex TV konnte die Folge live verfolgt werden. Bild: Anna Süß

„Was fehlt?” Das ist die erste Frage, die Moderatorin Margreth Lünenborg in der Diskussionsreihe Journalismus im Dialog im November stellte. Was fehlt in der journalistischen Berichterstattung, wenn in Deutschland ungefähr ein Viertel der Menschen einen Migrationshintergrund haben, diese in Redaktionen aber kaum vertreten sind?

Journalist*innen mit Migrationshintergrund brächten eigenen Lebenswelten, Ideen für Geschichten, persönlichen Kontakte und andere Schwerpunkte mit, antwortet Ferda Ataman. Sie ist Journalistin und Co-Vorsitzende des Vereins Neue Deutsche Medienmacher*innen, in dem sich Medienschaffende mit und ohne Migrationshintergrund für mehr Vielfalt in den Medien einsetzen.

Erste Aufgabe: Zugangshürden abbauen

Viele Medienhäuser haben die Notwendigkeit von Diversität erkannt. Zu Veränderung, z.B. durch einfacheren Bewerbungsprozess, hat dies aber bisher meist nicht geführt. Denn für eine vielfältige Presse „braucht man natürlich viele Bewerber*innen“, sagt Franziska Bohn. Die Journalistin engagiert sich im Verein Diversity Media. Der Anfang 2020 gegründete Verein organisiert einen Medien-Workspace in Nürnberg, der transkulturell, divers und barrierefrei ist. Zu hohe Zugangshürden halten nämlich vor allem strukturell Benachteiligte ab, den Schritt in die Medien zu wagen.

Mehr Sichtbarkeit muss gefördert werden

Vereinzelt, aber noch zu selten, werden Programme angeboten, die sich speziell an Medieninteressierte mit interkulturellem Hintergrund oder an Menschen wenden, die nicht dem klassischen Weg in die Medien folgen. So gibt es seit Juli 2020 bei Puls, dem jungen Content-Netzwerk des BRs, ein Traineeship, bei dem die Zugangskriterien bewusst niederschwellig sind. Ein Studium sei zum Beispiel keine Voraussetzung, vor allem die Motivation zähle, „weil wir auch Leute wollen, die sonst den Weg zu den Öffentlich-Rechtlichen nicht oder nur sehr schwer finden“, so Hendrick Rack, Leiter des Puls Talente Programms.

Eines dieser neuen Talente ist Lisabell Shewafera. Die 21-Jährige erzählt, dass sie im Job keine Rassismuserfahrungen gemacht habe, aber Diversität bei ihrer Arbeit in den verschiedenen Redaktionen trotzdem nur selten sehen konnte: „Ich glaube, dass ich es eine ganze Zeit nicht für möglich gehalten habe, dass ich überhaupt Journalistin werden kann, weil ich dort nicht so viele Leute gesehen habe, mit denen ich mich identifizieren konnte.“ Um über ihre oder Erfahrungen anderer Medienmacher*innen zu sprechen, interviewt sie in ihrem Podcast Medientätige mit interkulturellem Background.

Die „normale” Bevölkerung sieht heute anders aus

Was sich Shewafera für die Medienbranche wünscht? „Dass ich die ganz normale Bevölkerung, wie ich sie auf den Straßen wahrnehme, so auch in den Medienhäusern sehen könnte.“ Dass das in Zukunft immer mehr passiert, denkt Ferda Ataman, denn auch hier sei der Druck des demografischen Wandels der Gesellschaft spürbar. Von allein werde sich das Problem aber nicht erledigen, vor allem Medienhäuser müssen mehr Verantwortung übernehmen.

Auch Melissa Schulz, Vorstandsmitglied der Diversity Media, meint, dass Diversität vor allem für die junge Generation zur Selbstverständlichkeit wird: „Die Chance, die wir gerade haben, ist eine Generation, die das Thema sieht. Da ist es auch gar nicht wichtig, ob man ausgebildete*r Journalist*in ist, sich das selbst beibringt oder als Schüler*in dazu kommt. Hauptsache man hat Spaß, will kreativ sein und schafft, dass Leute ins Gespräch kommen, die sich normalerweise nicht treffen würden.“


Hier kann die aktuelle Folge nachgeschaut werden.

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1 Response

  1. 24. Januar 2021

    […] Gesellschaft mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. Ein spannender und gelungener Artikel den ihr hier verlinkt […]

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