Aus Glas und Gold und Grünschnitt

Ich bau ‘ne Stadt für dich… aus Beton, der klimaschädlicher ist als Flugreisen? Das geht auch anders, dachte sich ein FU-gefördertes Start-Up und stellt nun ein Produkt für ein alternatives Baumaterial aus Pflanzenresten her. Von Jette Wiese.

Das Team von Carbon Instead: v.l.n.r.: (oben) Betriebswirtin Julia Roth, die Umweltchemikerin Joanna Fatorelli, (unten) der Materialwissenschaftler Murtaza Akhtar und die Ingenieurin Ankita Mitra. Foto: Simon Geiger

Nackt, mal rau, mal spiegelglatt, fast immer kühl und nur von winzigen Knubbeln durchbrochen. Wenige Materialien sind uns so vertraut wie Beton. Von vorstädtischen Mietskasernen über römische Tempel bis hin zu den Lauben in Dahlem: Überall wird das graue Gemisch aus Wasser und Zement verbaut. Dabei ist seine Produktion extrem klimaschädlich. Allein die Zementherstellung macht etwa acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen aus, zusammen mit dem Beton ist der Anteil höher als der des Flugverkehrs vor der Pandemie. „Wenn man diese Emissionen reduzieren könnte, wäre schon mal viel für den Klimaschutz getan“, sagt Julia Roth. Sie ist Mitgründerin des Start-Ups Carbon Instead, das die FU in ihrem Programm Profund Innovation für junge Unternehmen fördert. Ihre Idee: ein umweltfreundliches Baumaterial, das in einem speziellen Verfahren aus Pflanzenresten und Lebensmittelabfällen hergestellt wird.

Julia hat mit der Baubranche ursprünglich wenig zu tun. Sie studiert dual Betriebswirtschaft bei dem Elektrokonzern Siemens, wo sie auch nach dem Studium arbeitet. „Irgendwann dachte ich, ich muss etwas an der Art machen, wie wir mit dem Klimawandel umgehen und wie unsere Industrie funktioniert“, erzählt sie. Was sie umtreibt, ist die Frage, wie die Menschen natürliche Ressourcen besser nutzen können. 

In Leipzig engagiert sich die 30-Jährige in der Start-Up-Szene im Bereich Nachhaltigkeit, informiert sich viel über Negativ-Emissions-Technologien, Verfahren, durch die CO2 aus der Umwelt eingefangen wird. So kommt sie zur Pyrokohle, auch Pflanzenkohle genannt. Das schwarze, bröselige Material entsteht aus Abfällen etwa vom Grünschnitt oder aus der Lebensmittelindustrie, die unter Ausschluss von Sauerstoff erhitzt werden. So wird das CO2 gebunden, das ansonsten in die Luft gelänge, ließe man die Abfälle verbrennen oder verrotten. In der Landwirtschaft kommt die Pflanzenkohle heute schon als Futtermittel und Bodendünger zum Einsatz. Die Verwendung als Baumaterial ist noch relativ wenig erforscht. 

„Ich dachte mir, das ist so ein super Material, warum nutzen wir das denn nicht in der Industrie? Am besten noch in großen Mengen?“ Vor knapp zwei Jahren beschließt Julia deshalb, die Sache selbst anzugehen. Zusammen mit der Chemikerin Joanna Fatorelli gründet sie Carbon Instead. Ihr Ziel ist es, Pyrokohle so herzustellen, dass sie Baustoffen beigemischt werden kann und einen Teil des umweltschädlichen Betons ersetzt. Mit einer Tonne Pflanzenkohle sollen zweieinhalb Tonnen CO2 eingespart werden – etwa dieselbe Menge wird auf vier Flügen von Berlin nach London ausgestoßen. 

Das Projekt erregt Aufsehen und wächst, eine Ingenieurin und ein Materialwissenschaftler schließen sich an. Im Oktober 2020 werden sie von der Start-Up-Förderung der FU angenommen, die forschungsbasierte, junge Unternehmen bei der Gründung unterstützten. Obwohl weder Julia noch ihr Team hier studiert haben, finden sie einen Mentor am Geographie-Institut, der das Vorhaben fachlich begleitet. So beziehen sie für neun Monate ein Büro in der sogenannten Start-Up-Villa der FU und können die dortigen Labore und Werkstätten nutzen. 

Der Unterschied zwischen Beton mit und ohne Kohle ist kaum zu erkennen. Das rußschwarze Pulver kann mit Zement und Wasser vermischt und in Formen gegossen werden. Julia zeigt einen Klotz aus hell- und dunkelgrauem Material. Kleine Krater durchbrechen die ebene Oberfläche. Der mit Pyrokohle versetzte Anteil ist nur durch die etwas dunklere Färbung zu erkennen. Was mal ein modriger Ast oder die labbrige Schale einer Kakaopflanze war, ist jetzt hart wie Stein. Bis die Kohle als partieller Zementersatz eingesetzt werden kann, muss die Produktion noch etwas verfeinert werden. „Wir sind gerade dabei, das Material im Labor auszuprobieren und ein Verfahren zu entwickeln, wie man es für die Bauindustrie optimieren kann“, sagt Julia. Dann könne die Kohle dem Beton mit einem Anteil von etwa zehn Prozent beigemischt werden. 

Julia spricht ruhig und konzentriert, aber mit Nachdruck. Ihr Tatendrang ist nicht nur der frühen Phase der Unternehmensgründung geschuldet. Die Frage, wie Menschen miteinander und mit der Natur leben und arbeiten, treibt die 30-Jährige an. „Das ganze Thema Klimaschutz wird immer so komplex gemacht, dabei ist es so einfach. Jeder kann etwas beitragen. Jede Kleinigkeit kann helfen, Druck aufzubauen, dass die Politik und Unternehmen sich bewegen“, sagt sie. Natürlich müsse sich auch institutionell etwas ändern. Es bringe aber nichts, wenn die eine Seite nur auf die andere warte. 
In der Bauindustrie hat sich dabei in den vergangenen Jahren schon einiges bewegt. Immer öfter setzen die Bauherr*innen auf nachwachsende Ressourcen. So ließ sich auch die FU auf ihrem Hauptcampus erst 2015 eine sogenannte Holzlaube für die kleinen Fächer bauen. Das Gebäude wurde als großer Schritt in Richtung eines nachhaltigen Campus gefeiert. Doch unter den Bohlen liegen – mal rau mit Knubbeln, mal spiegelglatt – Tonnen klimaschädlichen Betons. Auf die Frage, welches Gebäude sie am liebsten auf einem Pyrokohle-Fundament bauen würde, überlegt Julia lange. Schließlich lacht sie und sagt: „Na, am liebsten alle Gebäude der Welt!“ Nach Rost-, Silber- und Holz- wäre eine Pflanzenlaube an der FU ja vielleicht ein Anfang.

Autor*in

Jette Wiese

Lieber lange Wörter als Langeweile.

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