Studieninhalte made in China?

Die Freie Universität bekommt 500.000 € für eine neue Professur für chinesische Didaktik – gesponsert von der Volksrepublik persönlich. Eine Gefahr für die Wissenschaftsfreiheit? Von Sophie Dune Korth.

Die Konfuzius Statue in den Gärten der Welt in Marzahn wacht über Besucher*innen. Foto: Anagoria via Creative Commons, CC BY 3.0-Lizenz

Ab dem kommenden Wintersemester soll es einen neuen Studiengang an der FU geben: Rund 30 Studierende können ab Oktober im Lehramts-Kombibachelor auch die Option „Chinesische Sprache und Gesellschaft“ wählen. Die FU möchte damit auf den steigenden Bedarf nach Chinakompetenz reagieren – zwölf weiterführende Schulen in Berlin bieten bereits Chinesisch als Fremdsprache an. Aufgebaut wird das Programm von Andreas Guder, Inhaber der neuen Professur „Didaktik des Chinesischen sowie Sprache und Literatur Chinas“. Doch die Finanzierung des Lehrstuhls durch die chinesische Regierung steht seit ihrem Bekanntwerden vor über einem Jahr scharf in der Kritik.

Internationale Kooperationen sind in der Wissenschaft omnipräsent. Nicht nur Studierende wollen über Austauschprogramme wie Erasmus+ interkulturelle Kompetenzen erlangen und andere akademische Erfahrungen sammeln. Auch in der Forschung wird viel über Landesgrenzen hinweg zusammengearbeitet. Mit der Volksrepublik China laufen diese Kooperationen oft auf die Gründung eines Konfuzius-Instituts hinaus. Diese Institute bieten neben Sprachkursen auch Vorträge und Kulturveranstaltungen wie Lesungen, Ausstellungen und Workshops an. Sie werden finanziell gleichteilig von der chinesischen und der ausländischen Seite getragen. Doch die Kritik an den Instituten, von denen es mittlerweile 19 in Deutschland gibt, wird immer lauter.

Kooperationen mit Hochschulen als chinesische Propaganda-Politik?

„Am Anfang, 2006, waren die Konfuzius-Institute eine ganz exzellente Idee, es gab auch Offenheit in der Diskussion über das eigene Land”, sagt Volker Stanzel. Der ehemalige deutsche Botschafter in der Volksrepublik China und Vorstandsmitglied des Konfuzius-Instituts in Göttingen erklärt bei einer von der Bundestagsfraktion der FDP organisierten Podiumsdiskussion, die Kooperationen hätten sich seit der Machtübernahme von Staatspräsident Xi Jinping 2013 verändert: „Mittlerweile geht es darum, durch Kulturdiplomatie die führende Stellung Chinas in der Welt zu befördern.“ Darin unterschieden sich die Konfuzius-Institute von vergleichbaren Einrichtungen anderer Länder, wie beispielsweise dem Goethe-Institut und dem Institut Français.

Zensurvorwürfe gegen Konfuzius-Institute

Auch die Bundesregierung findet klare Worte und stellt fest, dass „der chinesische Staat […] Einfluss auf Veranstaltungen, Lehrinhalte und -materialien an Konfuzius-Instituten in Deutschland nimmt“. Zudem seien sie ein „wichtiger Akteur in der Soft-Power-Politik Chinas“. Die chinesische Einflussnahme zeige sich beispielsweise an der fehlenden kritischen Auseinandersetzung und Zensur der „drei Ts“, das sind Taiwan, Tibet und das Tian’anmen-Massaker 1989, so der ehemalige Sondergesandte des Dalai Lama, Kelsang Gyaltsen, bei der Podiumsdiskussion.

Einige Hochschulen ziehen Konsequenzen: Die Universitäten Hamburg und Düsseldorf beendeten ihre Partnerschaften letztes Jahr und schließen sich damit einem internationalen Trend an. In den USA, wie auch in Belgien und Frankreich, wurden in den letzten Jahren schon vermehrt Institute geschlossen. Die Freie Universität, die 2006 das erste Konfuzius-Institut in Deutschland eröffnete, hält indes an ihrer Partnerschaft mit der Peking-Universität fest. Sie sah sich aber offenbar derartig unter Druck gesetzt, dass sie eine umfangreiche Informationsseite schaltete, um sich zu erklären. Auch Universitätspräsident Günter Ziegler beschwichtigt Kritiker*innen: Es gebe eine klare „Firewall“ zwischen dem Institut für Sinologie und dem Konfuzius-Institut

Der neue Lehrstuhl kostet China eine halbe Million

Ob diese Grenze auch in Zukunft so klar gezogen werden kann, ist jedoch unklar. Schließlich wird die neue Professur am Institut für Sinologie mit 100.000 € jährlich für eine Periode von fünf Jahren vom chinesischen Center for Language Education and Cooperation  finanziert – der Partei-Organisation, die auch für die Konfuzius-Partnerschaften zuständig ist. Letztes Jahr legte sie im Rahmen einer Imagekampagne den alten Namen Hanban ab, offenbar ist auch in der Volksrepublik die international wachsende Skepsis gegenüber der Kooperationen nicht unbemerkt geblieben. An der Zugehörigkeit zum Zentralen Propaganda-Department ändert das allerdings nichts.

Jährlich wird die Professur evaluiert – sollten Inhalt oder Form des neuen Studiengangs dem chinesischen Partner nicht zusagen, kann die Finanzierung jederzeit wieder entzogen werden. Die FU sichert indes eine kritische Lehre zu und erklärt, auch die Situation Taiwans, Hongkongs, Tibets, Xinjiangs und die Geschehnisse von 1989 in China würden im Rahmen des Studiums selbstverständlich thematisiert.

Die FU musste nachverhandeln

Vor über einem Jahr wurden die Verträge der Anschubfinanzierung erstmals publik, nachdem die FU die Geldgeberin der Professur zuerst nicht nannte. Die als Rechtsaufsicht zuständige Senatskanzlei für Wissenschaft und Forschung meldete Bedenken in drei Punkten an: Die Finanzierung war an die Einhaltung chinesischen Rechts gebunden und konnte bei Konfliktfällen auch wieder zurückgefordert werden, Schlichtung sollte nur vor chinesischen Schiedsgerichten erfolgen und nur europäische Studierende sollten Zugang zu dem Studiengang erhalten. Nun wurden laut Tagesspiegel und FU-Pressestelle die von der Senatskanzlei beanstandeten Punkte nachverhandelt, sodass der Studiengang diesen Oktober starten kann.

Chinakompetenz braucht Transparenz und Geld – mit oder ohne China

Auch wenn der Vertrag zugunsten der FU nachverhandelt werden konnte, zeigt der Fall vor allem eines: Es fehlt an Transparenz und Wissen über die Auseinandersetzung mit chinesischen Partner*innen. Dafür braucht es neben Kulturbegegnungen und Teezeremonien vor allem auch unabhängige Forschung und Kritik – sollte das mit chinesischem Geld nicht möglich sein, müssen andere Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden.

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