Klausurenphase Online: Fluch oder Segen?

Die zweite Klausurenphase während der Pandemie ist in vollem Gange – und das größtenteils online und von zuhause. Wer organisiert das Ganze und funktioniert es auch? Lena Marie Breuer und Philipp Gröschel haben nach Antworten gesucht.

Nur wenige Klausuren werden dieses Semester in Präsez stattfinden. Bild: Simon Geiger

„Mein Router ist im Keller und ich verlege über zwei Stockwerke ein LAN-Kabel, nur um dafür zu sorgen, dass von meiner Seite nichts schief geht.” Es ist Klausurenphase und BWL-Studentin Antonia will vorbereitet sein. Sie schreibt ihre Klausuren ausschließlich mit E-Examinations@Home, ein Konzept des Centers für digitale Systeme (Cedis), so wie die meisten Studierenden der Freien Universität.

Onlineklausuren Digitale Prüfungen an der FU werden vom Arbeitsbereich E-Learning und E-Examinations (EEE) konzipiert. Mit E-Examinations@Home können Studierende von zuhause aus Klausuren schreiben. Bei Closed-Book-Klausuren wird die Prüfung im sogenannten Safe Exam Browser abgelegt, der den Zugriff auf andere Webseiten und Programme verhindern kann. 

Antonias erste Erfahrungen mit Onlineklausuren waren nicht die besten. Im Sommersemester 2020 flog sie zusammen mit 40 anderen Teilnehmer*innen von insgesamt 300 aus dem Safe Exam Browser raus, kam nicht mehr rein und musste die Nachklausur schreiben. „Ich hatte so viel für die Klausur gelernt und die Semesterferien waren einfach futsch, aber dieses Semester ist das deutlich besser geregelt”, sagt die 19-Jährige. Was also hat sich seit letztem Semester geändert? Und ist die Uni dieses Mal auf den Ansturm an Klausuren vorbereitet? 

Zwischen 13.000 und 17.000 Studierende schreiben Onlineklausuren

Alexander Schulz ist Leiter des Arbeitsbereichs E-Learning und E-Examinations (EEE) und zuständig für das „Projekt Wintersemester 2020/2021”. Seine Abteilung setzt die Prüfungen, technisch um, die Dozierende einreichen, und sorgt anschließend dafür, dass Studierende ihre Klausuren mit E-Examinations@Home schreiben können. Trotz der enorm gestiegenen Nachfrage nach Prüfungsterminen sei sein Arbeitsbereich „den Umständen entsprechend für den Ansturm gewappnet”. Reagiert habe man mit mehr Personal und einer Streckung des Prüfungszeitraums. Dieser laufe nun von Mitte Februar bis Mitte Mai, also ins Sommersemester hinein. Für manche Studierende führt das dazu, dass sie noch während der Vorlesungszeit mit ihren Klausuren fertig sind. Andere wiederum müssen bis Mai warten.

„Auch digitale Distanzprüfungen haben Obergrenzen”, betont Alexander Schulz. Momentan würden sie pro Tag vier Klausuren über die Bühne bringen. Dennoch reiche die Kapazität für insgesamt 241 Prüfungstermine, an denen zwischen 13.000 und 17.000 Studierende teilnehmen können, während in der letzten Prüfungsphase nur 171 Termine realisiert werden konnten.

Dissens unter Studis

Aber auch der beste Browser kann spontan Probleme kriegen und Deutschland ist nicht für gute Internetverbindungen bekannt. Am Fachbereich Jura wurde deshalb eine Vollversammlung einberufen, auf der man eine klare Position gegenüber Onlineklausuren und dem Safe Exam Browser finden wollte. Kritisiert wurde unter anderem, dass die Nachholklausur erst ein halbes Jahr nach der eigentlichen Klausur stattfinden soll. Das sei ärgerlich, da technische Probleme oft unverschuldet auftreten würden und man somit den ganzen Stoff wiederholen müsse. Allerdings seien Alternativen zum Safe Exam Browser laut Dozierenden indiskutabel. 

Auf eine gemeinsame Position konnten sich die Jurist*innen nicht einigen. Während einige von Klausurabbrüchen durch Browserprobleme berichteten, zweifelten andere an der Glaubwürdigkeit von Internetproblemen einiger Weniger. Der Vorschlag, die Klausurzeit zu erhöhen, sei von den Dozierenden der Rechtswissenschaften ebenfalls mit schwammigen Argumenten abgelehnt worden. Da man wegen des Onlinesemesters schon einen Zusatzversuch bekommen habe, wolle man auch nicht zu viele Vorschläge an die Dozierenden herantragen, man wolle es sich mit den Menschen, die die Prüfungen bewerten, schließlich nicht verscherzen. 

Die Diskussion der Jurist*innen zeigt, wie unterschiedlich die Ansichten zu Onlineklausuren sind. Manche nehmen Internetprobleme offenbar nicht einmal als Problem wahr, während Forderungen nach studifreundlicheren Lösungen den Dozierenden teilweise zu weit gehen. Klausuren sollen schließlich Klausuren bleiben. Bei den Wirtschaftswissenschaften verhält es sich ähnlich. „Das Niveau hat angezogen, da man ja in die Materialien schauen kann”, sagt BWL-Studentin Antonia.

New Browser, New Problems

Antonia ist mit dem Fortschritt von Onlinelehre und -Klausuren zufrieden: „Damals waren wir technisch noch nicht so informiert, aber dieses Semester ist das deutlich besser geregelt.” Es gebe Lösungsvorschläge, wie man sich selbst bei Problemen mit dem Safe Exam Browser helfen kann. Außerdem bleibe die Zeit stehen, falls man rausfliegt. Ben studiert Wirtschaftswissenschaften und hat bisher, anders als Antonia, kaum negative Erfahrungen mit dem Browser gemacht. „Natürlich ist es besser, Präsenzklausuren zu schreiben, aber das ist momentan zu gefährlich. Daher ist der Safe Exam Browser eine gute Alternative.” Das sei zwar gut für Studis aus oder mit Kontakt zu Risikogruppen, allerdings wünscht er sich für finanziell benachteiligte Studierende mehr Inklusion: „Die Möglichkeit, dass Studierende ohne Technik in den Computerräumen der Uni mitschreiben können, wäre wünschenswert.” Antonia bestätigt das: „Von den Studierenden wird erwartet, dass sie einen sehr guten Computer zu Hause haben.”

Doch nicht nur die Technik macht Probleme, auch die Unübersichtlichkeit der Klausuren stellt für manche ein Problem dar. „In einer Präsenzklausur habe ich Blätter und weiß, wie viel vor mir liegt”, sagt Antonia. Im Safe Exam Browser wisse man zwar, wie viele Fragen noch kommen, aber nicht, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen. Zudem würden statt Multiple-Choice mehr offene Fragen gestellt, die mehr Zeit forderten. Und Matheklausuren wiederum lassen sich wegen komplizierter Formeln und Sonderzeichen nicht im Safe Exam Browser schreiben. Sie müssen deshalb in Präsenz stattfinden.

Und nach Corona…?

Es bleibt abzuwarten, wie die Klausuren nach Corona ablaufen werden. Der Arbeitsbereich E-Learning und E-Examinations existierte schon davor und wird auch danach relevant bleiben. Alexander Schulz meint, dass es wahrscheinlich zu einer Koexistenz von Präsenz- und Onlineklausuren kommen wird. „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass der Anteil digitaler Klausuren weiter zunehmen wird.” Die Pressestelle der FU vertritt dieselbe Haltung. Ob die Studierenden an dieser Entscheidung teilhaben dürfen, ist allerdings unklar.

Und was sagen die Betroffenen dazu? „Bitte nicht!” Antonia findet Präsenzklausuren deutlich angenehmer, da digital immer die Angst mitschwinge, dass die Technik nicht funktioniert. „Wenn sie diese digitalen Dinge beibehalten, wäre ich ziemlich enttäuscht.”

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