„Es gibt für alles irgendwie einen Zeitpunkt“

Charlotte ist 16,  Jeannette ist 53. Beide sind Erstis. Gemeinsam besuchen sie die Einführungsvorlesungen an der FU. Wie ist es, nicht der Masse der Studierenden zu entsprechen? Ein Doppelporträt von Lena Rückerl und José-Luis Amsler.

Charlotte (l.) ist 16, Jeannette (r.) 53 – beide sind Studentinnen. Bild: privat (l.), Maya Meiners (r.)

Als Charlotte aus dem Bus steigt, verschwimmt sie mit der Masse der in alle Richtungen ausschwärmenden Student*innen. In einer Hand hält sie einen großen dampfenden Pappbecher mit Filterkaffee, die andere umfasst gelassen den Träger ihres schwarzen Rucksacks. Von den vielen darauf angepinnten Buttons trägt einer den Schriftzug Refugees Welcome, ein anderer zeigt ein rot umkreistes A. Charlotte studiert seit einigen Wochen am Otto-Suhr-Institut der FU.

Mit ihrer Immatrikulation für die Fächer Politikwissenschaft und Physik wurde sie eine von einer halben Million Erstis in Deutschland – Durchschnittsalter 21,6 Jahre. Mit ihren kurzen grünen Haaren und den politischen Statements auf ihrem Gepäck fällt sie unter ihnen kaum auf, dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Charlotte ist 16. Vor wenigen Monaten erst hat sie auf einem Internat in Baden-Württemberg ihr Abitur gemacht. Der Grundstein für ihre ungewöhnliche Laufbahn sei durch die verfrühte Einschulung direkt in die zweite Klasse gelegt worden. Doch ihre Biographie sei nicht so klischeehaft elitär, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte, betont sie. Weder eigene Überambitionen noch Helikoptereltern hätten zu ihrer Entscheidung geführt, mit 16 Jahren den Schritt ins Berliner Unileben zu wagen: „Ich wollte halt erst mal aus der Kleinstadt raus, aber mit 16 ein Gap-Year im Ausland zu machen ist schwierig.“ Das Studium, inklusive WG-Leben, sei also der nächste logische Schritt gewesen.

Wesentlich spontaner war Jeannettes Entscheidung, Politik zu studieren. „Es gibt für alles irgendwie einen Zeitpunkt“, stellt die 53-Jährige fest. Politisch interessiert und engagiert sei die Berlinerin schon lange. Die Schikane, die sie als junge Frau in der DDR erlebt habe, und ihre ersten Erlebnisse nach der Ausreise in die BRD hätten ihren Gerechtigkeitssinn geweckt. Das politische Geschehen zu verstehen und einen besseren Einblick in gesellschaftliche Zusammenhänge zu bekommen, sei seitdem ihr Ziel, erklärt sie gestikulierend. In ihrem Beruf als Autorin und freie Journalistin beschäftige sie sich zwar immer wieder mit Politik, erzählt Jeannette. Sie habe aber das Gefühl, immer nur an der Oberfläche kratzen zu können.

Für ihr Umfeld sei das Studium deshalb nur eine logische Folge dessen, was sie bisher gemacht hat. „Die Familie findet es ganz toll“, berichtet die dreifache Mutter lachend. Ihre Kinder sind nun gewissermaßen ihre Kommiliton*innen. Ihre Tochter, die an der FU Biologie studiert, habe ihr bei der Immatrikulation geholfen, der Umgang mit der Technik im digitalen Semester falle ihr leicht. Das normale Campusleben fehle ihr aber genauso wie den meisten Studierenden. Ihr Sohn, der Elektrotechnik studiert, habe im Digitalsemester das Gefühl, den ganzen Tag nur Youtube-Videos zu schauen, meint Jeannette nachdenklich. Mit ihm und ihrer Tochter tauscht sie sich oft über das Studium aus. 

21,6 – so alt sind Studienanfänger*innen in Deutschland im Durchschnitt.

Auch Charlottes Familie unterstützt sie bei ihrem Studienvorhaben – anders wäre das Leben als Minderjährige in einer neuen Stadt auch kaum zu bewältigen, erzählt sie. „Meine Eltern müssen halt jede Kleinigkeit für mich unterschreiben, das ist schon manchmal nervig. Vor allem weil ich ja durchaus fähig wäre, das selbst zu tun“, betont sie. Den Mietvertrag unterzeichnen, einen Bibliotheksausweis beantragen, selbst Ärzt*inbesuche erforderten einen umständlichen Schriftverkehr in die Heimat. Ansonsten sei der Kontakt zu ihrer Familie aber nicht häufiger als bei anderen Studierenden. „Ich rufe halt hin und wieder mal an, zu Besuch fahre ich aber eigentlich nur an Weihnachten“, gesteht sie lachend.

Ein Sozialleben an der Uni aufzubauen, falle Charlotte wegen der reinen Onlinelehre schwer – doch sie gibt sich gelassen. Sie umgehe es anfangs oft, mit Kommiliton*innen über ihr Alter zu sprechen. „Das schafft ja schon erstmal einen gewissen Graben. Ich möchte als gleichberechtigt wahrgenommen werden.“ Wenn nach näherem Kennenlernen rauskomme, dass Charlotte so jung ist, sei die Überraschung umso größer. Die Beziehung zu ihren Mitstudierenden habe das aber noch nie beeinträchtigt. „Ich wurde ja immer schon zwei Jahre älter sozialisiert“, erzählt sie und fügt lachend hinzu: „Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so richtig, was andere 16-Jährige so machen.“ 

Während Charlotte ihr Alter vor ihren Kommiliton*innen eher zu kaschieren versucht, sieht Jeannette den Altersunterschied positiv. Sie finde die Zuversicht und die Besonnenheit der Jugend toll. „Es hat den Aspekt, dass man wach bleibt“, erzählt die 53-Jährige. Inwieweit sie am typischen Campusleben teilnehmen will, wisse sie aber noch nicht. Allein schon aus praktischen Gründen wolle sie Mensa und Bibliothek nutzen. Sich auch in Hochschulgruppen zu engagieren, kann sie sich grundsätzlich vorstellen. „Aber ich bin vorsichtig, weil ich nicht weiß, wie sehr das gewünscht ist.“ Ein Freund ihrer Tochter habe sich auf den gleichen Studiengang wie sie beworben, wurde aber abgelehnt. Seine Aussage – „Jetzt hast du mir den Studienplatz weggenommen“ – habe sie zum Nachdenken gebracht, auch wenn das natürlich nur Spaß gewesen sei.

Bisher ist Jeannette sehr zufrieden mit ihrem Studium. Natürlich habe sie die gleichen Probleme wie ihre Kommiliton*innen. „Mir fällt es auch nicht leicht, einen Text von Platon zu lesen.“ Begeistert berichtet sie von ihrem Russischkurs, in dem sie ihre Fremdsprachenkenntnisse endlich wieder auffrischen könne. Selbst beim Onlinestudium sehe sie die Vorteile. Dank fehlender Fahrzeiten könne sie ihr bisheriges Leben relativ problemlos weiterführen. Die Studentin übt weiterhin ihren Beruf als Selbstständige aus und kann viel Zeit mit ihrer Familie verbringen.

Was die Zukunft für die beiden bringt? „In erster Linie mache ich das ja aus Interesse. Also ein konkretes Ziel habe ich noch nicht vor Augen“, erklärt die 16-jährige Charlotte und stimmt dabei mit der fast vier Jahrzehnte älteren Jeannette überein. „Wenn man in Bewegung bleibt, ergeben sich Sachen“, sagt sie. In welchem Alter man dabei sei, spiele letztlich nur eine untergeordnete Rolle.

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