Brave New Learning

Die Coronapandemie als große Chance für die Digitalisierung der Hochschullehre? Wer so argumentiert, leckt dem Neoliberalismus die Schuhe und deklassiert das Studium zur bloßen Arbeitsmarktvorbereitung. Ein Kommentar von Kira Welker.

Selbstmanagement statt Mündigkeit. Illustration: Kira Welker

Wackeliges WLAN, Platzmangel und soziale Isolation – seit fast einem Jahr sind deutsche Studierende ins Home Office umgezogen. In Umfragen und sozialen Medien beschreiben sie eine massive psychische Mehrbelastung. Das hält einzelne Stimmen absurderweise jedoch nicht davon ab, die globale Gesundheitskrise als Chance für die Digitalisierung der Hochschullehre auffassen zu wollen – und dabei keine neoliberale Floskel rechts liegen zu lassen.

So findet die FDP-Fraktion im Bundestag den Zeitpunkt ideal für eine staatenübergreifende europäische Online-Hochschule: Man wolle »nach der Krise nicht in die Lehre von 2019 zurückfallen«. Ein Manifest der Fernuni Hagen ruft ob der gesammelten Erfahrungen gleich ein neues Zeitalter aus und fordert inhaltsentleert: »New Work braucht New Learning«. Das Onlinestudium als eine Übung in dynamisch-vernetzter Selbststeuerung durch die entgrenzte Brave New World.

Die Coronapandemie hat gezeigt: Wer hier bestehen will, soll vor allem Eigenverantwortung zeigen. Jede*r muss selbst entscheiden, wann und wie viel sie*er lernt; die Uni zieht sich noch weiter aus ihrer Verantwortung zurück, dabei für faire Ausgangsbedingungen zu sorgen. Wer ohne Laptop, stabile Internetverbindung oder ruhigen Arbeitsplatz lernen muss, kann dann eben – ganz eigenverantwortlich – im Bürokratiedschungel um finanzielle Hilfe ringen. So wird auch die Verantwortung für Misserfolge individualisiert: Wer scheitert, hat sich einfach nicht genug Mühe gegeben.

Ein Universitätsverständnis, das derart auf individuelle Verantwortlichkeit setzt, denkt Studium nicht als Prozess des Austauschs und der gemeinsamen Erkenntnis- und Sinnsuche. Stattdessen geht es um die Herausbildung individueller ›Skills‹, die möglichst beschäftigungsfähig machen sollen. Es gilt nicht nur, sich selbst und den eigenen Lebenslauf zu formen, sondern auch, sich dabei besser zu schlagen als die Kommiliton*innen. Denn auch in Pandemiezeiten sind Masterstudienplätze und Stellenangebote begrenzt. Taktisch unklug, wer da noch solidarisch sein möchte.

Wie sieht es aus mit der im Gegenzug versprochenen Freiheit beim vermeintlich so selbstbestimmten Lernen? Anstelle von Vorlesungen werden teilweise Buchausschnitte zur Verfügung gestellt, Selbsttests prüfen per Multiple Choice den planmäßigen Erkenntnisfortschritt und regelmäßig fällige Teilnahmenachweise setzen enge Deadlines für die Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Fragwürdig, wo hier jenseits der zeitlichen und räumlichen Entkopplung von Lehrveranstaltungen neue Freiheiten entstehen sollen. Inhalte bleiben vorgeschrieben und modularisiert wie in der Präsenzlehre. Die zu erwerbende Kompetenz: Selbstmanagement statt Mündigkeit.

Keine der beschriebenen Entwicklungen ist erst in der Corona-Uni entstanden. Sie werden dort nur deutlicher, weil das Leistungspunkte-Sammeln für alle individualisiert am heimischen Schreibtisch stattfinden muss. Hier kann sich jede*r voll dem vermittelten Lernstoff widmen – ohne lästige Zeitverluste durch Mensagespräche, Vernetzungsplena, unaufmerksame Momente und Zufallsbegegnungen. Wenn das die Uni der Zukunft ist, ist die Zukunft der Uni wohl eher eine digitale Dystopie.

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