So viel Präsenz wie möglich, so digital wie nötig?

Die Öffnungsdiskussionen der vergangenen Wochen riefen auch Studierende auf den Plan. Einige fordern jetzt eine vorsichtige Abkehr von der reinen Digitallehre. Andere widersprechen. Von Hutham Hussein. 

Wollen zurück in den Hörsaal: Studierende protestieren gegen die Dauerschließung der Unis. Bild: Claudia Rohmer

Benedict Gehlken studiert in Berlin und sieht seine berufliche Zukunft aufgrund der anhaltenden Bibliotheksschließungen bedroht. Darum steht er an einem Montagmittag Mitte März neben dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität (HU). Um ihn schart sich eine Gruppe Kommiliton*innen. Benedict hatte beschlossen, sich neben dem Studium ein zweites Standbein als Auktionator aufzubauen und zusammen mit Mitstreiter*innen der Initiative #nichtnuronline die Open-Air-Protestaktion HU Unterm Hammer – die symbolische Versteigerung des Hauptgebäudes der HU – zu veranstalten. 

Mit einem Anfangsgebot von einem Euro begann die Versteigerung des geschichtsträchtigen Gebäudes. Heute befindet sich darin unter anderem das Auditorium maximum, der größte Hörsaal der Universität, mit 750 Plätzen. Am Ende erhielt ein Student aus der Zuschauer*innenmenge den Zuschlag für das Barockschloss gegen Zahlung von 86 Euro und zwei Flaschen Club Mate. „Durch diese Versteigerungsauktion wollen wir deutlich machen, wie viel unsere Bildung und Ausbildung der Regierung wert sind“, sagt eine der Sprecherinnen der Initiative #nichtnuronline. Während Fitnessstudios, Baumärkte und Biergärten seit Anfang März Öffnungsperspektiven haben, herrsche zwischen Hochschulleitungen und Studierenden eine andauernde kommunikative Stille. 

Die Unis sind weiter dicht

Seit über einem Jahr befinden sich die Unis im Dauerlockdown. In einer Vereinbarung der Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten der Berliner Hochschulen (LKRP) und der Berliner Senatskanzlei für Wissenschaft und Forschung wurde Ende Februar bekanntgegeben, dass Studium und Lehre im Sommersemester 2021 im „digitalen Modus“ starten werden. Die übergangsweise entwickelte Notlösung Online-Studium scheint mittlerweile die einzige Lösung zu sein.

Die Initiative #nichtnuronline wurde von Studierenden der FU gegründet, als sich das zweite Digitalsemester dem Ende zuneigte und klar war, dass das kommende Sommersemester ebenfalls nur online stattfinden solle. Als Ausgangspunkt formulierten die Initiator*innen einen offenen Brief, den sie als Petition freigaben, mit Unterschriften von Studierenden und Dozierenden verschiedener Berliner Hochschulen. Sie fordern für Universitäten und Studierende mehr Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs, sowie die Einbeziehung in den auf der Bund-Länder-Konferenz beschlossenen Öffnungsplan.

Ein offener Brief für die Wiederbelebung der Unis 

„Wir fordern einen informierten Dialog zwischen Politik und Hochschulleitungen, welcher die Studierenden einbindet und Konzepte und Strategien zur Wiederbelebung der Universitäten und Hochschulen entwickelt”, erklärt ein Mitinitiator der Initiative. Den Sprecher*innen der Initiative ist wichtig, sich von Menschen, die die Pandemie nicht ernst nehmen oder das Infektionsgeschehen nicht verstehen, zu distanzieren. In ihrem offenen Brief fordert die Initiative „für alle Berliner Universitäten die Ermöglichung von Präsenzlehre für kleine Seminare, Tutorien und Colloquien unter Berücksichtigung der vom Robert Koch-Institut empfohlenen Hygienemaßnahmen“. Digitale Lehre funktioniere partiell, viele Seminare seien aufgrund der aktuell virtuell praktizierten Lehre gar nicht erst angeboten worden. 

„Hinzu kommen inhaltliche Verluste, da die digitalen Formate wenig Raum für Diskussionen bieten“, findet Lucie Gröschel, eine der Initiator*innen der Initiative. „Wir wurden bisher mit der Floskel vertröstet, dass wir ‘Technik können’, die Auswirkungen der digitalen Lehre auf unsere Ausbildung und auch der soziale, gesellschaftliche Stellenwert von Universitäten fallen kaum bis gar nicht ins Gewicht”, sagt sie. Das Ziel der Initiative sei, die eingefahrenen Strategien der Hochschulleitungen zu durchbrechen und unkonventionelle Methoden, wie beispielsweise Outdoorseminare, zu ermöglichen. Wie diese aussehen könnten, demonstrierten die Studierenden in einer weiteren Protestaktion vor dem Roten Rathaus. Ein Hybridkonzept aus Digital- und Präsenzlehre war schon für das Wintersemester 20/21 angedacht, konnte jedoch aufgrund der steigenden Infektionszahlen nicht durchgeführt werden.

Kommen die Öffnungsforderungen zu früh?

Auch der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der TU Berlin teilt die Einschätzung, dass die Unis von Entscheidungsträger*innen vergessen würden: „Es fehlen Anstrengungen und damit die Strukturen und Räume um das Universitätsleben zu erhalten”. Der TU-AStA findet jedoch, dass „eine Forderung nach Öffnung momentan kontraproduktiv ist”. Die Politik sei „in der Verantwortung, sich Strategien und Regelungen für einen sicheren Lehrbetrieb in den nächsten Semestern zu überlegen, die die Hochschulen zur Umsetzung verpflichten”. Bedenken und Kritik an der Initiative für mehr Präsenzlehre äußerte auch der Fachschaftsrat Lehramt der HU in einem Solidaritätsappell. Darin heißt es, die Forderungen nach freiwilliger Präsenzlehre seien „im höchsten Maße fahrlässig und kurzsichtig”. Die Lehramtsstudis betonen außerdem den Organisations- und Kommunikationsaufwand, den ein Hybridkonzept erfordere und appellieren daran, die Rückkehr zur Präsenzlehre vorerst noch nicht in Betracht zu ziehen.

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