„Vergessen ist wie Puzzeln mit nur der Hälfte der Teile.“

In Selbstvergessen beschäftigen sich Jungschauspieler*innen mit der Demenz ihrer Großeltern. Das Theaterstück wirft Fragen auf über das Vergessen, Erinnern und die Zukunft und hinterfragt die eigene Identität. Mitreißend und tief berührend, findet Anna-Lena Schmierer.

Mit dreckigen Glasscheiben, Masken und Weißlicht inszeniert Selbstvergessen die Krankheit Demenz. Foto: Arno Declair, Illustration: Joshua Leibig

Wie ist das, wenn man alles vergisst? Wenn man sich nicht mehr erinnern kann, wie die eigenen Kinder heißen oder wie alt man ist oder ob man heute schon gefrühstückt hat. Wie fühlt sich das an? Und was bleibt dann noch?

Diese Fragen stellen sich Paula Aschmann, Greta Borg, Lasse Kühlcke, Noa Rosa Nrecaj, Dimitrije Parkitny und Nike Strunk. In Selbstvergessen, einem Stück des jungen Ensembles des deutschen Theaters, erzählen sie von ihren demenzkranken Großeltern und ihren Wünschen für ihr eigenes Leben. Die zehn bis 19 Jahre alten Jungschauspieler*innen erschaffen so eine emotionale Verstrickung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Am 17. April 2021 feierte das Stück unter der Regie von Gernot Grünewald im Live-Stream Premiere.

Das Stück besteht aus den vier Teilen Intro, Erinnern, Vergessen und Impulse. Es empfängt die Zuschauenden mit Dunkelheit und einer Off-Stimme, die von Oma Hilde erzählt – Oma Hilde, die langsam alles vergisst. Danach erzählen die sechs jungen Menschen von Erlebnissen mit ihren Großeltern. In ihren Stimmen schwingen Wut, Verzweiflung, Trauer, Liebe, aber auch Freude mit. Sie sprechen vom Anfang, Verlauf und Ende des Lebens und zeigen auf, was zum Schluss übrigbleibt. Die Schauspieler*innen sagen: „Vergessen ist wie im Meer nicht mehr schwimmen können“ und „Vergessen ist wie eine Lampe mit Wackelkontakt, die dann ganz ausgeht.“ Doch es geht nicht nur um die Großeltern. Vor allem im letzten Teil – Impulse beschäftigen sich die Schauspieler*innen auch mit sich selbst, dem Erwachsenwerden, ihrer Vergangenheit und vor allem ihrer Zukunft. Dabei stellen sie sich die Fragen: An was will ich mich später erinnern? Und wie will ich Anderen in Erinnerung bleiben?

Kreative Inszenierung, trotz widriger Umstände

Auch die Inszenierung ist spannend: Durch verschiedene Perspektiven, visuelle Reflektionen und Überlappungen, sowie Silhouetten erhalten die Zuschauenden wie durch ein Kaleidoskop einen Einblick in die Leben der jungen Menschen und ihrer Großeltern. Fast kann man selbst nachempfinden, wie es ist, an Demenz erkrankt zu sein. Denn das Stück setzt sich aus vielen kleinen Teilen zusammen – manche davon gestochen scharf, andere verschwommen. Manche hell, andere dunkel. Manchmal laut, kraftvoll und überfordernd und manchmal ganz leise und feinfühlig.

Selbstvergessen spielt hierfür mit der Kamera, Licht, Glas und Spiegeln. Die Schauspieler*innen tragen zudem mehrmals die Abbilder ihrer dementen Großeltern in Form von Masken. Eine visuelle Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper findet aber auch durch die surreale, dreidimensionale Animation eines Torsos des Videokünstlers Thomas Taube statt. Dies wirft Fragen auf: Bleibt am Ende wirklich nur die Hülle übrig? Oder gibt es einen Wesenskern, der erhalten bleibt, wenn eine demente Person all das vergisst, was ihre eigene Identität ausmacht? 

Grünewald nutzt originales Bild- und Tonmaterial der teils verstorbenen Großeltern, wodurch ein Dilemma entsteht: Ist die Veröffentlichung dieser Aufnahmen ethisch verantwortbar – selbst wenn diese mutmaßlich ihre Einwilligung gaben? Trotz, oder gerade wegen der Ton- und Bildaufnahmen, ist Selbstvergessen ein in sich stimmiges und emotional ergreifendes Theaterstück, das zum Nachdenken anregt und zu Tränen rührt. Das junge Alter und die herausragende Leistung der Schauspieler*innen beeindrucken zutiefst.

Selbstvergessen ist ein Projekt des Deutschen Theaters Berlin und wird als Livestream auf der Website des Hauses ausgestrahlt. Die nächste und vorab letzte Vorstellung mit anschließendem Gespräch mit den Darstellenden findet am 21. April 2021 um 19 Uhr statt. Für Studierende kosten die Tickets 5 Euro. Weitere Informationen gibt es hier: Deutsches Theater Berlin – Selbstvergessen Bonusmaterial

Autor*in

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.