„Verhütung für alle besser machen“

Jana Pfennig und Rita Maglio setzen sich mit ihrer Petition BetterBirthControl für eine Verbesserung der Verhütung ein. Mit ihren Forderungen haben sie es bis ins Wahlprogramm der SPD für die Bundestagswahl 2021 geschafft. Ein Bericht von Hannah Held und Pia Schulz.

Im Jahr 2011 stellte die WHO die Forschung an der Hormonspritze ein. Der Grund: Jeder zehnte Teilnehmer klagte über Nebenwirkungen. Illustration: Hannah Held

Thrombosen, Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen, Kopfschmerzen, Übelkeit – die Liste der möglichen Nebenwirkungen bei Einnahme der Antibabypille ist unendlich lang. Verhütung für Frauen und Männer leichter, gesünder und gleichberechtigter zu gestalten, dies haben sich Jana Pfennig und Rita Maglio zum Ziel gemacht.

Die beiden haben sich im Europäischen Parlament kennengelernt. Dort arbeitete die ehemalige FU-Studentin Jana nach ihrem Bachelor in Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Rita, Bachelorabsolventin der WWU Münster in Politikwissenschaft, machte zur selben Zeit ein freiwilliges Praktikum bei einem Mitglied des Parlaments. Bei einem Barabend mit Kolleg*innen kam das Thema Verhütung auf und deutlich wurde eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem Status quo. Nach einiger Bedenkzeit und viel Recherchearbeit entstand daraus der Entschluss, zusammen die Kampagne BetterBirthControl zu gründen.

Seitdem setzen sich Jana und Rita mit ihrer Petition unter anderem für eine vollständige Kostenübernahme durch die Krankenkassen, verbesserte Aufklärung, mehr Gleichberechtigung und die Reduzierung von Nebenwirkungen bei der Schwangerschaftsverhütung ein. Die beiden Studentinnen arbeiten mit Politiker*innen verschiedener Parteien zusammen, um das Thema Verhütung in die Wahlprogramme zu bringen. Darunter sind Mitglieder der FDP, des Bündnis 90/Die Grünen und der Linksjugend. Nach einem Austausch mit Vizekanzler Olaf Scholz und weiteren SPD-Politiker*innen hat die Partei die Forderungen der beiden Berlinerinnen in ihr Programm für die kommende Bundestagswahl aufgenommen.

„Wir zeigen Lösungen auf, wie man möglichst effizient und schnell Verhütung kostenlos machen kann, wo man in Forschung investieren muss und wie man besser aufklären kann“

Jana Pfennig über die Gespräche mit den Parteien.

Stillstand in der Forschung 

Viele Frauen klagen vor allem über die Nebenwirkungen einiger Verhütungsmittel, Männer hingegen wünschen sich eine Alternative zum Kondom. Dass für Männer und Frauen ein ungleiches Angebot an Verhütungsmethoden vorherrscht, resultiere unter anderem aus einem Defizit in der Pharmaindustrie, erklärt Jana im FURIOS-Interview. Eine Nachfrage seitens der Männer sei definitiv da, dennoch befürchte die Pharmaindustrie, dass es keinen Absatzmarkt für männliche Verhütungsmittel gäbe, oder dass durch einen wachsenden Markt an Verhütungsmitteln für den Mann, die Nachfrage nach der Antibabypille sinke. 

Aufgrund dieser Bedenken stagnieren in Deutschland die Forschungen zum Vasalgel oder dem Samenleiterventil für den Mann, da nicht genügend Forschungsgelder zur Verfügung stehen. Das Hormongel für den Mann hat eine ähnliche Wirkung wie die Antibabypille und wird täglich auf die Schultern aufgetragen. Dort nimmt der Körper dann das in dem Gel enthaltene Testosteron und Gestagen auf, was dafür sorgt, dass die natürliche Spermienproduktion unterdrückt wird. In den USA wird weiter an einem Hormongel geforscht. Jana sieht bei diesem Produkt die besten Aussichten für eine Marktzulassung.

Die Forschung zur Antibabypille wurde in den 60er-Jahren durch die feministische Bewegung angestoßen, doch seit ihrer Einführung wurde die Pille kaum weiterentwickelt. So besteht ein großer Nachholbedarf, doch auch hier fehlen die Forschungsgelder. Ganz nach dem Vorbild der damaligen Frauenbewegung, wollen Rita und Jana mit ihrer Petition „genau so eine gesellschaftliche Revolution“ anstoßen, damit wieder mehr Gelder in die Forschung fließen, um bestehende Verhütungsmittel zu verbessern oder Alternativen zu entwickeln. 

Die Jugend muss aufgeklärt werden

Ein weiteres Anliegen der beiden Frauen ist es, die Aufklärung zu verbessern. Besonders in der Verantwortung seien Ärzt*innen, sie sollten mehr über die Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln, sowie über mögliche Alternativen informieren. Aber auch in der Schulbildung müsste dieses Thema noch deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen, um auch ein Bewusstsein und Verantwortung bei jungen Männern zu schaffen. Auf die Frage, was jungen Menschen in diesem Kontext vermittelt werden sollte, antwortet Jana: „Passt auf euch auf und seid achtsam mit eurem Körper“. Verhütung ist etwas sehr individuelles, deshalb ist es besonders wichtig junge Menschen aufzuklären und ihnen Alternativen aufzuzeigen. So kann jede*r für sich selbst herausfinden, welche Art der Verhütung am besten passt.

Es sei wichtig den Diskurs in die Öffentlichkeit und in die sozialen Medien zu bringen, Erfahrungen zu teilen und Wissensdefizite aufzulösen. Über 113.000 Menschen unterstützen die Petition bereits. Janas und Ritas Forderungen finden Gehör, bis zur Umsetzung ist aber noch viel Arbeit und Engagement nötig.


Rita und Jana sind sich bewusst, dass die Inhalte und die Formulierungen ihrer Kampagne häufig eine binäre Geschlechtersprache suggerieren und arbeiten an Lösungen alle Menschen sprachlich und inhaltlich zu inkludieren. “Wir fordern eine bessere Verhütung für alle und dazu zählen alle Menschen, egal ob Cis, Trans oder Nichtbinär.”

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