Kinder – zu wenig gehört, zu wenig gesehen

Was vor der Pandemie schon ein Problem war, bekommt jetzt eine ganz neue Dimension: die psychische Gesundheit von Kindern. Wie es an Hilfsangeboten mangelt, psychische Erkrankungen im Kindesalter teilweise gar nicht diagnostiziert sind und wie eine App helfen kann, berichtet Caroline Blazy.

Kinder haben unter der Pandemie und ihren Folgen besonders gelitten. Illustration: Minette Lee

Während in Deutschland bereits mehr als jede dritte Person vollständig gegen das Coronavirus SARS-Cov-2 geimpft ist, überfüllte Fußballstadien in vielen Ländern Europas aus allen Nähten platzten und auch das Thema Reisen wieder salonfähig erscheint, wurde einer Bevölkerungsgruppe bisher nur wenig Beachtung geschenkt: den Kindern. Dabei gelten die Jüngsten unter uns schon jetzt als die Hauptleidtragenden der Pandemie, sagen Expert*innen der Sozial- und Gesundheitsministerien in den Bundesländern.

Kinder in der Krise

Ergebnisse der Copsy-Studie, durchgeführt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, weisen darauf hin, dass jedes dritte Kind ein Jahr nach Beginn der Pandemie psychische Auffälligkeiten zeigte. Dies verwundert nicht angesichts von Kitaschließungen, Home-Schooling, dem Wegfall von Freizeitangeboten und eingeschränkten sozialen Kontakten. Nicht nur depressive Verstimmungen, Ängste und Sorgen haben zugenommen, auch psychosomatische Symptome wie Bauch- und Kopfschmerzen treten vermehrt auf.

Schon seit Jahren ist die Zunahme von psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter alarmierend. Die Coronakrise hat die Situation nur noch verschärft. Kinder- und Jugendpsychiatrien sowie -kliniken sind voll belegt, regional kommt es zu langen Wartezeiten. Laut Berechnungen der Krankenversicherung KKH sind Behandlungen gegen Essstörungen deutlich angestiegen, im Jahr 2020 um mehr als 60 Prozent. Auch Depressionen und Burn-Out-Erkrankungen bei Heranwachsenden sind keine Seltenheit mehr.

„Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen möglicherweise in einem allgemein gestiegenen Angstniveau durch die Unsicherheit der Pandemie; auch bei den Eltern, dem Verlust von Sozialkontakten, der sozialen Distanz und der Verringerung von positiven Aktivitäten in der Freizeit”, erklärt Babette Renneberg, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Freien Universität Berlin. Es sei sehr problematisch, dass in den Kliniken nur noch schwer Erkrankte aufgenommen werden und es auch in der ambulanten Versorgung sehr lange Wartezeiten gebe. Dies sei jedoch nur strukturell zu lösen, indem mehr Kinder- und Jungendpsychotherapeut*innen einen Kassensitz bekämen.

Achtsamkeit und Meditation als Prävention

Einer, der schon vor der Pandemie der Meinung war, dass der psychischen Gesundheit von Kindern mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsste, ist Jean Ochel. Der ehemalige Psychologiestudent der FU entwickelte im Rahmen seiner Masterarbeit die Meditations- und Entspannungsapp Aumio, die im März 2020 gegründet wurde. „Ich dachte mir, dass ich gerne Kindern so ein Angebot näherbringen möchte, wo sie einfach lernen mit starken Gefühlen umzugehen, auch mal abzuschalten und anstrengende Gedanken beiseitelegen können“, sagt Ochel im FURIOS-Interview.

Meditation und Achtsamkeit Meditation ist eine spirituelle Praxis, die sich auf den Hinduismus und Buddhismus zurückführen lässt. Meditation kann die Bewusstseinslage verändern, was zur Entspannung bis hin zu tranceähnlichen Zuständen führen soll. Durch Meditation kann Abstand zu den eigenen Gedanken gewonnen werden. Dabei beinhaltet Meditation sowohl Achtsamkeits- als auch Konzentrationsübungen, die bei Depressionen helfen können. Die auf Achtsamkeit basierende Stressreduktion entwickelte der Mediziner Jon Kabat-Zinn in den 70er-Jahren. Achtsamkeit soll dabei helfen den Stresspegel zu senken und das Wohlbefinden zu stärken. Meditations- und Achtsamkeitstechniken sind schon länger auch in der westlichen Welt gängige Methoden, um Stress und Ängsten vorzubeugen.

Natürlich können Achtsamkeitskurse keine Therapie ersetzen. Ochel und seine Kolleg*innen möchten deshalb präventiv mit ihrer App reagieren. „Das Problem ist, dass nur etwa 10-20 Prozent der Kinder, die psychische Auffälligkeiten haben, überhaupt ein Versorgungsangebot bekommen. Wir wollen besonders die Kinder abholen, deren Leiden nicht diagnostiziert ist und wo die Eltern vielleicht auch nie sagen würden, dass ihr Kind psychische Probleme hat“.

Reisen durch den inneren Kosmos

Die überwiegend audiobasierte App, die von Anfang an mit Kindern, Wissenschaftler*innen und Therapeut*innen gemeinsam entwickelt wurde und deren Wirksamkeit aktuell in Zusammenarbeit mit der FU untersucht wird, sei durch die spielerische Gestaltung sehr zugänglich, so Ochel. Hörgeschichten, Traumklänge und Entspannungsreisen „begleiten die Kinder durch die verschiedenen Galaxien und dabei lernen sie ihren inneren Kosmos kennen“. Zum inneren Kosmos gehören natürlich auch Gefühle, die verstanden werden wollen. Behandelt werden Fragen wie: Was sind überhaupt Gefühle? Wie kann mit Gefühlen wie Wut umgegangen werden? „Das ganze basiert auf Geschichten, die den Kindern erzählt werden. Gleichzeitig aber auch darin enthalten sind Achtsamkeitsübungen und Entspannungstechniken, die die Kinder dann spielerisch innerhalb dieser Geschichte mitmachen“.

Können Meditation und Achtsamkeit helfen? Illustration: Minette Lee

Die App sei so aufgebaut, dass Kinder sie selbständig nutzen können, so Ochel. Es gäbe Einschlafreisen, bei denen die Eltern das Handy einfach nur hinlegen und die Kinder in den Schlaf gleiten können. Zudem sei die App von Grund auf datensicher. Fast alle Eingaben, die die User*innen tätigen, blieben lokal auf dem Handy gespeichert.

Auf die Frage hin, ob Kinder während der Ausgangsbeschränkungen und Lockdowns nicht schon genug digitale Medien konsumiert hätten, entgegnet Ochel: „Eltern haben ja das große Bedürfnis sinnvolle Inhalte an ihre Kinder heranzutragen und das kann über ein Buch, über eine Hörspielkassette, aber das kann auch über eine App passieren, in der dann vor allem auch wieder auditiv gearbeitet wird“. Die Kinder hätten relativ wenig Screentime, 80 Prozent der Zeit läge das Handy beiseite und die Kinder hörten nur zu.

Enttabuisierung schon im Kindesalter

Die Grundlagenkurse bei Aumio sind kostenlos, erweiterte Angebote sind allerdings nur im Monats- oder Jahresabo nutzbar. Eine Erstattung durch die Krankenkassen wäre daher sinnvoll, um möglichst vielen Familien mit Kindern einen einfachen Zugang zu gewährleisten. Damit Meditation und Achtsamkeit aber nicht exklusiv bleiben, sollte das Erlernen von Entspannungstechniken fest in den Kita- und Schulalltag integriert werden. So können Kinder schon früh lernen sich selbst zu beruhigen und mit Sorgen und Ängsten besser umzugehen. 

Die langfristigen Auswirkungen der Pandemiesituation auf Heranwachsende sind jetzt noch nicht absehbar. Ochel ist sich aber sicher, dass die Folgen der Pandemie und der vielzähligen Lockdowns uns noch lange begleiten werden. Er sehe daher absoluten Bedarf, „dass die Auseinandersetzung mit unserer Psyche, mit unserer mentalen Gesundheit ein viel breiteres gesellschaftliches Thema sein sollte“. Eine App kann dem*r Einzelnen helfen, die Enttabuisierung psychischer Leiden bedarf jedoch noch einer viel größeren Aufklärungs- und Bildungsarbeit und einer Thematisierung von klein auf.

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