FURIOS fantasiert: Eis am Stiel

Eine Welt ohne von Krankheit infizierte Gedanken. Eine Welt, in der mein größtes Sommer-Problem klebrige Eishände sind. Unsere Autorin blickt aus ihrem regnerischen Berliner Fenster und fantasiert sich in ein paar Momente der Corona-Ruhe am Strand. Von Alexandra Heidsiek.

Gut für uns alle: mehr Zeit für Genuss. Foto: Alexandra Heidsiek

In der Ferienserie „FURIOS fantasiert” erlauben sich unsere Autor*innen eine kleine Träumerei.

Einmal so richtig nichts tun: Am Strand liegen, ein Cocktail mit Schirmchen in der einen und ein Buch in der anderen Hand. Beruhigendes Meeresrauschen und lärmendes Stimmengeschall erzeugen eine kontrastreiche Tonkulisse. Im spärlichen Schatten der Kokospalmen genieße ich das Ferienfieber. Ich lege mich auf den Bauch, strecke die Füße in die Luft und kneife zum Lesen die Augen zusammen. Ein Windstoß wirbelt Sandkörner zwischen meine Buchseiten. Jetzt knirscht es beim Umschlagen, aber ich finde in dem Geräusch eine meditative Befriedigung.

Meine Gedanken drehen sich um banale Probleme. Sollte ich mir ein Eis holen? Wer passt auf mein Handtuch auf, wenn ich es kurz hier lasse? Und wo gehe ich heute Abend essen? Was ich mich allerdings nicht frage, ist, ob die Person, die mich gerade fast angespuckt hätte, geimpft ist. Ich überlege auch nicht, ob wir nicht lieber alle Masken tragen sollten. Und wie oft der Buchstabe Z in dem  Wort Inzidenzzahl zu finden ist, habe ich auch schon lange nicht mehr gezählt.

Im Zweifel für die Süßspeise

Ich entscheide mich für das Eis, bitte aus sozialer Seltsamkeit aber niemanden, sich kurz um meine Sachen zu kümmern. Stattdessen hoffe ich einfach auf das Beste. Der heiße Sand schiebt sich beim Laufen unbarmherzig in meine Flip-Flops und verbrennt mir fast die Füße. Mein Gang zum Eisstand gleicht eher einem Tanz. Die Billigware aus dem Supermarkt ist natürlich viel zu teuer, aber ich habe beschlossen, mich nicht aufzuregen. Es sind schließlich Ferien. Das süße Himbeersorbet tropft sofort vom Stiel und verklebt meine Finger innerhalb von Sekunden. Schon bereue ich meine Aktion, aber jetzt hilft nur noch schnellstmögliches Vertilgen. Eis essen, denke ich, ist in allen Belangen ein Wettlauf gegen die Zeit. Nur ich und die Sonne in der Disziplin, wer mehr Sorbet-Partikel in sich aufnehmen kann – mein Körper oder der Sand.

Zurück an meinem Platz ist alles so, wie ich es verlassen habe. Überraschenderweise wurde mir nichts geklaut. Befriedigt und mit dem Bauch voller Zucker wickle ich meinen Eisstiel in eine Serviette und lege ihn in meine Tasche – Umweltschutz und so. Kurz durchfährt mich der Gedanke, dass einem als Kind im Schwimmbad immer eingebläut wurde, nach dem Essen nicht zu schnell ins Wasser zu gehen. Unbeeindruckt zucke ich mit den Schultern und gehe zum Meer, um mir die Hände zu waschen. Nachdem ich meine Finger von ihrem klebrigen Überzug befreit habe, wate ich ein paar Meter hinein. Ich strecke mein Gesicht in die warme Sonne und genieße den leichten Wind in meinen Haaren und den salzigen Geruch in meiner Nase. Die Wellen schwappen sanft gegen meine Beine. Was auch immer um mich herum passiert, es stört mich nicht. AHA, 3G, SARS-CoV-2 sind nur gruselig klingende Abkürzungen, die in meiner Welt längst an Bedeutung verloren haben.

Zurück in der Realität

Was würde ich nicht für ein paar Momente ohne Covid geben. Denn selbst wenn die Pandemie irgendwann vorüber ist, die Suppe im Gehirn bleibt. Die Idee, dass jede Person eine potenzielle wandelnde Killermaschine ist, der man mit medizinisch notwendigen Verschleierungstaktiken begegnen muss, hat sich inzwischen fest in unserem Gesellschaftsbild verankert. Einige haben bereits angedeutet, ihre Masken auch nach der Pandemie weiter zu tragen. Diese Entscheidung ist natürlich ihr Recht, doch in mir erweckt das dystopische Szenario, in dem wir gerade leben, unangenehme Erinnerungen an ein gewisses Horrorfranchise mit Ausbruch eines mutierten Zombie-Virus. Dass ein Teil der Bevölkerung nun beschlossen hat, das Wahrzeichen dieser Pandemie bis über deren Grenzen hinaus zu ehren, lässt mich erschauern.

Doch nicht nur das. Stressfrei in den Süden zu fahren ist auch nur dann möglich, wenn man nicht vorher mit kurzfristigen PCR-Tests, neuen Visa-Regimes und überforderten Konsulaten konfrontiert wird. Sich für konfliktfreies Reisen mit drei verschiedenen Vakzinen vollpumpen zu lassen ist die neue doppelte Staatsbürgerschaft.
So oder so, die jetzige Situation wird wohl nicht ewig so weitergehen. Was davon übrig bleibt, werden wir sehen. Ein Positives jedoch hat das Ganze: wenn ich jemals wieder völlig unbeschwert Himbeersorbet am Strand essen kann, dann werde ich es wirklich genießen.

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