Zu spät für die Zukunft?

Inmitten der sich entfaltenden Klimakrise scheint der Kampf für eine bessere Zukunft selbst ein Relikt der Vergangenheit. Macht uns die Angst vor einem unbewohnbaren Planeten handlungsunfähig – oder birgt sie die Hoffnung auf ein anderes Zusammenleben? Von Kira Welker.

Mit welchen Fragen wenden sich junge Klimaaktivist*innen an die Psychologists for Future? Illustration: Kira Welker

Wir haben die Zukunft bereits hinter uns gelassen – so wirkt es zumindest, denkt man an träumerische Science-Fiction-Bilder aus Literatur und Film, die avantgardistisch-künstlerischen Visionen des Futurismus oder das kleinbürgerliche Stoßgebet ›Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir‹. Sie alle scheinen inzwischen aus der Zeit gefallene Erinnerungen an das 20. Jahrhundert zu sein. Denn angesichts der Erkenntnisse aus der Klimawissenschaft fällt der Glaube an irgendeine Zukunft schwer – geschweige denn an eine, in der es uns besser geht als jetzt.

Werden die weltweiten Emissionen nicht innerhalb kürzester Zeit drastisch reduziert, ist eine Erwärmung von mehr als 1,5°C nicht mehr zu verhindern. Die Folgen zeichnen sich bereits in der Gegenwart ab: massenhaftes Artensterben, Kipp-Punkte des Erdsystems, zunehmende Naturkatastrophen und immer mehr unbewohnbare Regionen. Dass es nicht gut aussieht für die Zukunft menschlichen Lebens auf der Erde, ist also nicht schönzureden. Lässt sich aus dieser Erkenntnis noch ein politischer Veränderungswille ziehen, oder versiegt er in der Resignation vor der existenziellen Bedrohung?

Für die erdrückende Angst ums Klima, die alltägliches und politisches Handeln verunmöglicht, hat sich das Schlagwort Climate Anxiety etabliert. Der Psychologische Psychotherapeut Dr. Steffen Landgraf erläutert jedoch: „Generell ist die emotionale Auseinandersetzung mit der Klimakrise eine gesunde und adaptive Reaktion. Es ist äußerst selten, dass die Auseinandersetzung pathologisch wird. Viel eher werden durch die zusätzliche Klima-Belastung bereits vorhandene Erkrankungen, wie etwa Depression oder Angststörungen, verstärkt oder erneut ausgelöst.« Die Psychotherapeutin und Psychologin Katharina van Bronswijk ergänzt: „Das kann sich dann zum Beispiel so äußern, dass Menschen sehr viel nachgrübeln, nicht mehr schlafen können, vielleicht Panikattacken bekommen – aber das sind tatsächlich sehr, sehr wenige.« Van Bronswijk und Landgraf sind Pressesprecher*innen der Initiative Psychologists/Psychotherapists for Future, die psychologisches Fachwissen in die Klimabewegung hineintragen möchte. Dazu haben sie unter anderem ein offenes Beratungsangebot für Aktivist*innen eingerichtet. Mit überwältigender Angst vor der Klimakrise meldet sich dort so gut wie niemand, erzählen die beiden. Viel häufiger würden Gruppenkonflikte oder individuelle Überarbeitung an die Psychotherapeut*innen herangetragen.

Betrachtet man die Prognosen von Klimawissenschaftler*innen auf der einen und den gesamtgesellschaftlichen Veränderungswillen auf der anderen Seite, scheint die Klimabewegung vor einer viel dringlicheren psychologischen Herausforderung zu stehen: Sie muss der Gesellschaft klarmachen, dass sie sich inmitten einer Katastrophe befindet. Warum diese trotz allgemein bekannter Fakten so häufig verdrängt wird, erklärt van Bronswijk in zwei Schritten: Zunächst fühle sich die Klimakrise auf verschiedenen Ebenen einfach zu weit entfernt an. „Sie wird nicht als akut bedrohlich für eine*n persönlich wahrgenommen und dementsprechend entsteht auch nicht so ein Handlungsdruck.« Und dann würden, selbst wenn man die eigene Betroffenheit wahrnehme, unangenehme Gefühle häufig abgewehrt und verdrängt.

Wie aber lässt sich diese Reaktion überwinden? Das Problem, erläutert Landgraf, liege nicht bei den Emotionen an sich, sondern im Umgang damit. Denn: „Negative Emotionen haben immer einen Grund, da zu sein. Sie haben ein Informationspotenzial, was man dazu nutzen kann, die derzeitige Situation zu verändern und besser zu lösen.« Angst, Wut und Überforderung zu fühlen ist also okay – doch statt sich davon einnehmen zu lassen und das Thema Klima zu vermeiden, können Protest und Aktivismus Wege sein, mit ihnen umzugehen. „Tatsächlich«, erzählt van Bronswijk, „beschreiben ganz viele, die in der Klimabewegung aktiv sind, dass es ihnen besser geht, seit sie in der Bewegung aktiv sind.«

Jenseits dieser individuellen Ebene der Emotionsverarbeitung seien Handlungsfähigkeit und -bereitschaft auch abhängig davon, wie wir über die Klimakrise reden. Dabei sei es ein wichtiger erster Schritt, immer wieder die Fakten zu wiederholen, um auf die Gegenwärtigkeit der Bedrohung hinzuweisen. Gleichzeitig, meint van Bronswijk, müsse die bisher sehr problemorientierte Krisenkommunikation den Blick auch auf Lösungsansätze richten. Es könne nicht nur darum gehen, Katastrophenszenarien auszumalen, denn: „Wir Menschen brauchen nicht nur Vermeidungsziele, sondern auch Annäherungsziele. Wir brauchen noch eine andere Richtung, in die wir uns entwickeln können; etwas, das uns ein Stück weit Hoffnung und Optimismus gibt und worauf wir Vorfreude empfinden können.«

Landgraf ergänzt eine weitere Ebene: „Bei jeder Veränderung besteht erstmal die Möglichkeit des Widerstandes gegen die Veränderung selbst, weil wir lieber erst einmal am Vertrauten festhalten. Bei der Klimakrise greifen die Maßnahmen, die wir ergreifen müssten, vor denen sich auch die Politiker*innen noch scheuen, so tief in unseren Alltag ein, dass wir vor einer echten psychologischen und menschlichen Herausforderung stehen.« Angesichts der Tragweite der anstehenden Veränderungen sieht van Bronswijk die Notwendigkeit, sich grundlegende Fragen zu unserem Zusammenleben zu stellen: „Ich glaube, es geht viel darum, die wahre Natur des Menschen zu erkennen, und zu hinterfragen, ob das Leben, wie wir es jetzt gerade haben, uns wirklich glücklich macht.« So biete die Konfrontation mit der Krise auch Raum für die Erkenntnis, so die Psychologin weiter, „dass unser System, wie es gerade ist, menschliche Bedürfnisse nicht optimal befriedigt.«

Verloren gehen sollte uns also möglicherweise nicht der Glaube an eine bessere Zukunft per se, sondern an einen Fortschritt innerhalb des Bestehenden, an ein leicht modifiziertes ›Weiter so‹. Wirksames politisches Handeln im Angesicht der Klimakrise erfordere, so van Bronswijk, dass Menschen sich wieder als gestalterisch tätige Wesen erleben könnten. „Ich finde, das ist so schön, wenn man mal versteht, ich bin nicht nur ein Rädchen im System, sondern ich bin ein Rädchen im System. Das klingt irgendwie so klein, aber ich hab ja Andockpunkte an dieses System, und wenn ich anders drehe, dann kann sich das große Ganze verändern.«

Negative Gefühle sind also zunächst eine berechtigte Reaktion beim Gedanken an die Zukunft des Planeten. Statt nur im Einzelnen pathologisiert und behandelt zu werden, können sie jedoch zur Suche nach gesellschaftlichen Lösungen ermächtigen. Hier räumt auch van Bronswijk ein: „Da kann man uns in der Verhaltenstherapie auch berechtigt vorwerfen, dass wir den Blick häufig nur auf individuelle Problembewältigung legen.« Allerdings, fährt sie fort, würde die Arbeit der Psychologists for Future wieder mehr ins Bewusstsein rücken, „dass es auch krankmachende Lebensumstände gibt, und dass wir die verändern müssen.« Ein Engagement in der Klimabewegung fängt für viele Aktivist*innen die Überforderung angesichts der Klimakrise auf – möglicherweise nicht nur, weil es Ohnmachtsgefühle lindert und Einzelne mit ihrer Angst nicht alleine lässt, sondern auch, weil in der Bewegung das Gefühl gesellschaftlicher Gestaltungsfähigkeit entstehen kann.

„Demonstrationen und Proteste sind Vorstufen der Bewußtwerdung von Menschen“ – das war schon im Jahr 1967 keine neue Vorstellung, als der Aktivist Rudi Dutschke sie für die westdeutsche Studentenbewegung in einem SPIEGEL-Interview äußerte. Die Philosophin Eva von Redecker führt diesen Gedanken für die sozialen Bewegungen der Gegenwart fort. In ihrem 2020 erschienenen Buch Revolution für das Leben schreibt sie: „Die Erkenntnis, die gesellschaftlichen Verhältnisse gestalten zu können, ist keine einmalige Einsicht, es ist eher eine Erfahrung, die sich im Zuge des Aufbegehrens und der Selbstregierung einstellt und rückblickend verfestigt.“ Im gemeinsamen Protest können also andere Beziehungsweisen ausprobiert werden – zueinander und zur Welt. So ist vielleicht gerade in der kollektiven Verzweiflung über die verlorene Zukunft etwas zu finden, was es schwierig macht, sie schon aufzugeben.

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