Spektakel der digitalisierten Romantik

Immer mehr Studierende nutzen Dating-Apps. Ein großartiger Trend? Eher nicht, würde der Philosoph Guy Debord sagen. Von Aikaterini Mouzaki.

Die große Auswahl an Dating-Apps und potentiellen Dating-Partner*innen. Illustration: Anna Kallidou

Man öffnet Tinder oder eine ähnliche App und beginnt, nach links und rechts zu swipen. Potenzielle Bekanntschaften und Liebhaber*innen tauchen in Sekundenschnelle auf und verschwinden schnell wieder durch einen Fingerstreich. Dating-Apps sind gefährlich für die Zukunft des Soziallebens – sagen zumindest Gleichgesinnte des Philosophen Guy Debord. Dieser vertritt die Theorie, dass wir in einer ›Gesellschaft des Spektakels‹ leben. Man konzentriere sich auf Äußerlichkeiten statt auf reale Erfahrungen, lasse sich kommerzialisieren und versuche, sich als attraktives Produkt auf einem kompetitiven Markt zu verkaufen. Kurzum: Im Spätkapitalismus führen diese Apps innerhalb des Soziallebens zur unbewussten Identifikation mit Erscheinungsbildern. So werden Menschen zum Spektakel, die alle ihre Aktivitäten und Begabungen vor einem Dating-Publikum ausstellen. Trotzdem nutzen viele Studierende solche Apps. 

Hannah* ist 19 Jahre alt und studiert Sozialwissenschaften auf Lehramt. Ihre Motivation, Bumble herunterzuladen, hatte keine tiefsinnigen Beweggründe: „Ich wollte diese Erfahrung machen, um eventuell jemand Nettes kennenzulernen.“ Auch Konstantin (24), Student der Sozial- und Kulturanthropologie, sah Tinder anfangs kritisch: „Meine Haltung gegenüber diesem Trend war zunächst negativ. Digital zu flirten schien für mich dystopisch.“ Trotzdem installierte er sich die App. Vor allem aus Neugier, unterschiedliche Menschen kennenzulernen. „Meine Intention war es, Menschen, die mich begeistern, treffen zu können und sexuell aktiver zu werden.“

Ob eine Person authentisch ist, „kann man schwer oder kaum beurteilen, da man die Person ja gar nicht kennt“, sagt der Philosophiestudent Michael (22). „Es ist nicht auszuschließen, dass sich eine Person so gibt, wie sie gerne sozial gesehen werden möchte. Das Phänomen halte ich aber für normal und unvermeidlich in unserer Gesellschaft.“ Konstantin hat in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gesammelt: „Bestimmt sind Fake-Profile präsent, aber man kann auch ehrliche Konversationen führen.“ Diese können durchaus authentisch sein. „Viele Menschen versuchen, möglichst schnell einen durchlässigen Eindruck zu machen, um in diesem endlosen Dating-Pool direkt Interesse zu zeigen.“ Dass alle Menschen sofort ihre Schwächen offenbaren und absichtlich unperfekt wirken, sieht Dimitra (23), die Jura studiert, anders: „Menschen möchten liebenswert sein und das wird durch solche Apps vereinfacht. Man versucht, egal ob virtuell oder in realer Wirklichkeit, eine möglichst attraktive Version von sich selbst zu präsentieren und lässt Aspekte, die man über sich nicht mag, raus.“

Sind Dating-Apps also doch gar nicht so oberflächlich, wie viele meinen? Nicht mehr als in der wirklichen Welt, sagt Hannah. „Beim Chatten oder auf einem Date lernt man sich immer besser kennen, demnach ist das oberflächliche Beurteilen einer unbekannten Person im realen Leben mehr oder weniger genauso.“ Dass viele Menschen oberflächlich beurteilen, sieht sie nicht so dramatisch: „Viele suchen nach etwas Unverbindlichem und das ist völlig legitim. Schade finde ich das aber natürlich, wenn sich der erste Eindruck ausschließlich auf Oberflächlichkeiten reduziert.“

Zusätzlich schwingt beim Swipen auch immer etwas Negatives mit, sagt Michael. „Dating-Apps ähneln Online-Shopping: Man sitzt einfach da und konsumiert Menschen wie Produkte; swiped mehrmals in beide Richtungen und das war’s – natürlich werden Menschen so kommerzialisiert. Es fühlt sich an, als ob man was online bestellt, und das finde ich schade.“

Leben wir also die Gesellschaft des Spektakels? Debordsche Gleichgesinnte glauben, dass die Zukunft des Datings durch solche Apps in Gefahr sei. Die Studierenden allerdings sehen es nicht so dramatisch. Sie argumentieren, dass die Kommerzialisierung von Personen nicht eine Frage der Virtualisierung und Kommodifizierung des Datings, sondern des allgemeinen Zeitgeistes ist.


* Name geändert. Hannahs richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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