FURIOS verreist: Zuhause im Allgäu

Mitten im tiefsten Allgäu fühlt sich unsere Autorin Lena Rückerl zuhause – obwohl sie die Gegend kaum kennt. Ein Bericht über Familienreisen, die keine Urlaube sind.

Vertraute Person vor neuer Landschaft – so schnell wird ein unbekannter Ort zum gefühlten Zuhause. Foto: Lena Rückerl

In der Ferienserie „FURIOS verreist“ berichten Autor*innen von ihren Erlebnissen unterwegs.

Natürlich hatte ich am Abend zuvor nicht mehr gepackt. Stattdessen hetze ich jetzt durch die Wohnung in der Hoffnung, nichts zu vergessen. Nicht einmal eine Stunde später steige ich verschwitzt am Südkreuz in einen ICE Richtung München. Er ist rappelvoll, freie Sitze kaum vorhanden. Seufzend frage ich einen älteren Mann, der demonstrativ auf sein Tablet starrt, nach dem Platz neben ihm und hieve dann meinen Rucksack auf die Gepäckauflage. Audiofetzen dringen zu mir – die zwei Jungs auf den Sitzen gegenüber zeigen sich gegenseitig TikToks. Über ihnen prangt ein Schild mit der Aufschrift „Ruheabteil“. Mein Sitznachbar liest Berichte über Basketballspiele auf seinem Tablet. Ich versuche, mich auf mein mitgebrachtes Buch zu konzentrieren.

Einige Stunden später: Umstieg am Münchner Bahnhof, ein kurzfristiger Gleiswechsel zwingt schon wieder zur Eile. Gerade noch pünktlich erreiche ich die Regionalbahn nach Lindau. Sofort umwehen mich Gesprächsfetzen in bayerischem Dialekt. Durch die Zugfenster blicke ich bereits in die Dämmerung. 

Gerade schlage ich die letzte Seite meines Buches zu, als die Ansage erklingt: „In wenigen Minuten erreichen wir Kempten Hauptbahnhof, Ausstieg in Fahrtrichtung links.“ Mein Handy vibriert, das Bild meiner Schwester leuchtet auf, ich tippe auf den grünen Hörer: „Bist du schon da? Wir sind in fünf Minuten am Bahnhof.“ Grinsend verlasse ich den Zug.

Zuhause in der Fremde?

Kurz darauf hält ein schwarzer Skoda vor mir und ich kann meine große Schwester in die Arme schließen. Und obwohl ich mich an einem völlig fremden Ort befinde, fühle ich mich doch auf gewisse Art zuhause. Das hört sich kitschig an und vielleicht ist es das auch – besonders für diejenigen, die mit Familie nicht so positive Gefühle verbinden wie ich.

Ich habe meine älteren Geschwister an den unterschiedlichsten Orten besucht, in verschiedenen Städten und Wohnungen. Ich habe mich dabei immer auf gewisse Art zuhause gefühlt, weil meine Geschwister mich ein paar Tage an ihrem aktuellen Zuhause teilhaben ließen. Wir haben gemeinsam die Stadt erkundet, Brettspiele gespielt, gekocht und uns über die Marotten unserer Eltern unterhalten.

Wenn ich zuhause sage, meine ich damit aber nicht zwingend, dass ich mich immer wohl gefühlt habe. Zum Zuhause-Sein gehört für mich auch, dass man ehrlich sein kann, sich nicht verstellen muss. Wir haben uns auch angeschrien, angeschwiegen, gestritten über die belanglosen Dinge und die großen Fragen. Es war und ist nicht immer alles schön, aber welches Zuhause ist schon nur schön.

Die Tage in Kempten habe ich kaum anders verbracht als wäre ich in meinen eigenen vier Wänden gewesen: Lebensmittel einkaufen, kochen, arbeiten am PC, spazieren gehen, ein kleiner Trip in die Innenstadt, aber eben auch lange, intensive Gespräche und gemeinsame Spieleabende.

Ein loses Konzept

Familie verändert sich. Sie wächst und schrumpft. Sie ist vor allem keine Bilderbuchfamilie oder muss es zumindest nicht sein. Sie ist nicht immer Vater, Mutter und zwei Kinder lächelnd in strahlendem Sonnenschein. Da sind die neuen Partner*innen meiner Geschwister, das Adoptivkind meines Bruders und das ungeborene Kind meiner Schwester. Da war das ältere Ehepaar, welches in meiner Kindheit oft auf mich aufgepasst hat, weil ich kaum Großeltern hatte. Aber auch meine neue Mitbewohnerin in Berlin, die nachfragt, wenn sie mich weinen hört. Es sind die Menschen, die sich um mich Sorgen machen und um die ich mir Sorgen mache. Es müssen nicht die Menschen sein, mit denen ich verwandt bin und mit denen ich unter einem Dach lebe.

Die Reisen zu meinen Geschwistern sind und waren für mich immer etwas Besonderes. Sie machen es möglich, dass zuhause nicht an einen Ort gebunden ist. Sie sind selten nur Urlaub, bedeuten nicht immer Erholung und Entspannung. In Kempten habe ich meiner Schwester zuletzt bei der Reparatur ihrer Wickelkommode geholfen. Bei meiner nächsten Reise hat sich meine Familie vielleicht schon wieder vergrößert.

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