Lehre – Forschung – Startup?

Die Freie Universität hilft in ihrer Startup Villa bei Unternehmensgründungen – so wie viele andere Hochschulen auch. Was steckt dahinter? Von Lena Rückerl und Julian Sadeghi

Hier sollen Karrieren als Unternehmer*in starten. Bild: Lena Rückerl

Ein kleines blau-weißes Schild am Zaun. Mehr weist in der vielbefahrenen Altensteinstraße nicht darauf hin, dass die Freie Universität in einer klassischen Dahlemer Villa, unauffällig weiß getüncht, nicht etwa Forschung und Lehre betreibt, sondern Unternehmensgründungen fördert. „Startup Villa” steht auf dem Schild. Anfang des 20. Jahrhunderts war hier einmal das Königliche Astronomische Rechen-Institut beherbergt, nach dem zweiten Weltkrieg richteten die US-Amerikaner den exklusiven Club Melody ein. In den 50ern zog nach Gründung der FU das Historische Seminar ein, später die Universitätsleitung. Zuletzt waren hier das Institut für Religionswissenschaft und die Islamwissenschaftler*innen ansässig. 

Die hätten sogar eine Shisha in der Küche zurückgelassen, erzählt Steffen Terberl schmunzelnd. Terberl ist der Leiter von Profund Innovation, eine Service-Einrichtung der Forschungsabteilung der FU Berlin, die seit 2018 in der Villa beheimatet ist und Startups fördert. Warum die FU das tut? „Transfer”, erläutert Terberl, „ist neben Forschung und Lehre eine der festgeschriebenen Aufgaben der Universitäten.” Deshalb müsse die Universität etwas dafür tun, dass dieser Transfer von Forschung „über Köpfe, also über Startups” realisiert werde. Zehn Mitarbeiter*innen hat die Universität dafür bei Profund Innovation angestellt.

„Die Hochschulen fördern den Wissens- und Technologietransfer zwischen ihren Einrichtungen und allen Bereichen der Gesellschaft. Sie wirken darauf hin, dass die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse im Interesse der Gesellschaft weiterentwickelt und genutzt werden können.”

§ 4 Abs. 5 Berliner Hochschulgesetz

Transfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft – die FU ist bei weitem nicht die einzige Hochschule, die sich diesem Anspruch widmet. Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wirbt mit dem Slogan „Wir machen die Gründer von morgen”, an der Universität Tübingen gibt es eine Start-Up-Academy mit Workshops und an der Universität Köln soll das Gateway Exzellenz Start-up Center eine „Kultur des unternehmerischen Denken und Handelns schaffen”. In Bayern geht man noch weiter: Dort ist eine Hochschulreform geplant, die laut Eckpunktepapier „neue Anreize für die unternehmerische Betätigung der Hochschulen” setzen soll. Dazu gehören unter anderem „Gründungsfreisemester und die Erleichterung für Professorinnen und Professoren, neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit auch unternehmerisch tätig zu werden.” Das Ziel ist allerorten das Gleiche: „Die Wege zwischen Wissenschaft und Wirtschaft noch einmal deutlich verkürzen”, wie es in einem Artikel über die Startup-Villa im Alumnimagazin der Ernst-Reuter-Gesellschaft heißt.

Viele deutsche Hochschulstandorte entdecken seit einigen Jahren die Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft für sich. Dass sie damit auch das angestammte Aufgabenspektrum der Universität verändern, wird jedoch so gut wie gar nicht öffentlich diskutiert. Dabei ist klar: Durch universitäre Startupförderung werden die traditionellen Hochschulaufgaben Forschung und Lehre ergänzt um den Wissenstransfer – nicht mehr länger nur in die Gesellschaft, sondern explizit in das Wirtschaftsleben. Lehrstühle für Gründungslehre und -forschung und Programme wie der Funpreneur-Wettbewerb, die Studierenden unternehmerisches Handeln beibringen sollen, verändern potenziell auch den Blick darauf, was junge Menschen an Universitäten lernen sollten. Unternehmer*innen auszubilden, das war zumindest bislang kein gesonderter Bestandteil des akademischen Bildungskanon.

Auch an der FU ist mit dem Digital Entrepreneurship Hub die Gründungslehre Teil der Startup-Struktur. „Das sind im Wesentlichen die Profs, die Entrepreneurship-Education und Gründungslehre anbieten”, erklärt Terberl. Den Studierenden mehr unternehmerisches Denken und Handeln näherzubringen müsse aber gar nicht darauf hinauslaufen, ein kommerzielles Unternehmen zu gründen. Er sagt: „Man braucht diese Skills hinterher überall.”

Startups, hausgemacht

Die Kosten für die Startupförderung werden vor allem über Drittmittel bestritten. Neben dem Bundesministerium für Wirtschaft gibt es Förderung von der Senatsverwaltung und der EU. Uninahe Institutionen wie die Ernst-Reuter-Gesellschaft oder die Stiftung Charité, Privatpersonen und Unternehmen wie die Berliner Sparkasse sind ebenfalls beteiligt. Aus eigenen Haushaltsmitteln finanzierte die FU hingegen die über 2,5 Millionen Euro teure Sanierung der Villa für die Zwecke der Startup-Förderung.

Betritt man das Gebäude durch den Hintereingang, steht man unmittelbar in der Küche. Vor den hellgrünen Fronten der Küchenzeile erzählt Terberl von lustigen Kochabenden mit den Geförderten. Teil der Villa sind nämlich auch 22 Büros für geförderte Startups. Man verstehe die Startup-Villa als „Inkubator”, erklärt Terberl. Das bedeutet, dass die FU die Startups ganz von Beginn an begleiten möchte, indem sie im Universitätskosmos ein sicheres Umfeld für Gründungen anbietet. Aber er betont auch: „Wir haben das Ziel, die Teams relativ schnell marktfähig zu bekommen.” 

Von der Küche geht es die breite Treppe nach oben, der Blick öffnet sich auf einen großen Konferenzraum. Laut Terberl war dieser ursprünglich als Coworking-Space gedacht: Bunt gepolsterte Stühle und mehrere Tische sind im Raum verteilt. Durch die Pandemie hätten die meisten Startups den Raum aber kaum nutzen können. Hinter raumteilenden Vorhängen erhascht man einen Blick auf mehrere 3D-Drucker.

Teil der Förderung ist auch der Austausch zwischen den verschiedenen Startups: Jeden Donnerstag kommen die Geförderten deshalb hier zusammen, um zu erklären, was sie in der vergangenen Woche erreicht haben, was noch ansteht und welche Probleme sie haben. Aufgrund der Pandemie finden die Meetings hybrid statt. Ein echtes Gemeinschaftsgefühl ist – möglicherweise auch coronabedingt – nicht wirklich zu beobachten. Zwar bieten sich die Gründer*innen gegenseitig Hilfe bei der Vermittlung von Kontakten und bei der Bewältigung von Bürokratie an. Die Zusammenkunft wirkt dennoch eher wie eine steife Pflichtveranstaltung. Mehrmals streikt die Technik. Businessorientiert gibt man sich auf jeden Fall: Der Mitarbeiter von Profund Innovation, der das Meeting moderiert, hat sich standesbewusst vor einem virtuellen Webex-Hintergrund postiert. Darauf abgebildet: der 1. Klasse-Sitz eines ICE. 

Gleich neben der Tür zur Kaffeeküche steht im Meetingraum ein Regal mit Zeitschriften und Broschüren, die unter anderem auf die 15-jährige Geschichte des Förderprogramms zurückblicken. Heute werde das Ganze recht positiv gesehen, die Gründung 2006 war aber nicht unumstritten. „Wenn der Funpreneur-Wettbewerb stattfand und es wurde Werbung im OSI (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Anm.d. Red.) gemacht, haben die noch unsere Flyer verbrannt”, berichtet Terberl ungläubig lächelnd. Mittlerweile gründeten auch Politikwissenschaftler*innen Startups. „Die haben genau verstanden, man muss Wirtschaft selber gestalten und kann das nicht den großen Konzernen überlassen”, glaubt er.

Businessplan statt Seminar

„Ich konnte mir nie vorstellen, dass ich irgendwann in meinem Leben gründen würde”, erzählt Viktoriia Lobova. Sie studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und hat zusammen mit drei anderen Studierenden den Funpreneur-Wettbewerb im Wintersemester 2020/21 gewonnen. Mit ihrem Startup Kunstgeier wollen sie die Kunstszene digitalisieren, erklärt Viktoriia selbstbewusst. Nachdem das Team den Wettbewerb gewonnen hatte, erhielten die Studierenden die Möglichkeit, ihre Ideen in den Räumlichkeiten der Startup-Villa umzusetzen. Auch finanziell werden die vier unterstützt: Die Ernst-Reuter-Gesellschaft förderte die Idee mit gut 4000 Euro – Geld, das laut Viktoriia aber nicht aus dem Haushalt der Gesellschaft, sondern von privaten Investor*innen gekommen sei.

Was sie an der Startup-Förderung der FU besonders schätzt? „Die sehr gute Möglichkeit, das erlernte Wissen in der Praxis zu zeigen und etwas Neues zu lernen.” Auch die Unterstützung durch erfahrene Mentor*innen und die Mitarbeiter*innen von Profund Innovation hebt Viktoriia positiv hervor. Die von den Mitarbeiter*innen angebotene Beratung bei inhaltlichen und rechtlichen Fragen und die angebotenen Workshops, etwa zum Thema Frauenförderung in der Startupszene, seien auch der Unterschied zu „normalen” Startups, die außerhalb des universitären Ökosystems gründen.

Die Universität fördert gut 20 Startup-Teams. Geht man durch die Gänge der Villa, entdeckt man auf den Türschildern Namen wie großjungig, RooWalk oder aureka. Besonders viele scheinen aus dem medizinischen oder psychologischen Bereich zu kommen. Die Entwicklungen reichen von Apps und Online-Plattformen bis zu einer elektrischen Mobilitätshilfe für Kinder.

Terberl erklärt, dass nicht alle der Unternehmen überleben würden, „wobei die Quote bei uns relativ hoch ist – es sind immer noch etwa 60%.” Von diesen bleiben viele der Universität auch später noch verbunden. Der Austausch mit ehemaligen Geförderten soll beibehalten werden und so ein dauerhaftes Netzwerk aufgebaut werden. Ein Werbeaufsteller mit der Aufschrift „NFUSION – We value Startups” weist darauf hin. NFUSION ist Teil der Ernst-Reuter-Gesellschaft, des Fördervereins der FU, und versteht sich laut Terberl als „eine Art Freunde, Förderer und Ehemalige von Profund“. Auch geschäftlich bleibt der Kontakt oft erhalten: Die Universität hält viele Patente für die Erfindungen der Startups.

Im Berliner Hochschulgesetz ist festgelegt, dass der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse im Interesse der Gesellschaft geschehen muss. Dafür gibt es aber keine klaren Kriterien – man habe einen großen Entscheidungsspielraum bei der Frage, ob eine Startup-Idee einen „positiven gesellschaftlichen Impact” habe, räumt Terberl ein. Bei Grenzfällen könne man eine Ethikkommission einsetzen. 

Positiver Effekt auf die Gesellschaft?

Das in der Startup-Villa beheimatete Startup Großjungig AI ist ein gutes Beispiel für das Ergebnis unklarer Förderkriterien. Das Unternehmen vermittelt überschüssigen Wohnraum bei Senior*innen an Studierende, die im Gegenzug etwa beim Einkauf helfen oder den älteren Menschen Gesellschaft leisten. Das Konzept nennt sich „Wohnen für Hilfe” und ist nicht neu. Das Deutsche Studentenwerk schreibt darüber: „Als Faustregel gilt: Pro Quadratmeter bezogenen Wohnraum eine Stunde Hilfe pro Monat. Das macht für ein 15-Quadratmeter großes Zimmer 15 Stunden Mitarbeit monatlich. Die einzigen Kosten, die den Studierenden entstehen, sind die Nebenkosten, wie Strom, Wasser und Gas.” 

Doch Großjungig AI bricht mit diesem auf Solidarität zwischen den Generationen beruhenden Konzept: Die Mieter*innen der durch das Startup vermittelten Zimmer bezahlen zusätzlich zu ihren Hilfsleistungen ganz regulär Miete. Zwar liegt diese nach Aussage des Startups 20% unter dem Marktpreis. Doch damit hören die Kosten für die Studierenden noch nicht auf: Großjungig-Gründerin Anastasia Krasnoperova schlüsselte die Kosten in einem Interview mit dem Tagesspiegel im April 2021 auf. Demnach müssen Vermieter*innen nur einmalig 50 Euro für das Inserat ausgeben, die studentischen Mieter*innen jedoch pro Monat 10% der Warmmiete als Provision an das Startup zahlen. Ob dieses Geschäftsmodell wirklich der Gesellschaft nutzt, erscheint fraglich. Und doch wird es mit Steuergeldern gefördert: Großjungig AI erhielt seit Anfang 2021 durch das Berliner Startup-Stipendium 2000 Euro im Monat.

Helfen durch Gründen?

Viele der FU-Startups verstehen sich als sogenannte Social Entrepreneurships. In den Vereinigten Staaten boomt diese Sonderform des Startups schon seit den 90ern, in Deutschland sei der Trend erst in den letzten zehn Jahren angekommen, erklärt Josefa Kindt. Die Masterstudentin organisiert im Rahmen der Berlin University Alliance ein studentisches Projekttutorium zum Thema „Social Entrepreneurship and/vs. Social Inequality”. Anders als bei gewöhnlichen Startups stehe bei Social Entrepreneurship ein sozialer Zweck im Vordergrund. Die Motivation der meisten Gründer*innen sozialer Startups liege insofern in dem Wunsch, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, erläutert Josefa. „Social Entrepreneurship verkörpert dabei scheinbar die Möglichkeit, sozial oder ,gut’ zu sein und dabei sowohl privat als auch institutionell wirtschaftlich zu überleben.”

Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive erfährt das Konzept des Social Entrepreneurship aber auch viel Kritik. So wirft Josefa die Frage auf, wie es es eine Lösung für soziale Ungleichheit darstellen soll, „wenn seine Existenz auf dem System beruht, welches diese Ungleichheiten konstant (re-)produziert?” Das Konzept sei aus der neoliberalen Logik der Privatisierung geboren und daher überlebensfähiger als „konventionelle“ soziale Projekte, weil es sich der Mittel des hegemonialen Wirtschaftssystems bediene.

FU-Startup-Förderer Terberl betont hingegen, wie sich die FU-Förderung von den äquivalenten Förderprogrammen etwa in Israel oder Großbritannien unterscheide, wo nur solche Ideen unterstützt würden, die der Universität hinterher wieder Geld einbringen: „Das Wichtige an unserem System ist, dass wir auch Dinge fördern können, ohne dass ein Investor da wäre.”

Tritt man aus der Startup-Villa zurück in den Garten, erblickt man durch einen Maschendrahtzaun das weitläufige und verwilderte Nachbargrundstück. Hinter Büschen und Bäumen stehen ungenutzte Gebäude eines ehemaligen US-Militärkrankenhauses. Etwas abseits der Startup-Villa befindet sich ein zugehöriger Infopoint. „Hier bauen wir auf unsere Zukunft”, verkündet dieser. Die Zukunft, das ist das Business and Innovation Center next to Freie Universität Campus, kurz FUBIC. Nach langen Planungen werden die ehemaligen Klinikgebäude in ein Technologie- und Gründungszentrum umgebaut, ähnlich wie der Technologiepark Adlershof. Darin sollen sich hier im Berliner Südwesten später Unternehmen aus den Bereichen Life-Sciences, Gesundheit und Klima ansiedeln; darunter auch Ausgründungen der FU. Das wird aber noch einige Zeit dauern, denn bisher ist auf dem Gelände nur wenig Veränderung erkennbar. 

Bis dahin bleibt noch Zeit, sich weiter damit zu beschäftigen, was die Annäherung zwischen Wirtschaft und Hochschulen für letztere eigentlich bedeutet. Wäre doch ein guter Forschungsgegenstand für die Wissenschaft.

Autor*innen

Julian Sadeghi

Einer der Julian Sadeghis dieser Welt.

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