Der entpolitisierte Campus

Von der Masse der Studierenden ignoriert, von wenigen Engagierten getragen: Die Hochschulpolitik hat einen schweren Stand. Warum ist das so? Und welches Potenzial geht hier eigentlich verloren? Ein Essay von Julian Sadeghi

Der Hörsaal bleibt weiterhin besetzt. Foto: Julian Sadeghi
Studienverlaufsplan oder Streik? Momentaufnahme während des Klimastreiks im Wintersemester 2019/20. Foto: Julian Sadeghi

Beiläufig-schöne Mensagespräche, verträumte Zeit auf abgewetztem Sofa im Studicafe, ausgedehntes Mittagsschläfchen in der Philobib, Hausarbeit-Bibmarathon bis Mitternacht, der Canossa-artige Gang ins Studienbüro (Frist verpasst, unangenehm!) und überhaupt ständig diese sehr großen Konzentrationsprobleme in der vorletzten Reihe des Hörsaals – gleich erstmal Kaffeepause.

November 2021 in Dahlem, das studentische Leben hält wieder vorsichtig Einzug auf dem Campus der FU. Und nun erleben Menschen, die teilweise seit vier Semestern das Identitätsmerkmal “Student*in” in sich tragen, das erste Mal den Ort Universität und erproben die mit ihm verwobenen Kulturtechniken.

Randphänomen Hochschulpolitik

Eine davon könnte auch das hochschulpolitische Engagement sein. Aber so sehr sich die Studierendenvertreter*innen auch zu bemühen versuchen: Hochschulpolitik ist ein echtes Randphänomen. Wahlbeteiligung der letzten Wahl zum Studierendenparlament (Stupa): 7,62 Prozent. Auch die Pandemie und die gigantischen Umwälzungen des studentischen Lebens vermochten im April 2021 kaum mehr als 250 Kommiliton*innen von 30.000 zur Teilnahme an einer Vollversammlung zu bewegen. Hochschulen als Ort des Politischen: nichts als 68er-Nostalgie.

68, die alte Idee von einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ausgehend von den Hochschulen: Das kann eine Stoßrichtung von hochschulpolitischem Engagement sein. Eine andere ist die nach innen gerichtete Perspektive, klassische studentische Interessenvertretung innerhalb der Institution Universität, also mehr oder weniger pragmatisch schauen, was man vor Ort verbessern kann.

Egal wie man auf die Hochschulpolitik blickt, sollte man doch meinen, dass es sich dabei um so etwas wie die Essenz eines mündigen Lebens handelt: die eigene Lebensrealität und das eigene Umfeld mitzugestalten und zu verbessern. Warum tun das ausgerechnet an der Universität, diesem Hort der Gebildeten und Bessergestellten, besonders wenige? Was ist da los?

Ist es der neoliberale Leistungsdruck der letzten Jahrzehnte?

Die Kasseler Politikwissenschaftlerin und Juristin Sonja Buckel identifiziert in einem im April 2021 erschienenen Zeitungsartikel die sogenannte unternehmerische Hochschule als zentralen Faktor der studentischen Depolitisierung. Darunter verstehen Kritiker*innen knapp zusammengefasst die Abkehr von der selbstverwalteten demokratischen Universität und die Hinwendung zu einer Unternehmenslogik. Konkret: Fixierung auf mächtige Unileitungen, die mit ihren Hochschulen im Wettbewerb zueinander stehen, zum Beispiel in Gestalt der Exzellenzinitiative. Buckel spottet:

 „Ein ‚Workload’, der mit ‚Credit Points’ vergolten wird in Bachelor- und Masterstudiengängen, die den Magister und das Diplom ersetzten, die Modularisierung der Studiengänge, Akkreditierungsagenturen, Zielvereinbarungen, Exzellenzinitiativen, Drittmitteldruck, Peer-Review und prekäre Arbeitsverträge hatten die Hochschulen bereits vor Corona so auf Wettbewerb getrimmt, dass es nur konsequent war, als eines Tages die Universität Frankfurt eine Unternehmensberatung anheuerte.“

Diese Neoliberalisierung der Hochschulen hat laut Buckel Konsequenzen. So sieht sie das Ausbleiben der studentischen Streiks als offenkundigste Folge der unternehmerischen Hochschule: „Diese gehörten seit Ende der 1960er Jahre mit konjunktureller Regelmäßigkeit zur Normalität der Universität – die letzten großen fanden 2003, dann 2005/2006 und 2009 statt. In jenen Streiks, in denen Generationen von Studierenden politisch sozialisiert wurden und in denen soziale Beziehungen entstanden, die meist ein Leben lang hielten, wurden alle wesentlichen Verbesserungen erkämpft, zuletzt die Abschaffung der Studiengebühren.“

Alle sind politisch niemand ist politische*r Student*in

Buckel unterschlägt dabei jedoch die erfolgreiche Berliner TV-Stud-Kampagne der Jahre 2017 und 2018 und vor allem die bundesweiten Klimaproteste des Wintersemesters 2019. Allein an der FU wurde im Rahmen der Public Climate School eine Woche lang ein Hörsaal besetzt. Für viele Studierende war es der Beginn ihrer Politisierung. Aber: Die Proteste waren verspätete Adaptionen der Schüler*innenbewegung Fridays for Future. Einen spezifisch studentischen Inhalt hatten sie nicht. Und die Politisierung der Klimastudis führte dann auch wohl eher nur vereinzelt zu einem Interesse an Hochschulpolitik. Offenbar wenden sich Studierende heute zumeist Themen zu, die junge Menschen bewegen, aber nicht genuin universitär sind – sondern sich bestenfalls in der Uni als einem von vielen gesellschaftlichen Bereichen widerspiegeln.

Denn es ist natürlich ein Irrglaube, dass die Studierenden apolitisch wären. Bei vielen ist das Gegenteil der Fall. Sie sind engagiert, und die Coronakrise hat das nicht verändert. Fridays for Future, Ende Gelände, Deutsche Wohnen & Co. Enteignen, die Liste lässt sich erweitern. Breitenwirksamer Aktivismus von Studierenden beschäftigt sich aber heutzutage eben nicht mehr mit einem wichtigen Teil der eigenen Lebensrealität – das sind die Unis selbst und die an ihnen herrschenden Studienbedingungen. 

Das zeigt sich auch daran, dass in den letzten Jahren an der FU vor allem diejenigen Hochschulgruppen großen Zulauf hatten, die Ableger von nichtstudentischen Initiativen sind, nämlich die oben angesprochenen Fridays for Future und (wenngleich gehemmt durch die Pandemie) die Vergesellschaftungsinitiative. Hochschulgruppen, die sich im Ausgangspunkt mit der Hochschule selbst beschäftigen, sind, abgesehen von den Fachschaftsinitiativen, dagegen eher ins Hintertreffen geraten. Gesamtgesellschaftlich betrachtet treten die politischen Studierenden kaum noch in ihrer Identität als Student*innen in Erscheinung. Der Bewegungsforscher Simon Teune schlussfolgerte daraus Anfang 2020 im Gespräch mit der FURIOS:

 „Diese fehlende Sichtbarkeit von studentischem Aktivismus führt dazu, dass sich die gesellschaftliche Gruppe der Studierenden nicht mehr so selbstverständlich als politisch versteht.“

Hinzu kommt, dass sich das studentische Leben in Berlin – viel mehr als in kleinen Unistädten – wohl immer schon im Spannungsfeld zwischen dem Dasein als Student*in einerseits und dem als junger Mensch in aufregender Stadt andererseits befunden hat. Warum in Dahlem sein, wenn man auch in Neukölln sein kann? Da verwundert es dann auch nicht, dass sich heute kaum eine*r noch hochschulpolitisch engagiert. Warum ausgerechnet die Uni politisch mitgestalten, wenn man in dieser Stadt an jeder Ecke anderweitig politisch aktiv sein kann?

Die Talare sind noch lange nicht ausgelüftet

Verstärkt wird diese Entwicklung noch durch die inneruniversitären Machtstrukturen, die zum Desinteresse der Studierenden an hochschulpolitischer Teilhabe beitragen. Die Machtasymmetrien mit ihrer einbetonierten professoralen Hegemonie werden nur durch Partizipationsspielwiesen wie den „Strategieprozess Studium und Lehre“ angereichert. Dieser läuft, anders als es im Rahmen der regulären universitären Gremien der Fall wäre, streng nach den vom Präsidium gesetzten Regeln ab. Dadurch wird studentischer Gestaltungswille an der Universität erstickt, der Topos der irrelevanten Hochschulpolitik nur immer weiter verstärkt. Wer nicht das Gefühl hat, auch mal etwas durchsetzen zu können, wendet sich ab.

Dabei hat die Gruppe der jungen politischen Menschen zahlenmäßig nirgendwo so eine große Mehrheit wie an der Hochschule. 30.000 Studierende kommen an der FU auf ein paar Hundert Professor*innen und ein paar Tausend Mitarbeiter*innen. (Wobei die Widerstände gegen eine demokratischere Uni bei letzteren ohnehin gering sein dürften, man denke nur an den Twitter-#ichbinhanna.) Auch wenn es auf den ersten Blick ein wenig naiv wirkt: Was spricht eigentlich gegen den Versuch, die alte 68er-Idee wieder aufzugreifen, sich der zahlenmäßigen Handlungsmacht in der eigenen Institution wieder bewusst zu werden und auch aus ihr heraus zu versuchen, Wandel anzustoßen?

Zurückhaltung, bitte!

Eigentlich nicht viel, wenn da nicht die deutschen Verwaltungsgerichte wären. 1969 und 1979 entschied das Bundesverwaltungsgericht in zwei Grundsatzurteilen, dass die Studierendenvertretungen kein allgemeinpolitisches Mandat haben, sich also gar nicht in ihrer Rolle als Studierende zu Themen positionieren dürfen, die nicht nur ihre Rolle als Studierende betreffen.

Mittlerweile vertreten die Verwaltungsgerichte die sogenannte „Brückenschlagtheorie” – wenn die Studierendenvertretung in ihren öffentlichen Äußerungen also grob gesprochen „eine Brücke schlägt” von hochschulpolitischen Themen zu allgemeinpolitischen Themen, ist das legal. Die kritikwürdige juristische Dogmatik hinter dieser Rechtsprechung einmal beiseite gelassen, führt sie vor allen Dingen zu inhaltlicher Selbstbeschränkung auf Seiten der Studierendenvertreter*innen. Denn die Geldstrafen für ein zu großes Hinauswagen aus der hochschulpolitischen Deckung waren in der Vergangenheit enorm. Zurückhaltung ist schlicht eine finanzielle Notwendigkeit.

Wenn also die These zutrifft, dass sich politische Studierende heutzutage noch viel stärker als früher vor allem für große, gesamtgesellschaftliche Fragen interessieren und engagieren, die Studierendenvertretungen ihnen aber wegen konservativer Gerichtsentscheidungen dafür kein Vehikel bieten können – dann verwundert es wenig, dass kaum eine*r die Hochschulpolitik für relevant, geschweige denn interessant hält.

Entpolitisierte Universitäten

Der Politikwissenschaftler Julian Schenke hat in seiner Dissertation „Student und Demokratie“ das politische Selbstverständnis von Studierenden untersucht. Er beobachtet eine „fundamentale Abkehr der deutschen Studierenden von dem Anspruch der politischen Gestaltung der Gesellschaft kraft der in die Zukunft einer besseren Gesellschaft hinausdeutenden Reformierung der Universität”. Diese historische Bruchlinie, die die Phase der Universität als umkämpftes Labor gesamtgesellschaftlichen Fortschritts beendete, verortet Schenke in den 1980er und 1990er Jahren. Schenkes These bietet einen Erklärungsansatz für die heutzutage vorherrschende gedankliche Trennung vom politischen Leben an der Universität einerseits und dem in der restlichen Welt andererseits.

Und in der Tat: Der kürzlich beendete Erneuerungsprozess des Berliner Hochschulgesetzes hat trotz oder gerade wegen seiner hochschuldemokratischen Ambitionslosigkeit kaum eine*n Student*in interessiert – geschweige denn ermuntert, die Demokratiedefizite an den Unis zu bekämpfen, um daraus dann auch noch allgemeinpolitische Gestaltungsansprüche abzuleiten.

Wofür eigentlich streiten?

Mit allen beschriebenen Problemen verschränkt ist ein Phänomen, das Schenke als „Mangel an studentischem ‚Standesbewusstsein‘“ beschreibt. Dieser gehe mit einem „Mangel an als verbindlich empfundenen politischen Projekten, Zielen und Utopien“ einher, „auf die das Bildungspathos jenseits der Privilegienverteidigung hinauslaufen könnte.“ Es mangelt also an breitenwirksamen spezifisch studentischen Themen. Schenke führt weiter aus: „Es fehlt insbesondere an Organisationskompetenzen und Assoziationsformen, die es ermöglichen, aus der Masse der Studierenden ein politisches Subjekt zu formen […].”

Man könnte ergänzen: Es fehlt auch an Stichwortgebern, die mit neuen Ideen die Vision einer besseren Universität zu zeichnen und damit das Interesse der Studierenden auf ihre Eigenschaft als ebensolche zurückzulenken vermögen. Die heutigen Studierenden haben für die hochschulpolitische Praxis jedenfalls keine theoretischen Vordenker*innen und Mentor*innen.

Ausdruck dessen ist, dass unter vielen heute hochschulpolitisch assoziierten Studierenden die Strahlkraft der Zeit um ‘68 weiterhin groß ist. Wohl auch deshalb, weil es seitdem nicht wieder gelungen ist, aus den Hochschulen heraus eine vergleichbare, die gesamte Gesellschaft in den Blick nehmende Bewegung anzustoßen.

Unterm Strich stehen 7,62 Prozent Wahlbeteiligung bei der Wahl zum Stupa. Das ist eine demokratische Bankrotterklärung. Für wen auch immer.

Ist es also vielleicht einfach an der Zeit, die Idee der Universität als politischen Ort zu Grabe zu tragen? Sich im Klappmobiliar des Servicedienstleisters Universität bestmöglich zurückzulehnen und dem powerpointgestützten ultimativen Bildungskonsum zu frönen? Sich vom Campus Management über den Campus managen und schnurstracks in Richtung Abschluss administrieren zu lassen?

Kann man natürlich machen. Deutlich spannender wäre das studentische Leben, wenn eine längst überfällige Debatte über ein begeisterungsfähiges und konsistentes modernes Universitätsverständnis entstünde, das sich der Tendenz zum Unternehmerischen und der autoritären Machtkonzentration bei Präsidien und Rektoraten entsagt, Transparenzdefizite, Entdemokratisierung und Bologna-Verschulung anprangert, sich als Lösungsvorschlag aber nicht bloß in Träumereien über 1968 verliert.

Es spricht ja auch nichts dagegen, diesen Prozess mit einem subversiven Nickerchen in der Philobib einzuleiten.

Autor*in

Julian Sadeghi

Einer der Julian Sadeghis dieser Welt.

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