Neues Semester, neue Regeln: Chaos oder Chance?

Nach drei Semestern können wir endlich zurück an den Campus – mit einer Reihe von neuen Regeln. „So kann es nicht weitergehen”, kommentiert Gesine Wolf, während Peregrina Walter anderer Meinung ist: „Es ist okay, sich weiterzuentwickeln. Das gilt auch für eine Universität.” 

Die Bibliothek – für die einen eine Konzentrationsoase, für die anderen ein potentieller Infektionsherd. Foto: Gesine Wolf

So kann es nicht weitergehen.

Gesine Wolf

„Zurückbleiben bitte!“, tönt es aus den Lautsprechern, während noch schnell eine Person in die U-Bahn springt. Ich erkenne an ihrem FU-Rucksack, dass sie wie ich und wahrscheinlich die meisten in der Bahn zur Uni fährt. In meinem ersten Präsenzsemester seit  Beginn meines Studiums an der FU, verstehe ich endlich, was alle mit der „maßlos überfüllten U3“ meinen. 

Wie war das jetzt nochmal?

Später in meinem Italienisch Kurs ermahnt die Lehrerin ein paar Studierende, sich eine FFP2 Maske aufzusetzen, während sie selbst keine tragen muss. Dann treffe ich mich mit einer Freundin, um in der Mensa Mittag zu essen und fühle mich ein bisschen, als wäre ich wieder in der U3. Mit einem gefüllten Magen schlendere ich durch die K-Straße zu meinem letzten Kurs heute. 

Zu meinem Erstaunen sind außer mir nur fünf Leute da, unser Dozent aber nicht. Es stellt sich heraus, dass die heutige Sitzung im Gegensatz zur letzten Woche online stattfindet. So sitzt schließlich ein Fünftel des Kurses mit Kopfhörern still vorm Laptop und verfolgt die Folien. Ein wirklich komisches Gefühl…

Klartext bitte!

So sehr ich es auch genieße, endlich in die Uni zu dürfen, finde ich das Hygienekonzept noch verwirrend. Regeln scheinen mir unklar kommuniziert, Kurse, die zur Hälfte online stattfinden willkürlich und eine überfüllte Mensa widersprüchlich, wenn Vorlesungen aufgrund zu vieler Teilnehmer*innen nicht stattfinden dürfen. Versteht mich nicht falsch – ich bin unglaublich froh, die belebte Uni endlich von innen zu sehen, denn so wie in den ersten zwei Semestern meines Studiums kann es für mich nicht weitergehen. Endlich habe ich die Chance, wirklich Leute kennenzulernen, nicht mehr im Pyjama vorm Laptop zu sitzen und tatsächlich so etwas ähnliches wie Produktivität zu spüren, wenn ich in der Bibliothek in Ruhe lernen kann. 

Trotzdem sollte es nach drei langen Online-Semestern nicht zu viel verlangt sein, ein sinnvolles Hygienekonzept zu entwickeln. An manchen Stellen wirkt es so, als hätte man auf den letzten Drücker ein halbwegs funktionierendes Konzept aus dem Boden gestampft. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Uni sich an viele Vorgaben der Politik halten muss. Deshalb möchte ich meinen Vorwurf auch an die Politik richten: Es darf nicht nur darüber gesprochen werden, wann Schulen geöffnet werden sollen. Auch an die circa 200.000 Studierenden in Berlin muss ein Gedanke verschwendet werden, die zum Teil alleine in eine fremde Stadt ziehen, um dann ein Jahr in Einsamkeit vor dem Laptop zu verbringen.

Veränderung? Ja, bitte.

Peregrina Walter

Endlich wieder Präsenz! Nach drei Semestern Konzentrationsstörungen, Internetproblemen und Isolation ist es schön, wenn man endlich wieder seine Kommiliton*innen in den Arm nehmen, sich über endlose Schlangen in der Mensa aufregen oder die Ruhe in der Bibliothek genießen kann.

Also alles wieder wie früher! Oder? Ne, eigentlich nicht. Und ich finde, das ist auch gut so. Denn die Pandemie war ein Anstoß, etwas mehr Flexibilität in den Unialltag zu bringen.

Selbstorganisation – anstrengend, aber notwendig

Zugegeben, die aktuelle Situation erfordert ein hohes Maß an Selbstorganisation. Jedes Seminar hat seine eigenen Regeln. Mal müssen sich Studierende in Gruppen aufteilen, die dann jeweils nur zu festen Terminen online oder in Präsenz teilnehmen können; mal gibt es Listen, in die man sich rechtzeitig eintragen muss. Im schlimmsten Fall folgt im Stundenplan eine Online- direkt auf eine Präsenzsitzung und es fehlt an Räumen, in denen man ungestört arbeiten kann. Da gibt es noch einiges an Verbesserungsbedarf.

Es ist okay, sich weiterzuentwickeln“

Aber ein Zurück in das Leben vor der Pandemie muss jetzt auch nicht sein. Wer wie ich im Master steckt und viel arbeiten muss, um sich die letzten Semester zu finanzieren, ist froh, wenn er*sie nicht jeden Tag 50 Minuten zur Uni fahren muss. Außerdem hat sich die Arbeitswelt durch die Pandemie auch verändert und hybride Modelle gehören mittlerweile in fast jedem Büro dazu. Warum muss das in der Uni anders sein?

Es ist okay, sich weiterzuentwickeln. Das gilt auch für eine Universität. Gute neue Ideen aus den letzten Semestern dürfen gern übernommen werden. Warum die Kommiliton*innen mit dem ewig gleichen Referat langweilen, wenn man als Teilnahmebedingung auch einen Podcast oder Video-Beitrag erstellen kann.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei

Außerdem bitte nicht vergessen: Die Pandemie ist nicht vorbei. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland steigt wieder und hat laut Robert Koch-Institut die Höchstwerte aus dem Jahr 2020 längst überschritten. Neuinfektionen machen auch vor vollständig geimpften Personen nicht halt und wir müssen alle vorsichtig sein.

Die Rückkehr zu reinen Online-Seminaren wird aktuell vielerorts wieder diskutiert. Auch wenn wir alle erschöpft sind und uns nach Normalität sehnen – es ist wichtig, für solche Fälle flexibel zu bleiben. Wem es in dieser Lage zu heikel ist, in die Uni zu kommen, hat nach dem aktuellen Modell wenigstens in vielen Seminaren die Möglichkeit, von Zuhause aus zu arbeiten.

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