Die Macht der Muttersprache

Was ist eigentlich Muttersprache? Hat jede*r eine Muttersprache oder haben manche vielleicht mehrere? Und welche Rolle spielt dabei die Gesellschaft? Diese und weitere Fragen wurden in der Podiumsdiskussion Mythos Muttersprache behandelt. Gesine Wolf war dabei und berichtet.

Wie wird Muttersprache eigentlich definiert? Illustration: Laura von Welczeck.

Ich würde ja gerne etwas in meiner Muttersprache sagen, aber ich weiß nicht, ob alle dem Österreichischen mächtig sind.” Damit begrüßt Karin Gludovatz vom Dahlem Humanities Center der Freien Universität das Publikum. In der Podiumsdiskussion Mythos Muttersprache soll es an diesem Abend darum gehen, was hinter dem Konzept Muttersprache steckt und welche soziolinguistischen Aspekte dabei eine Rolle spielen. 

Drei Gäste stellen die Moderatoren Matthias Hüning und Horst Simon vor, die anhand ihrer eigenen Erfahrungen diskutieren, was hinter dem Mythos Muttersprache steckt. Olga Grjasnowa ist Schriftstellerin, u.a. von dem Buch Die Macht der Mehrsprachigkeit. Über Herkunft und Vielfalt. Zu ihrer Rechten steht Maik Walter, Direktor der Gilberto-Bosques-Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg, und Lehrer in Fremdsprachen. Friederike Lüpke ist Afrikanistin an der Universität Helsinki und forscht zu afrikanischen Sprachen vor dem Hintergrund der Muttersprache.

Stereotypisierung durch Muttersprache

Die Diskussion beginnt und ich komme kaum beim Mitschreiben hinterher, weil ein guter Beitrag nach dem anderen folgt. Lüpke beschreibt Muttersprache als „Missverständnis, Gewaltanwendung und Enteignung.” Demnach würden Dialekte als zweitklassig bewertet. Die Standardsprache dagegen, die oft aufgezwungen werde, bringe immer mehr Prestige mit sich. 

Grjasnowa steigt ins Gespräch ein. Sie wuchs mit Russisch als Muttersprache auf und lernte nach ihrer Migration im Kindesalter Deutsch. Da sie aber aus eigener Sicht Deutsch besser beherrscht als Russisch, fragt sie sich, welchen Messwert Muttersprache hat? Ab wann handelt es sich um eine Muttersprache und wie gut muss man diese sprechen? 

Grjasnowa kritisiert außerdem, dass sie durch ihre Muttersprache oft in Schubladen gesteckt werde. Auch der Moderator Horst Simon hat mit diesem Schubladendenken Erfahrungen gemacht. Er selbst wurde als Deutschlehrer abgelehnt, „weil sein süddeutscher Akzent zu stark” gewesen sei. Walter erklärt, dass die zu lehrende Sprache oft in „muttersprachlicher Kompetenz” beherrscht werden muss. 

Aber wie genau ist „muttersprachliche Kompetenz” definiert und wo sind die Grenzen, wenn Leute wie Horst Simon „zu süddeutsch” sprechen? Ich begreife, dass Muttersprache eigentlich mit Standardsprache gleichgesetzt wird und Dialekte oder Akzente gesellschaftlich als Defizite wahrgenommen werden. 

Mehrsprachigkeit ist auch eine Muttersprache

Das Gespräch dreht sich nun um den Einfluss von Mehrsprachigkeit auf die Muttersprache. Sie gehe oft mit Identitätsproblemen Hand in Hand. Menschen, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, hätten nicht die eine Muttersprache und könnten deshalb mit Identitätsfragen zu kämpfen haben. Lüpke stellt dahingehend fest: „Mehrsprachigkeit ist auch eine Muttersprache.” 

Mehrere Sprachen zu sprechen erscheint mir auf den ersten Blick als Privileg. Es stellt sich allerdings heraus, dass dies nicht immer der Fall ist. Während bilinguale Schulen, an denen außer Deutsch auch noch Englisch oder Französisch gesprochen wird, hohes Ansehen genießen, gebe es auch sogenannte Problemschulen, wo neben Deutsch auch Arabisch oder Türkisch gesprochen wird. Es gebe bereits Versuche, Türkisch, die zweithäufigste, gesprochene Sprache in Berlin, an den Schulen zu lehren. Jedoch gebe es viel Gegenwind, erklärt Walter.

So scheint es also privilegierte und unprivilegierte Sprachen zu geben, weshalb Mehrsprachigkeit gesellschaftlich ganz unterschiedlich bewertet wird. Lüpke meint, dass es speziell in Deutschland ein Problem sei, wenn Deutsch nicht auf Muttersprachniveau gesprochen werde. 

Wenn du gut Deutsch sprichst, gehörst du dazu  

Durch Muttersprache kann also auch Zugehörigkeit oder Ausgrenzung entstehen. Für Lüpke ist Muttersprache ein Konstrukt: Es vermittle in Deutschland Zugehörigkeit, „wenn du gut Deutsch sprichst, und Ausgrenzung, wenn du einen starken Dialekt oder Akzent hast.“ So würden Generationen deutscher Muttersprachler*innen nicht als diese akzeptiert, obwohl eigentlich vermittelt wird: Wenn du gut Deutsch sprichst, gehörst du dazu.

Was also bedeutet Muttersprache? Gibt es Muttersprache überhaupt oder ist sie nur eine Erfindung, um Menschen zu kategorisieren? Mir bleiben nach der Diskussion viele Gedanken, mit denen ich mich vorher noch nie auseinandergesetzt habe.

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