Islamische Demokratie: geht das?

2016 stellte die AfD die Frage: Kann der Islam auch Demokratie? Dem Thema widmete sich der Vortrag „Islamische Demokratie: Historische Grundlagen und Projektionen“, den sich Charlotte Aebischer anhörte und hier berichtet.

Ägyptische Demonstrant*innen verlangen die Absetzung des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak. Bild: Ramir Raouf, Lizenz: CC BY-ND 2.0.

Zehn Jahre nach den Aufständen des arabischen Frühlings bleibt der Großteil der muslimischen Nationen im Nahen Osten fest in autokratischen Händen. Die Schlussfolgerung der AfD, der Islam sei nicht mit Demokratie vereinbar, ist jedoch unbegründet. Im Rahmen der Vortragsreihe „Die vielen Anfänge der Demokratie“, zeigte Prof. Gudrun Krämer, ehemalige Direktorin der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies, welche Grundlagen die Religion für den Aufbau von demokratischen Staaten bietet. 

Im siebten Jahrhundert auf der Grundlage der Offenbarung des Propheten Mohammed entstanden, ist der Islam heute die zweitgrößte Weltreligion nach dem Christentum. Um zu verstehen, wie sich Demokratie im Islam verankern lässt, bezieht sich Krämer auf die Scharia. Das sogenannte islamische Recht geht aus der heiligen Schrift, dem Koran und der prophetischen Tradition Sunna hervor. Die Professorin argumentiert, dass sich daraus essentielle Prinzipien zur Gestaltung des politischen Raums ableiten lassen.

Demokratische Ansätze im Islam

Zum einen rechtfertige das im Koran vorhandene Prinzip der Stellvertreterschaft – Gott habe die Menschen als Stellvertreter*innen auf die Erde gesandt – den Anspruch auf Teilhabe am politischen Geschehen. Als Stellvertreter*innen Gottes werde ihnen eine Verantwortung zuteil, die theoretisch mit Rechten und Pflichten einhergehe. In der Praxis ist vieles Interpretationssache: Sowohl im Koran, wie auch in der Bibel, ist beispielsweise die Erhaltung der Schöpfung festgehalten. Daraus könne man, so Krämer, eine Grüne Agenda ablesen, die sich für Natur und Umwelt einsetzt. 

Des Weiteren wird der Prophet Mohammed im Koran explizit dazu aufgerufen, sich mit dem Volk zu beraten. Obwohl diese kollektive Entscheidungsfindung, auch als Shura bekannt, sehr vage sei, ließen sich geschichtliche Anwendungsbeispiele dafür finden. So erklärten in der syrischen Hauptstadt Damaskus im Jahr 661 nach Christus ein Teil der Muslim*innen die Monarchie der arabischen Dynastie der Umayyaden für nicht islamisch. Aus der Shura leiteten sie das Recht auf Widerstand ab. So entstand der erste islamische Bürgerkrieg, welcher die Grundlage für die Spaltung zwischen Sunnit*innen und Schiit*innen, den zwei größten Glaubensgruppen innerhalb des Islams, bildet.

Was steht der Demokratie im Weg?

Den demokratischen Ansätzen des Korans stünden jedoch einige Einschränkungen im Weg. Bis zum 19. Jahrhundert habe es schlicht kein Verständnis des islamischen Volkes als Gemeinschaft gegeben. Auch die für lange Zeit übermächtige, monarchische Tradition, die in Ländern wie Saudi-Arabien noch immer aktuell ist, habe kaum zur Weiterentwicklung der demokratischen Ansätze beigetragen. Hinzu kommen die zahlreichen Einmischungen europäischer Mächte im Nahen Osten, die auch nicht gerade förderlich für die Demokratie waren: Man denke an die Unterstützung des iranischen Herrschers Moffazar ad-Din Schah, Anfang des 20. Jahrhunderts bei der Unterdrückung seines eigenen Volkes, das sich im Rahmen der Verfassungsbewegung gegen ihn aufgelehnt hatte.

Am stärksten sollen sich diese Einschränkungen heute darin widerspiegeln, dass sich im Nahen Osten, anders als in Europa, noch immer keine starken demokratischen Normen und Institutionen durchsetzen konnten. Ohne solche Institutionen, betont Krämer, würde es dem Volk gegenüber allmächtigen Herrschern immer an Durchsetzungskraft fehlen. 

Obwohl es noch keine standfeste, islamische Demokratie gibt, biete die Geschichte ein Repertoire an politischen Ereignissen, welche durchaus Anknüpfungspunkte für eine demokratische Tradition liefern. Die These der AfD, der Islam und die Demokratie seien unvereinbar, lässt sich also ohne weiteres widerlegen. Was offen bleibt ist die Frage, wie eine Verankerung der Demokratie in islamischen Ländern gelingen kann. Sind die Proteste des arabischen Frühlings ein Zeichen für die stetig voranschreitende Verinnerlichung demokratischer Grundvorstellungen in islamischen Ländern?

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