„Sesam öffne dich!“

Die Chance auf Bildung – für Einige selbstverständlich, für Andere weit weg. Wie strukturell diese Ungleichheit ist und was politisch geändert werden muss, hat Caroline Blazy bei der Veranstaltung „Bildung schafft Lebenschancen: Wege aus der Ungleichheit“ erfahren.

Bildung hängt in Deutschland immer noch zu sehr von persönlichen Lebensumständen ab. Bild: Pixabay.

Bildungsgerechtigkeit in Deutschland? Weit gefehlt: Viel zu oft entscheiden immer noch finanzieller Background und Habitus über den weiteren Bildungsweg. Wie gelingt lebenslanges Lernen? Und welche Rolle spielt die Politik? Diese Themen wurden in der Online-Veranstaltung „Bildung schafft Lebenschancen: Wege aus der Ungleichheit“ Mitte Januar behandelt. Dazu referierte die Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) Jutta Allmendinger. Dem Vortrag, der im Rahmen von „50 Jahre VHS im Landkreis Konstanz“ stattfand, folgte eine Podiumsdiskussion mit drei weiteren Gästen aus den Bereichen Bildung, Forschung und Politik.

Jutta Allmendinger, aufgrund der verschärften Pandemielage digital zugeschaltet, steigt gleich zu Beginn ihres Vortrags mit einer Reihe von Vorteilen ein, die höhere Bildung mit sich bringt: stärkeres Selbstbewusstsein sowie Resilienz, bessere Aussichten bei der Partner*innensuche, günstigere Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sowie nicht zuletzt ein höheres Einkommen. Doch auch die Gesellschaft profitiere von einer hohen Bildung, denn sie könne zu einer Stabilisierung der Demokratie beitragen und schließlich auch Teilhabe und Pluralität fördern.

Sag mir, wo du herkommst

Schon im frühen Kindesalter, dem Fundament für die weitere menschliche Entwicklung, zeigt sich jedoch, wie exklusiv Bildung ist. Denn, ob ein Kind überhaupt die Kita besuche, hänge stark von der sozialen Herkunft ab. Bekannt ist schon länger, dass es auch im weiteren Verlauf des Lebens nicht einfacher wird. Im Gegenteil: Bei Kindern aus Arbeiter*innenfamilien nimmt die Übergangswahrscheinlichkeit auf das Gymnasium ab, ein Studium wird weniger häufig aufgenommen.

Die zunehmende Segregation innerhalb der Städte forciere diese Entwicklungen, sagt Allmendinger. Schulklassen würden immer homogener und bestünden in einigen Gegenden zu 90 Prozent aus Kindern mit Migrationshintergrund. Auch Privatschulen treiben die Separierung voran; fast jedes zehnte Kind in Deutschland besucht eine solche Schule – Bildung als Konsumgut?

Die Veranstaltung der Uni Konstanz klärt über strukturelle Ungleichheit im Bildungsbereich auf.

Die anschließende Podiumsdiskussion mit Gästen, die vor allem eines sind, nämlich „eine weiße, homogene und privilegierte Runde“, so die Moderatorin AC Coppens, setzt da an, wo Allmendinger mit ihrem Vortrag aufgehört hat. Marius Busemeyer, Sprecher des Exzellenzclusters The Politics of Inequality der Universität Konstanz, stellt fest: „Bildung ist vom Grund her ambivalent. Sie befähigt einerseits sozialen Aufstieg, verstärkt andererseits soziale Spaltung.” Trotzdem sei das Bildungssystem der Schlüssel, um Ungleichheiten aufzubrechen. Elke Großkreutz, Schulleiterin einer Gemeinschaftsschule in Konstanz, meint: „Ein reiches Land wie Deutschland gibt deutlich zu wenig für Bildung aus.”

A long way to go

Die Forderungen sind klar: ein Abbau der Bildungsarmut, gleiches Recht für alle. Und konkret? Es bräuchte, laut Allmendinger, eine Föderalismusreform, denn Bildung ist immer noch zu sehr Ländersache. Geringere finanzielle Bildungshürden seien wichtig, um Familien mit niedrigerem Einkommen zu entlasten. Auch eine stärkere Durchmischung von Wohnvierteln zahle sich in puncto Bildung aus. Zudem brauche es mehr multiprofessionelle Teams an den Schulen: neben Lehrenden auch Psycholog*innen sowie Sozialpädagog*innen. Schüler*innen sollten schon früh längere Praktika machen, damit ihnen einen Einblick in die „reale Welt“ ermöglicht werde.

Und schließlich hört Bildung auch nicht mit dem Schul-, Ausbildungs- oder Uniabschluss auf. Eine vergleichbare Institutionalisierung für lebenslanges Lernen sei in Deutschland jedoch nicht vorhanden und massive Umschulungsangebote, und zwar nicht erst im Falle eines Jobverlustes, würden dringend benötigt. „Prävention statt Reaktion“, fordert Allmendinger in diesem Zusammenhang. Ute Seifried, Bürgermeisterin der Stadt Singen appelliert: „Wir sind in einer starken Umwälzung von Berufen und das muss man einfach angehen.” Volkshochschulen mit ihrer regionalen Verortung hätten da einen hohen Stellenwert.

Auch Teilhabe ist ein Begriff, der an diesem Abend häufiger fällt. Kindern müsste, so Allmendinger, mehr eine Stimme gegeben werden. Gerade in Pandemiezeiten habe sich gezeigt, dass diese zu wenig zu Wort kämen. Auch Universitäten können ihren Beitrag zur Teilhabe leisten. „Es wäre schön, wenn auch die Universitäten aus dem Elfenbeinturm rauskommen und als offene Institution für die Gesellschaft wahrgenommen werden“, sagt Busemeyer.

Bildungspolitik: Lösung im Alleingang?

Und welche Rolle spielt der Regierungswechsel? Der Blick auf Rot-Grün-Gelb stimme die Beteiligten größtenteils hoffnungsvoll. „Im Koalitionsvertrag steht immerhin zum ersten Mal eine interessante Idee und zwar, dass die Bundesregierung über spezielle Programme gezielt strukturell schwache Schulen bezuschussen könnte“, sagt Busemeyer und weiter: „Das wäre ein Novum in der deutschen Bildungspolitik”. Großkreutz wirft ein, dass in jedem Parteiprogramm zwar immer viel zu lesen sei, ihr fehle aber der zweite Schritt: die Handlung.

Es braucht also noch viele Schritte, damit, wie Allmendinger es ausdrückt, Bildung in Deutschland nicht mehr nur „Sesam öffne dich!” bedeutet. Maßnahmen, die nur die Bildungspolitik betreffen, werden diese Ungleichheit nicht auflösen können. Einmal mehr wurde durch diese Veranstaltung ein strukturelles Problem offensichtlich, auf das ebenso die Sozial- und Wohnungsmarktpolitik reagieren muss.

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