„Die Bürde des weißen Mannes”

Rassismus ist in der Öffentlichkeit ein heiß diskutiertes Thema. Um Antworten auf ein menschengemachtes Konstrukt zu finden, hat Sophie Meub „Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen” gelesen. Ob es sich gelohnt hat, berichtet sie in unserer Bücherbingo-Rubrik.

Susan Arndt beschreibt unter anderem wie aktiver Antirassismus gelingen kann. Foto/Montage: FURIOS Wissenschaft.

Im Buch „Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen” konturiert die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt Rassismus als „paneuropäisches Projekt”, das als Rechtfertigung für den Kolonialismus salonfähig wurde. Beginnend mit den Ursprüngen, macht Arndt ein Thema zugänglich, vor dem viele zu schnell zurückschrecken. Sie zeigt, wer von einer rassistisch aufgeteilten Welt profitiert und hilft so, Rassismus als das zu erkennen, was er ist: Die Agenda eines weißen Europas, die durch die Erfindung von Unterschieden der Legitimation wirtschaftlicher, politischer und religiöser Herrschaftsansprüche dient. 

Woher kommt das Konstrukt der „Rassen”?

Die Wurzeln des Rassismus lassen sich bis in die Antike auf Aristoteles zurückverfolgen. Dieser begründete etwa um 300 – 400 v. Chr. Klimatheorien, welche behaupteten, verschiedene Klimazonen würden unterschiedliche menschliche „Rassen” hervorbringen. Weiße Menschen stellte er dabei an die Spitze der Hierarchie. Diese Klimatheorien dienten so als Rechtfertigung für griechische Eroberungszüge und wurden später von den Denker*innen der Aufklärung lediglich an die neuen Expansionsvorhaben angepasst.

In Deutschland waren es vor allem Kant und Hegel, die im Zuge der Aufklärung dazu beitrugen, dem Rassismus ein vorsätzlich wissenschaftliches Fundament zu bauen, auf das viele Rechtsextreme bis heute zurückgreifen. Sie beschrieben Unterschiede innerhalb der „Menschenrasse”, die sich beispielsweise in Faulheit und einem Mangel an Rationalität und Moral manifestieren würden. Häufig werde behauptet, ihre Theorien seien fortschrittlich oder wertfrei angelegt, was sich jedoch schnell als falsch herausstellt. Schließlich führen sie zu Hegels Geschichtsphilosophie, dem Bekenntnis zur „Bürde des weißen Mannes”. Demnach bestehe Europas Bürde darin, die Welt der „Barbaren”, wie er People of Color tituliert, zu zivilisieren. 

Rassismus prägt uns alle – und was jetzt?

Bestechend klare Ansagen machen das Buch lesenswert. Gerade in der letzten Hälfte kann Arndt als Sprach- und Literaturwissenschaftlerin glänzen: Es gibt konkrete Beispiele und Denkanstöße, wie wir Rassismus in unserem alltäglichen Leben und in unserer Sprache begegnen können. Hier reicht es nicht, die eigene Prägung durch eine rassistisch sozialisierte Welt zu verneinen und sich somit „farbenblind” zu geben. 

Es geht darum, aktiv antirassistisch zu sein. So kann man sich beispielsweise neuer sprachlicher Begriffe bedienen, um rassistisch geprägte Worte wie „Farbige*r” zu ersetzen.  Ausdrücke wie „People of Color” oder „rassialisiert Schwarze*r” verweisen dagegen auf die Rollen, die uns im Rassismus zugewiesen werden und prangern diese gleichzeitig an.

Das Buch hat allerdings auch Schwachstellen: Das Frage-Antwort-Prinzip ist zwar eine für den Leser sehr angenehme Struktur, lässt aber kaum Raum für Perspektivenvielfalt oder Diskussion. Auch ist die Perspektive, die hier geboten wird, die einer weißen Frau, die zudem zur deutschen intellektuellen Elite gehört. Wer sich also ein wirklich abgerundetes Verständnis von Rassismus in unserer Gesellschaft wünscht, ist gut damit beraten, auch Werke aus der Feder von anderen Autor*innen zu lesen. Dazu liefert das Literaturverzeichnis übrigens eine großartige Leseliste.

Eine Welt ohne Rassismus?

In jedem Fall ist Arndts Rassismus-Lexikon sehr empfehlenswert. Es regt an, über den Tellerrand hinauszublicken und zeigt, wie Rassismus im Unterbewusstsein der Gesellschaft, in den Lücken zwischen unseren Worten und all dem, was wir eben gerade nicht sagen, weiterexistieren kann. Es ist ein Aufruf, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, sie in einem globalen Kontext zu verstehen, zu lernen und daraus Schlüsse für unsere Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Vor allem aber hat Arndt eine optimistische Botschaft: „Rassismus ist – wie alles Menschengemachte – vergänglich.” Wir können uns von ihm befreien, wenn wir bereit sind, unser Denken und Handeln zu hinterfragen und zu ändern.

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