Molekül-Monet: Lässt sich der Impressionismus digitalisieren?

Die Grenzen zwischen Künstler und Betrachtenden auflösen, das nimmt sich die Ausstellung Monets Garden – Ein immersives Ausstellungserlebnis vor. Nina McAllister über einen Spaziergang durch die digitale Belebung von Monets Bildern in der Alten Münze.

In der Ausstellung Monets Garden – Ein immersives Ausstellungserlebnis sollen die Werke zum Leben erweckt werden. Foto: Nina McAllister/Illustration: Joshua Leibig

Während draußen die ersten Orkanböen dieses Wochenendes zu wüten beginnen, lädt die Alte Münze die eingetroffenen Besucher*innen zum gemütlichen Verweilen in Monets Gärten ein. Nach dem Abgeben der durchnässten Jacken steht man bereits im ersten Abschnitt der Ausstellung Monets Garden Ein immersives Ausstellungserlebnis. Der gedämpft beleuchtete Raum ist mit erwartungsvollem Gemurmel gefüllt und die farbenfrohen Projektionen bieten das Vergessen der Welt draußen an. 

Schon auf den ersten Blick zeigt sich, dass es sich nicht nur um eine Präsentation von Bildern handelt. Stattdessen nimmt sich die Ausstellung zum einen vor, die Gemälde Monets in Multimedia-Elemente zu übersetzen und damit den impressionistischen Malstil erlebbar zu machen. Zum anderen soll die Grenze zwischen Realität und Illusion für die Besucher*innen verwischt werden.

Umgesetzt wird dieses Bestreben in drei Räumen, die sich den Kunstwerken Monets je unterschiedlich nähern. Dabei werden Gemälde und Lebensdaten herausgegriffen und digital entschlüsselt.

Digitale Auseinandersetzung mit Farben, Licht und Pinselstrich

Im ersten Raum werden an vier Gemäldeausschnitten für Monet charakteristische Stilelemente herausgearbeitet. Zunächst wird sein impressionistisches Spiel mit dem Licht dargestellt, das den Moment des Sehens einzufangen versucht. Hier lösen sich zwei Bilder regelmäßig in kleine Pixel auf und schwirren in digitalen Formationen herum, bevor sie sich wieder zum ursprünglichen Bild verfestigen. Dann wird Monets leuchtendes Farbspiel thematisiert und dafür ein Gemälde in Skizzen, grelle Farbkleckse und rosa Glitzer aufgelöst, die rhythmisch über das Bild hüpfen. Der dritte Ausschnitt ist der malerischen Technik gewidmet, indem an unterschiedliche Kunstwerke herangezoomt wird und die Pinselstriche sichtbar gemacht werden.

Auch wenn die herausgegriffenen Kennzeichen ein vielversprechendes Erlebnis durch Sinneseindrücke erwarten lassen, irritiert die Umsetzung eher: Weder werden die Möglichkeiten der technischen Gestaltung komplett ausgeschöpft, noch überzeugen die Installationen durch Qualität. Vor allem jedoch gelingt es der Ausstellung nicht, eine digitale Verwirklichung der Bilder entsprechend zu den impressionistischen Merkmalen zu erschaffen. Monets Stil zeichnet sich dadurch aus, im unbewegten Bild Dynamik zu erzeugen. Diese Lebendigkeit wird in den Projektionen trotz ihrer Bewegtheit nicht geschaffen. Auch die Flüchtigkeit als Kennzeichen des Werks Monets wird durch die Molekülwellen nicht überzeugend gespiegelt. Zuletzt wirken die hüpfenden Farb- und Glitzerflecken eher wie eine kitschige Verzerrung als wie die authentische Wiedergabe der sanft leuchtenden Farbpalette und der fließenden Übergänge in den Bildern Monets. Kommt in seinen Gemälden das harmonische Verschmelzen von und mit der Natur zum Ausdruck, schafft dieser Raum es nicht, die digitale Grenze zu überwinden.

Spaziergang durch LED-Landschaften

Weiter geht es mit dem zweiten Raum, der einen Spaziergang durch das wahrscheinlich berühmteste Bild Monets verspricht: die Japanische Brücke. Beim Gedanken an die sanft gemalte Landschaft des Originals können die Betrachter*innen beinahe das warme Sonnenlicht und den frischen Wind auf den Armen spüren, vor Ort jedoch gleicht die verträumte Brücke dem Steg zu einem Discoboot. Die grellen LED-Lichter in knalligem Grün, Rot und Lila geben dem Kunstwerk einen kitschigen Charakter, der vom sonst so leichtfüßigen, impressionistischen Farbspiel Monets weit entfernt scheint. Einzig der auf den Boden projizierte Teich mit den dümpelnden Seerosen, über den sich im Original die Brücke schlägt, fängt die Atmosphäre des Originals ein. Doch die Blumen scheinen schlecht ausgeschnitten und überzeugen somit nicht durch illusionäre Verzauberung.

Über die Brücke und durch ein kleines Café gelangt man schließlich zur zweiten Hälfte des Raumes: Hier wartet ein Meer aus Pixeln auf einer Leinwand auf die Interaktion mit den Besucher*innen. Bewegungssensoren ermöglichen, dass sich parallel zum Hin- und Herbewegen der Arme und Beine auch die Moleküle der Leinwand mitbewegen. Außer den charakteristischen Hellblau- und Rosatönen lässt sich auch hier Monets Blick schwerlich nacherleben.

Wodurch dieser Abschnitt jedoch die Besucher*innen zu überzeugen scheint, ist die Instagramability. Ein Mensch nach dem anderen schlendert bedächtig über die Brücke oder schwenkt die Arme vor der Leinwand mit einer filmenden Handykamera im Rücken. Statt wie beworben die Gemälde zum Leben zu erwecken und in die Realität zu übersetzen, kommt die Lichterlandschaft damit doch eher in digitaler Form zur Geltung. Doch gerade eine Multimedia-Umsetzung hätte die Stärke besessen, den im Bild eingefrorenen Moment auftauen zu lassen.

Vorführung statt Immersion

Der dritte Raum ist als Höhepunkt der Ausstellung konzipiert: Ein großer Saal, der bis zum Rand mit Menschen gefüllt ist, verspricht eine 44-minütige Show. Sitzkissen laden zum Entspannen ein, doch aufgrund der Menschenmasse hat nur ein Bruchteil der Besucher*innen die bequemen Plätze ergattert. Insbesondere das rege Aufstehen und Durchqueren des Saals, was aufgrund der offenen Veranstaltung durchgängig geschieht, trägt nicht zum Vergessen der Umwelt bei. In diesem Abschnitt der Ausstellung werden Lebensdaten und Gemälde Monets gezeigt. Die Besucher*innen sollen dabei in die Bilder eintauchen und den Künstler hautnah erleben können. Dafür werden auf Wände und Boden Grafiken projiziert, während Musik oder Erzähler*innen-Stimmen im Hintergrund das Ganze untermalen. 

Dem „immersiven Ausstellungserlebnis“ kommt man an dieser Stelle am nächsten. Zum Teil wird der gesamte Saal in die Stimmung getaucht, die in den Bildern Monets eingefangen ist. Dafür werden die Gemälde mit unterschiedlichen Jahreszeiten und Motiven farblich und thematisch zusammengefasst, während klassische Musik ertönt. So können die Besucher*innen dämmrig-herbstliche Gemälde betrachten, die den Raum in gedämpfte Braun- und Grautöne tauchen und mit eher düsterer Musik und pfeifendem Wind einen kargen Novembermorgen nachempfinden lassen. Oder aber es kann dem Frühlingserwachen nachgespürt werden, wenn die Wände und Boden in blühenden Gärten mit leuchtenden Farben erstrahlen, während leichtfüßige Musik dahinfließt. 

Die Imposanz der Gemälde nimmt auf den großen Leinwänden besonders ein. Doch das Lebendigste an den Bildern sind die Staubkörner, die wie im Sonnenlicht über die Gemälde schwirren. Denn ansonsten werden die Werke hauptsächlich aneinandergereiht, während sie nach oben und nach unten schweben. Vereinzelt bewegen sich zwar Bildelemente – eine Rauchwolke hier, ein paar Wellen im Fluss da – und Windgeräusche pusten im Hintergrund, doch genau dieses Potenzial, die Bilder zum Leben zu erwecken, wird nicht weiter ausgeschöpft. 

Mehr digitale Welt als Realität

Mit diesen Eindrücken ist die Ausstellung enttäuschend, insbesondere mit Blick auf den überhöhten Preis (20 Euro regulär, 18 Euro ermäßigt). Der Ansatz, Kunst über die Verwendung von Technik näher an Menschen heranzubringen, ist auch nach dem Besuch noch vielversprechend. Denn er birgt die Möglichkeit, Kunst lebendiger zu machen und dabei nicht unbedingt auf das Original (beispielsweise im Falle der Japanischen Brücke zurzeit in der Londoner National Gallery) angewiesen zu sein.Die Umsetzung hiervon gelingt dem „immersiven Ausstellungserlebnis“ leider nicht. Das digitale Potenzial, das in einzelnen Momenten zum Vorschein kommt, mit den Möglichkeiten der Technik, die Bilder zu beleben und die Sinne der Betrachter*innen einzunehmen, wird nicht ausgenutzt. Die „Reflexionslandschaften“ Monets verbleiben damit in den Gemälden und werden kaum in die Realität übermittelt. Auch der hohe Preis macht die Kunst nicht der Allgemeinheit zugänglicher. Somit tut sich, statt die Grenzen zwischen Kunst und Mensch, zwischen Realität und Illusion aufzulösen, eher eine eigene Welt auf, die besonders gut auf Fotos bei Instagram zur Geltung kommt.


Die Ausstellung Monets Garden – Ein immersives Ausstellungserlebnis kann noch bis zum 20. März 2022 in den Räumen der Alten Münze in Berlin besucht werden.

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