„Sich dem Kosmos nicht nur ausgeliefert fühlen“

Glaube, Aberglaube oder Wissenschaft? Der Gedanke an Feng-Shui erweckt verschiedene Assoziationen: vom Möbelrücken über Yin und Yang bis hin zu Energieflüssen. Wer die Spuren der chinesischen Tradition ergründen möchte, stößt auf die verschiedensten Auslegungen und Ansätze. Von Pia Schulz und Lisa Hölzke.

Feng-Shui verspricht ein besseres Wohn- und Lebensgefühl. Illustration: Laura von Welczeck

‚Wind und Wasser‘ – das bedeutet Feng-Shui wörtlich übersetzt. Die Lehre hat ihren Ursprung in China und fand vor rund 5.000 Jahren erstmals schriftliche Erwähnung. Damals hatte die chinesische Weisheit aber noch nichts mit der Inneneinrichtung von Räumen zu tun. Es ging vielmehr darum, die richtigen Plätze für Gräber auszuwählen.

„Bereits in den frühesten chinesischen Denkschulen gibt es die Überzeugung, dass alle Phänomene des Lebens, der Natur, aber auch des sozialen Zusammenlebens von bestimmten Ordnungsmustern beeinflusst werden, die nicht menschengemacht sind“, erklärt Richard Ellguth, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Chinastudien an der Freien Universität.

Beim Feng-Shui werde zwar mit Landschaften, der Lage von Gebäuden und der Einrichtung von Räumen gearbeitet, im Mittelpunkt stehe aber der Mensch, erklärt Feng-Shui-Berater Andreas Bieler. Das Ziel sei es, das Herz oder anders gesagt das Zentrum zu stärken. Berliner Feng-Shui-Meisterin Parvati Hörler hingegen definiert Feng-Shui „im weitesten Sinne als die Lehre des gesunden Wohnens“.

Doch was bewegt die Menschen dazu, eine kostenpflichtige Beratung zu den eigenen vier Wänden in Anspruch zu nehmen? Denn über die auf Landschaften bezogenen Ursprünge hinaus fokussieren sich Lehre und Beratungen, die hierzulande angeboten werden, vor allem auf private Wohnflächen. Meist seien es „Schlafstörungen, ein Unwohlsein oder das Gefühl, dass man in der Wohnung gar nicht ankommt. Manchmal ist es auch mit dem Nachbarn ungut“, sagt Hörler.

Laut ihr wirkt das Zuhause stark auf den Menschen ein: „Es gibt immer eine Wechselwirkung zwischen Mensch und Raum. Wenn wir also in kranken Räumen leben, werden wir ebenfalls krank.“ Sie betrachtet den Raum als lebendigen Organismus. Doch was bedeutet das? Die Beraterin erklärt, dass es in jedem Raum Energieabdrücke gebe. Ähnlich wie Fingerabdrücke würden diese von jedem Menschen hinterlassen, der vor uns in einem Raum gelebt hat. Dadurch könne der Raum ebenso durch den Menschen erkranken wie umgekehrt.

Mit Symbolen, die wie Akupunkturnadeln wirken sollen, versucht Hörler diese negativen Energien zu verändern. Sie zeichnet winzige Symbole an die Wände und führt ein Ritual durch. Wie genau das funktioniert, kann sie leider nicht verraten – Berufsgeheimnis. Durch dieses Ritual und die allgemeine Anwendung von Feng-Shui wird, laut ihr, unser Chi-Fluss, also unsere Lebensenergie, erhöht und so ein gesundes Wohnen und Leben ermöglicht.

Es gibt aber nicht die eine ‚wahre‘ Form von Feng-Shui. Bieler und Hörler praktizieren unterschiedliche Subformen. Im Laufe der Zeit haben sich aus der klassischen chinesischen Lehre unterschiedliche Strömungen entwickelt. So konzentriert sich Hörler in ihren Beratungen auf energetisches Feng-Shui, auch Tao Do Hang genannt, während Bieler sich mit sogenanntem Modernen Feng-Shui befasst.

Modernes Feng-Shui ist Bieler zufolge auf die Lebenssituation der Menschen in Westeuropa angepasst. „Es ist naturwissenschaftlich geprägt“, sagt Bieler. „Man verzichtet auf das, was aus China kam und ideologisch beladen ist, wie zum Beispiel Hexagramme.“ Er arbeitet vor allem mit der Ausrichtung der Möbel in Räumen, basierend auf den Lichteinstrahlungen und den Energieflüssen, die er wahrnimmt. Das Ideal ist für Bieler, „in den Räumen eine Energie zu haben, die einigermaßen dem nahe kommt, was wir in der Natur finden“. Die konkreten Praktiken, die die Feng-Shui-Berater*innen anwenden, hängen also von der Form ab, die sie praktizieren, und sind stark von subjektivem Empfinden und Intuition geprägt. 

Ist die chinesische Lehre also der Weg zum besseren Leben? Deutlich zeigt sich: „Der Boom des Feng-Shui im Westen hat sich im Zusammenhang mit Alternativmedizin, Astrologie und Weissagepraktiken wie dem Tarot oder genereller Selbstoptimierung und Esoterik vollzogen“, erklärt Ellguth. Der Ursprungskontext des Feng-Shui werde dabei meist nur oberflächlich gestreift. „Es kommt bisweilen zu starken historischen Ungenauigkeiten oder Verfälschungen“, sagt der Mitarbeiter am Institut für Chinastudien. Die Umdeutung des Feng-Shui führe zu einer Ausweitung der Anwendungsgebiete wie beispielsweise „Ernährung, sexuelle Praktiken, Haltung von Haustieren, Unternehmensführung oder Schwangerschaft“.

Der Markt für Feng-Shui-Berater*innen, die sich als erfahrene Expert*innen ausweisen – beispielsweise in Form von Blogs oder als Influencer*innen –, hat sich dadurch stark vergrößert. „In Deutschland wird Feng-Shui als ‚klassische Erfahrungswissenschaft‘ beworben und es werden entsprechende Seminare für Feng-Shui-Berater*innen angeboten. Das ist natürlich auch ein Geschäftsmodell“, sagt Mechthild Leutner, FU-Professorin für Sinologie im Ruhestand. Hinzu kommt, dass die Berufsbezeichnung des*der Feng-Shui-Berater*in kein geschützter Begriff ist und die Praktiken vielfältig sind.

Wer in der Wohnung etwas ändern möchte und an Feng-Shui interessiert ist, sollte zunächst recherchieren, welche Berater*innen oder Vorbilder er*sie für sich für geeignet hält. Feng-Shui kann dem Wohlbefinden in einem gewissen Rahmen sicherlich helfen. Denn auch wenn die Wirkung wissenschaftlich nicht nachweisbar ist, greift laut Ellguth die bei religiösen Praktiken typische Selbstwirksamkeit: „Menschen haben das Bedürfnis, sich den Abläufen des Kosmos nicht nur ausgeliefert zu fühlen, sondern auch aktiv etwas tun und ‚dem Glück auf die Sprünge helfen‘ zu können.“

Warum also nicht in sich hineinhorchen und überlegen, ob das Bett eigentlich am richtigen Platz steht oder vielleicht doch eine Rechtsdrehung vertragen könnte?

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