Wohnen im öffentlichen Raum

Gemütlichkeit, Wärme, Sicherheit – Begriffe, die die Meisten mit Wohnen und Zuhause assoziieren würden sind nicht in allen Wohnformen selbstverständlich, geschweige denn gegeben. Aus eigener Erfahrung erzählt Klaus Seilwinder an einem kalten Novembertag einer schlotternden Gruppe Interessierter über die extremste aller Wohnformen: die Obdachlosigkeit. Anna Schönenbach war dabei und berichtet.

Klaus Seilwinder erzählt heute auf von Querstadtein organisierten Stadttouren seine Geschichte. Illustration: Viktoria Voucheva

Frei von Verpflichtungen, gepackt von Abenteuerlust und beschwingt vom Alkohol begann Klaus Seilwinder 2002 sein Leben auf den Straßen Berlins. Bei lauen Sommertemperaturen inmitten des Trubels am Bahnhof Zoo startete für ihn ein Weg, den er mit einer Wasserrutschen-Metapher beschreibt: „Oben sitzend fühlst du dich wie der Größte und die Fahrt ist zu Beginn aufregend und neu. Je tiefer man kommt, desto schneller wirst du aber. Es ist schwieriger, sich am Geländer festzuhalten, und unten angekommen gibt es gar keine Reling mehr. Wenn du am Boden bist, ist es sehr schwer, sich wieder hochzuziehen.” Klaus, der jetzt 64 Jahre alt ist, gelang 2009 der beschwerliche Weg, die Wasserrutsche wieder zu erklimmen. Von seiner Geschichte in die Obdachlosigkeit und wieder heraus erzählt er heute bei Stadttouren des ehrenamtlichen Verbands Querstadtein.

Zu Beginn der Tour klärt er über die Differenzierung zwischen wohnungslosen und obdachlosen Personen auf. Während Wohnungslose keine feste Bleibe haben, aber in Notunterkünften unterkommen, haben Obdachlose gar keine Unterkunft und leben auf der Straße. Das führe dazu, dass viele – laut Klaus’ Einschätzung 60 bis 70 Prozent der Obdachlosen – aus dem sozialen System rausfallen, da Meldeadressen und Personalpapiere notwendig seien, um in Kontakt mit Ämtern bleiben zu können. Die aktuelle Schätzung der BAG Wohnungslosenhilfe e. V. über Wohnungslosigkeit erfasste im Jahr 2018 circa 678.000 wohnungslose Menschen in Deutschland, wobei diese Zahl in den letzten Jahren wahrscheinlich um einiges gestiegen ist. Bei einer Zählung obdachloser Personen in Berlin Anfang 2019 zählten die Freiwilligen 1.976 Menschen. Diese Zahl wird jedoch von mehreren Hilfsorganisationen als zu gering bewertet und eher auf circa 6.000 geschätzt.

Die Tour mit Klaus startet am Spittelmarkt in Mitte, wo er sieben Jahre lang auf den Straßen schlief und sein Geld mit Pfandflaschensammeln verdiente. Eine Holzhütte auf einem Kinderspielplatz diente dem gebürtigen Frankfurter für zwei Jahre als Schlafplatz. Auch auf der Straße heißt Schlafplatz nicht gleich Schlafplatz. Den Umständen entsprechend war die kleine erhobene Holzhütte recht luxuriös, erzählt er: „Durch die Erhebung störten nicht so viele Tiere und die Entfernung zum Boden schützte vor Frost.” Zudem schlief er auf Pappe und wickelte sich, wenn es sehr kalt war, in Zeitungspapier ein. So seien frostige Temperaturen ertragbar gewesen. Nur am letzten Mittwoch des Monats schlief Klaus nie in seiner Hütte. „Ich wollte mich nicht verhexen lassen”, meint er und erzählt von einer Frauengruppe, die sich nachts auf dem Spielplatz zum Hexensabbat traf, Zeichen in den Boden malte und im Kreis tanzte.

„An die Kälte gewöhnt man sich nie”, sagt Klaus. „Man lernt halt, damit zu leben.” Die Möglichkeit, Notunterkünfte wie die Kältebusse der Berliner Stadtmission wahrzunehmen, hat er für gewöhnlich abgelehnt. Einmal sei er in einem solchen Bus untergekommen, kam jedoch nicht mit der Überfüllung und fehlender Hygiene klar. Da er selbst alkoholkrank war, war ihm Suchtverhalten nicht fremd. Die Erfahrung, das Blut seines Nachbarn bei einem Schuss in dessen Arm abzubekommen, hielt ihn jedoch von weiteren Übernachtungen im Kältebus ab. Trotz der erschwerten Bedingungen sei es möglich, sich einigermaßen zu pflegen. So bieten verschiedene Einrichtungen Duschen oder die Möglichkeit zum Wäschewaschen für Obdachlose an und die öffentliche Toilette am Gendarmenmarkt nutzte Klaus jeden Morgen, um sich aufzufrischen. Diesen Anspruch an sich selbst aufrechtzuerhalten, schaffe aber nicht jede*r. Manchmal helfe der Ansporn, am Ende des Tages genug Essen zu haben. Als Flaschensammler*in, sagt Klaus, sei es besser, passabel auszusehen und zu riechen, dann kriege man keine Probleme mit dem Supermarktpersonal beim Pfandabgeben.

Wahre ‚Schatztruhen’ seien oft Plätze vor Schulen sowie Veranstaltungen und touristische Orte. Manchmal wurde er auf eine Mahlzeit oder ein Getränk eingeladen, WGs oder Veranstaltende überließen ihm den über die Partys angesammelten Pfand. So kam es, dass er für einige Zeit regelmäßig Nächte im alten Tresor-Club verbrachte – als ‚alleiniger Pfandflaschenbeauftragter’ konnte er nach Feierabend die Flaschen der gesamten Räumlichkeit einsammeln und wegbringen.

Auf die Frage hin, was ein bewohnbarer Ort mit sich bringen muss, betont Klaus die Wichtigkeit eines sicheren Rückzugsorts auf der Straße. Von Bedeutung seien dafür eine belebte sowie barrierefreie Umgebung, ein gemischtes Zusammenleben und kulturelle Einrichtungen. Auch während seiner Obdachlosigkeit war ihm dieses Stadtgefühl nahe und gehörte zum Wohnort dazu. Andere wichtige Aspekte des Wohnens müssten auf der Straße jedoch komplett zurückgestellt werden und man bewerte sie hinterher ganz anders. Dazu gehören beispielsweise Privatsphäre und selbst entscheiden zu können, was man zu sich nimmt oder trägt. Solche Freiheiten musste er nach Jahren auf der Straße wieder erlernen. Der Begriff ‚Zuhause’ verändert sich mit der jeweiligen Lebenssituation. So betont Klaus, dass, wenn man auf der Straße gelebt hat, das Konzept ‚Zuhause’ oft materiell bedingt sei und nicht ‚Einstellungssache’. Die Sicherung des Existenzminimums  – Nahrung, ein warmer Schlafplatz, gesundheitliche Versorgung – müsse konstant mühselig selbst aufrechterhalten werden. Wie man Zuhause definiert, ist also stark an Privilegien gebunden.

Was im Sommer 2002 für Klaus mit dem aufregenden Straßenleben von Christiane F. am Zoo im Hinterkopf begann, endete Neujahr 2009 mit der Drohung eines Freundes, ihn fallen zu lassen. Durch mangelnde Beratung bei einem Sozialamtbesuch zu Beginn seines Lebens auf der Straße war Klaus vom Versuch, wieder in das Sozialsystem einzusteigen, abgeschreckt worden. Jahre später, von der Angst getrieben, noch einen Berliner Winter draußen verbringen zu müssen, begab er sich auf eine „Odyssee durch die Ämter.” Zahlreiche dicke Papierstapel, ein paar Reisen durch Deutschland sowie erfolgreich widerstandenen Alkoholversuchungen später hatte Klaus 2009 wieder einen Personalausweis, finanzielle Hilfe vom Staat und ein Dach über dem Kopf. Richtig zu Hause fühlt er sich jetzt in seiner Wohnung in Oberschöneweide. Ob er irgendwas vermisse? Nein – die Vorzüge und Reize des ‚freien Obdachlosenlebens’ seien schlicht Romantisierung. Am Ende würden die meisten vor Problemen wegrennen, meint Klaus. In unserer Gesellschaft könne man ohne Geld nichts anfangen und fühle sich so von der Gesellschaft ausgeschlossen. Dazu kommt noch das soziale Stigma obdachloser Menschen, welche auf der Straße kaum beachtet und manchmal sogar – vor allem von rechtsextremen Gruppen – angegriffen werden. „Oft ist es schwierig, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Man redet sich die eigene Situation besser, als sie ist, verlernt nach Hilfe zu fragen oder ist zu stolz, um sie anzunehmen. Wenn obendrauf eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit kommt und die Ausdauer und Disziplin, die bürokratischen Hürden zu bewältigen, fehlt, erscheint der Ausweg aus der Obdachlosigkeit fast unmöglich.”

Klaus war es wichtig, noch zu ergänzen, dass nicht von Obdachlosigkeit weggeschaut werden darf, da es ein gesellschaftliches Problem ist. Auch Verallgemeinerungen seien unangebracht und schwierig, da jede*r eine eigene Geschichte mit unterschiedlichen Gründen und Ursachen habe, wodurch er*sie in diese Situation hineingeraten sei. Dazu zählen Drogenabhängigkeit, Arbeitslosigkeit, schwierige Wohnverhältnisse, psychische Krankheiten, Flucht, eine zu niedrige Rente und vieles mehr. Man muss sich nicht zur Aufgabe machen, jede*n Obdachlose*n zu retten. Doch selbst das Wahrnehmen der Problematik und bereits kleinere Aufmerksamkeiten wie ein Brötchen, eine Pfandflasche oder ein Gespräch können Hoffnung geben.

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